Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1889)
- Date
- 1889-05-23
- Page
- Seite 318 (sequence 2)
- Language
- German
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318 Betätigung zu trennen, und daß man allgemein genug getan zu haben glaubt, wenn man zur Armencasse oder bei Sammlungen oder anderer Gelegenheit ein Stück Geld verabreicht hat. Dies ist zu einem wesentlichen Unterschiede geworden zwischen dem Wohlthätigkeitssinn der früheren und der gegenwärtigen Zeit. Die persönliche Theilnahme an der Uebung dessen, was man „Gemiluth Chessed" nannte, hat aufgehört, und eine Gemeinde kann es sich zum Glücke rechnen, wenn sich in ihr eine oder mehrere Personen finden, welche selbsttätig in die Angelegenheiten dieser Art eintreten und sich denselben hingeben. So war es auch eine Sitte, daß vor dem Beginne des Purimfestes, des Pesach und des Rosch-haschanah jeder Begüterte größere oder kleinere Geldbeträge an die Armen vertheilte, und zwar persönlich oder durch ein Mitglied seiner Familie. Leider kommt auch diese Sitte immer mehr außer Gebrauch, wie nicht minder der Besuch der Kranken und Leidtragenden. Man kann nicht verkennen, daß hierdurch die Gefühle der Barmherzigkeit, der Befriedigung durch Uebung der Wohlthätigkeit sich abschwächten, und die persönlichen Beziehungen zwischen Geber und Empfänger, also auch die Empfindungen der Nächstenliebe und der Zusammengehörigkeit verschwinden. Einen Ersatz bietet allerdings die Neigung unserer Zeit, für alle wohlthätigen Zwecke gut organisirte Vereine zu bilden, die ihre Ausgaben durch die Vereinigung der Kräfte in größerem Maßstabe zu lösen vermögen, nur daß eben die persönliche Thätigkeit, das persönliche Opfer, also das Unmittelbare des Herzens dabei in Wegfall kommt. — Die zweite Tradition, die wir hier erwähnen wollen, besteht in der Einfachheit bei der Bestattung der Todten. Seit uralter Zeit werden die jüdischen Leichen gleichmäßig in linnene Gewänder gekleidet und zwischen Brettern begraben, die in der neuesten Zeit zu fest gefügten Särgen ohne allen Prunk wrtAen. Einfache, zunächst hölzerne und an deren Stelle steinerne Gedenktafeln wurden auf die Gräber gesetzt. Desto intensiver haben sich die Trauergebräuche ausgestaltet. Jede Leiche wurde von allen irgend abkömmlichen männlichen Gliedern der Gemeinde zum Grabe geleitet; den gottesdienstlichen Handlungen im Sterbehause beizuwohnen, die Leidtragenden zu besuchen und für sie zu sorgen, war eine allgemeine Pflicht. Die nachhaltigen Trauerceremonien, namentlich der hinterlassenen Kinder, bis zu der über das ganze Leben der letzteren sich ausdehnenden Jahrzeit, brauchen wir nicht aufzuführen. Die moderne Bildung hat auch hierin mancherlei Breschen gelegt. Allerdings war es nothwendig, der Unordnung, die bei den Leichenbegängnissen eingerissen war, zu steuern. Jetzt sind an allen größeren Orten (in Mittel¬ und West-Europa) geschmackvolle Leichenwagen eingeftthrt; an vielen Orten Hai die Sitte, den Sarg mit Kränzen zu behängen, Eingang gefunden, und man errichtet auf den Gräbern prächtige Denkmäler aus Marmor mit Bildhauerverzierung und Vergoldung; die Inschriften sind einfacher geworden. Dagegen folgen dem Sarge nur die nächsten Freunde des Verblichenen und die Trauerceremonien werden von Vielen nicht mehr beobachtet. Will man einen Leidtragenden besuchen, so kommt man nicht selten in die Verlegenheit, ob ihm dies passe und ob man ihn zu Hause finde. Selbst für die Jahrzeit zahlt man an Waisenhäuser und Seminarien gewisse Summen, um sie von diesen abhalten zu lassen, was freilich diesen Anstalten eine günstige, oft unentbehrliche Einnahme verschafft. Man wird einwenden, daß diese Ceremonien ja nur Förmlichkeiten seien, die von einer aufrichtigen Trauer noch kein Zeugniß geben. Dies ist jedoch einseitig. Denn jede Trauerceremonie weckt immer von Neuem das Gefühl des Verlustes, die Erinnerung an den Todten und geht so selbst an dem härteren Gemüthe nicht ohne nachhaltige Einwirkung vorüber, während der, welcher alle diese Trauergebräuche in den Wind schlägt, und gleich nach der Bestattung das gewohnte Leben beginnt, das Gedächtniß und die Empfindung für das Ereigniß schnell verliert. Nun, wir halten die öfters erneuete Erinnerung besonders an die dahingeschiedenen Eltern für ein sehr wichtiges, sittliches Element in der Seele des Individuums, namentlich auch für das Familienband, das die Geschwister zusammenhält, für die Familienliebe. Wirkt doch auch das Beispiel auf das Heranwachsende Geschlecht, und wo dieses Gleichgiltigkeit oder Pflichtlosigkeit beobachtet, nimmt es diese in sich auf; das Gegentheil übt die wohlthätigste Wirkung. Wenden wir uns zur dritten. Als Schreiber dieses noch ein kleiner Knabe war, nahm ihn der Großvater — sein Vater war früh verstorben — bisweilen Sabbath Nachmittag mit in den Schiur, wo der Beth-hamidrasch-Rabbi einen Vortrag über einen talmudischen Satz, eine schwierige talmudische Stelle mit üblicher Spitzfindigkeit abhielt, worauf der Mincha-Gottesdienst erfolgte. Selten nur gab er einen unterhaltenden Midrasch zum Besten, denn die Rabbiner mißachteten den Midrasch und überließen ihn den Maggidim, welche einzeln^ Chebroth besorgten. Mein Großvater war ein schlichter, streng frommer Mann von mildestem Charakter, ein wackerer, redlicher Geschäftsmann, aber ohne alles Wissen, auch auf dem jüdisch-theologischen Gebiete. Einst fragte ich ihn beim Nachhausegehen: Großvater, was hat denn der Rabbi eigentlich gesagt? Da lächelte jener und sagte: das weiß ich auch nicht, lieber Junge, ich verstehe das nicht, aber für das Hingehen und das Anhören des Vortrages erhält man den -oc?, den Lohn für den Gang, es ist eine Mizwa und die muß man erfüllen. Dies war der Charakterzug der ganzen damaligen jüdischen Masse. Jedes Gesetz, jede Satzung, jede Vorschrift mußte einfach beobachtet werden, buchstäblich wie es herkömmlich war, und