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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-16 · Heft 20 (16.5.1889) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 20 (16.5.1889)
Date
1889-05-16
Page
Seite 315 (sequence 15)
Language
German
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315 waren, ist die Uebersetzung Mendelssohns in fünffüßigen ungereimten Jamben, einer Versart, die später, seit Lessings Nathan, zum eigentlichen deutschen Dramenmetrum geworden. Es heißt in dem Artikel: „Lessing, seit 1754 mit Mendelssohn bekannt, hatte den Freund in die schöne Literatur eingeführt. Durch ihn wurde der 25jährige Mendelssohn, der in seinen jüngeren Jahren i von diesen Schätzen des menschlichen Geistes wenig kennen! gelernt hatte, in die Tiefen der Kunst eingeweiht. Der Ver-! fasser der „Briefe über die Empfindungen" fühlte die Schön-! heilen der alten und neueren Dichter mit so empfänglichem! und lebendigem Gemüth, daß nicht bloß seine philosophische! und kritische Begabung daran Genüge fand. Er wurde selbst! zu dichterischen Versuchen angeregt: in einem Briefe gesteht er scherzend dem seit October 1755 in Leipzig weilenden Freunde seine Lust, Verse zu machen; er theilt ihm u. a. ein Bruchstück eines Gedichtes in Alexandrinern mit. Zur Uebersetzung des Hamletmonologs mußten ihn zunächst die Erörterungen über das Trauerspiel anregen, die er im Verein mit Nicolai vom Herbste 1756 bis Frühling 1757 mit Lessing geführt hatte. Mendelssohns Uebersetzung wurde bekannt durch Nicolais Bibliothek der schönen Wissenschaften. In; seinen „Betrachtungen über das Erhabene und das Naive! in den schönen Wissenschaften", die Mendelssohn verfaßte,! bevor er Burke's Schrift über den Ursprung unserer Ideen über das Erhabene und Schöne gelesen, spricht er von dem Erhabenen der Gesinnung, das sich so kurz und ungeschmnckti wie möglich ausdrücke. „Aber die nachdrückliche Kürze gefällt nur, wenn der Entschluß gefaßt ist." Eine erhabene Seele dagegen zeige sich reich und unerschöpflich an Gedanken, wenn sie ihre Handlungen überlegt. Die unentschlossene Seele, sagt Mendelssohn, schwankt wie von Wellen getrieben von einer Seite zur anderen und reißet die Zuhörer mit sich fort, bis sie endlich die Stimme der Tugend erkennt; sogleich sind alle Zweifel beseitigt, der Entschluß steht fest. Aus diesem Erhabenen entspringen die Monologe in den Trauerspielen, die in der neueren Zeit den Chor (er sagt das Chor) vertreten. Dann führt er Monologe der französischen Tragiker an. „Jedoch werden sie alle von dem berühmten Monologe des Hamlet beym Shakespeare im 3. Aufzug übertroffen." — Später überarbeitete Mendelssohn seine Abhandlung und in ihr die Uebersetzung des Monologs. Auch hatte er seitdem Griechisch erlernt und konnte seine Uebertragung aus Oedipus nach dem Original verbessern. Wir stellen die Uebersetzung des Monologs nach der verbesserten Gestalt hierher. „Seyn oder Nichtseyn; dieses ist die Frage! Isis edler, im Gemüth des Schicksals Wuth Und giftige Geschoß zu dulden; oder Sein ganzes Heer von Quaalen zu bekämpfen, Und kämpfend zu vergehn. —Vergehen? — Schlafen! Mehr heißt es nicht. Ein süßer Schlummer ists, Der uns von tausend Herzensangst befreit, Die dieses Fleisches Erbtheil sind! wie würdig Des frommen Wunsches ist vergehen, schlafen! Doch schlafen? Nicht auch träumen? — Ach! hier liegt Der Knoten! Träume, die im Todesschlaf Uns schrecken, wenn einst dieses Fleisch verwest Sind furchtbar! Diese lehren uns geduldig Des langen Lebens schweres Joch ertragen. Wer litte sonst des Glückes Schmach und Geißel, Der Stolzen Uebermuth, die Tyranney Der Mächtigen, die Quaal verschmähter Liebe Den Mißbrauch der Gesetze, jedes Schalks Verspottung der Verdienste, mit Geduld? Könnt uns ein bloßer Dolch die Ruhe schenken, Wo ist der Thor, der unter dieser Bürde Des Lebens länger seufzete? — Allein Die Furcht für das, was nach dem Tode folgt, Das Land, von da kein Reisender zurück Auf Erden kam, entwaffnen unfern Muth. Wir leiden lieber hier bewußte Quaal, Eh wir zu jener Ungewißheit fliehen — So macht uns alle das Gewissen feige. Die Üeberlegung kränkt mit bleicher Farbe Das Angesicht des feurigsten Entschlusses. Dieß unterbricht die größte Unternehmung In ihrem Lauf, und jede wichtige That Erstirbt.- Erst in der erweiterten Abhandlung findet sich auch noch ein Stück des Monologs am Schluß des zweiten Aufzuges übersetzt. Mendelssohn zeigt, wie kunstvoll Shakespeare aus den geringsten Umständen glückliche Wendungen zu erzielen weiß. Die Wirkung des Erhabenen sei um so stärker, je weniger man sich bei der Geringfügigkeit der Ursache solcher tragischen Folgen versehen habe. Nachdem der Schauspieler von Hekuba gesprochen, ruft Hamlet allein aus: O welch ein kriechender, elender Sklave Muß Hamlet sein! wie ungeheuer! dieser Gaukler Erdichtet Kummer, träumt von Leidenschaft, Und seine Seele folgt der Phantasei, Und wilkt, entflammt sein Angesicht, verleiht Den Augen Thränen, seinen Blicken wilde Bestürzung, seiner (Stimm* ein tödtlich Röcheln; Der ganze Mann entspricht dem eingefaßten Wahne. Für wen? für Hekuba? Was geht ihn Hekuba? was geht er sie an? Und er kann weinen? O was würd* er thnn, Hätt' er den Trieb zur Leidenschaft, der mich Anspornet?"

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