Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1889)
- Date
- 1889-05-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Judcnthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner I)r. Ludwig Philippson in Honn. Expedition: -Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Nr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 23. Mai 1889. Nr. 21. Irrkslt. Leitende Artikel: Traditionen des Judenthums. II. — Die Juden in Rußland. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Stuttgart, Aus Württemberg, Mühlhausen. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Luxemburg: Luxemburg. - Schweiz: Zürich. — Großbritannien: London. — Feuilleton: Ein Vehmgericht. Bonn, 19. Mai. Traditionen des Zudenthums. ii. Wir haben jüngst (Nr." 19) Traditionen des Judentums besprochen, welche mit demselben so innig verwachsen sind, daß sie auch in unserer Zeit ihre volle Geltung haben, ja die sogar erst recht mit dem Geiste unserer Zeit übereinstimmen. Wir haben drei derselben in alten Aussprüchen ausgeprägt gefunden: die Achtung und Würdigung, die wir jeder aufrichtigen, auf dem Boden des jüdischen Gottglaubens gewonnenen Ueberzeugung schuldig sind; der Glaube, daß die Gerechten aller Völker an der ewigen Seligkeit Theil haben, und der Satz, daß eine Grundwahrheit leugnet, wer sich von der Gemeinde trennt. Hängt dochUpie^eFenwart der Neigung nach, die Rechte der Gemeinsamkeit den Rechten des Individuums gegenüber zu betonen. Es giebt aber auch Traditionen, welche viele Jahrhunderte in unserem Stamme lebten und ausgeübt wurden, und de«roch der umgestaltenden und zersetzenden Einwirkung UMver Zeit nicht Stand zu halten vermögen. Auch von dieM wollen , wir .drei" anführen. — N Zum Bewußtsein der ersten und ihres hohen Alters wird man kommen, wenn man die Stellen der Thora liest, in welchen vorgeschrieben wird, bei jedem Freudenmahl, besonders an den Festen: „Freue dich vor dem Ewigen, deinem Gotte, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und deine Magd und der Levi, der in deinen Thoren und der Fremdling und die Waise und die Wittwe, die in deiner Mitte." (5. Mos. 16, 11. 14.) So wurde es frühzeitig in Israel eine heilige Sitte, den Fremdling an den Freuden des Hauses und dessen Genüssen theilnehmen zu lassen. Und noch kräftiger sprach sich dies in dem bekannten Satze aus: b'iT) 'rr ,pDD~ bi „Jeder der hungrig ist, komme herein und esse mit, jeder Dürftige komme herein und feiere das Fest mit." Dies waren nicht Worte, die im Munde schön klingen, aber in der Wirklichkeit keine Bethätigung fanden. Kein Sabbath, kein Fest ging vorüber, ohne daß jede irgend bemittelte Familie einen durchreisenden Fremden, weß Standes er auch war, in ihr Haus und)M ihren Tisch gezogen hätte. Es wurde hief in den Gemeinden organisirt, so daß jeder Durchreisende sich vor dem Beginne des Sabbaths vom Armenvorstehec „ejne Plätte" (Billet) holte, die ihn anwies, in welcher Familie er die Sabbathmahlzeiten einnehmen solle. Niemand entzog sich dieser Pflicht, und in der Regel empfing man den Gast freundlich, wohlwollend, und we«^l er ein Gelehrter war, der bei Tische etwas „Worte der Lehre" sprechen konnte, mit Ehrerbietung. Die Kluft, welche die Bildung und der Geschiyack der neueren Zeit zwischen den verschiedenen Ständen hervorbrachte, untergrub allmählich diese alte SAe; man nahm Leute, die in ihrem Aeußeren nicht zum Hause paßten, nicht mehr an seinem Tische auf, so daß mit der Zeit jene Gastfreundschaft gänzlich aufhörte und man es der Armencasse überließ, für die D^tchwandernden zu sorgen. Es war dies der nächste Schritt, um die Wohlthätigkeit immer mehr von jeder persönlichen 21