Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1889)
- Date
- 1889-05-16
- Page
- Seite 314 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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314 sei, welches sich vergebens um die Concession beworben habe. Lasters Antwort war vernichtend. Graf Roon widerrief die Verdächtigung; der König, der persönlich über Wagener in höchstem Maße erregt war, verlangte die Einsetzung des bekannten Untersuchungsausschusses, und in dem dickleibigen Berichte desselben könnten gewisse Volksvertreter noch heute eine Mahnung zu friedlichem Stillleben finden. Man hat neuerlich wieder versucht, Lasker's Auftreten auf persönliche Beweggründe zurückzuführen und Wagener's Haltung als ganz harmlos darzustellen. Beides ist mit der Wahrheit unvereinbar. Wagener's Person stand Laster nicht näher noch ferner als irgend ein anderer seiner politischen Widersacher. Es ist auch nicht Lasker's Schuld, wenn die Untersuchung nicht rücksichtslos, ohne Ansehen der Person und Partei, weiter geführt und öffentlich betrieben wurde. Die Machenschaften aber, bei denen Wagener zumeist der geistige Urheber war, sind ein solches Gewebe verwerflicher Scheinkünste zur Umgehung des Gesetzes und persönlicher Bereicherung, daß ihre mühsame Aufdeckung um so rühmlicher war, als sie keineswegs jeder Gefahr entbehrte, den Beamtenstand aber bei dem Beginne der Corruption vor dem Umsichfressen dieses Krebsschadens bewahrte. Wagener, der bei einer einzigen Dienstleistung ein Trinkgeld von 66,000 M. erhalten hatte, mußte seinen Abschied nehmen, nachdem ihm Graf Jtzenplitz vorangegangen war. Er hoffte wieder zur Geltung zu gelangen, und in der That, der Kanzler, der ihn am Morgen nach der Entlarvung persönlich aufgesucht und angeherrscht haben soll: „Wollen Sie fliehen oder kämpfen?" erbarmte sich noch einmal des unverbesserlichen Gehilfen und sandte ihn zu dem Eisenacher Katheder-Socialisten- Congreß, als „einen für die Sachen durchaus kundigen Mann, einen Mann von Geist". Aber die moralische Wunde, die Wagener erlitten hatte, war nicht mehr zu heilen. Er konnte an ihr sechzehn Jahre siechen, aber nicht mehr gesunden. Seither hat Hermann Wagener ein kümmerliches Dasein geführt. Er versuchte verschiedentlich die Erinnerung der Regierung und der Parteien auf sich zu lenken, bald durch Aufsätze in der „Deutschen Landeszeitung", den „Politischen Gesellschaftsblättern", der „Deutschen Revue", bald durch kleine Broschüren und Denkwürdigkeiten; er fand auch, obwohl er im Verdachte stand, an der „Reichsglocke" mitgeläutet zu haben, durch Hinterthüren Eingang zu einflußreichen Personen, und wir erinnern uns, daß er in die erste Nummer eines fortschrittlichen Blattes ein Kuckucksei mit heftigen Angriffen auf Achenbach und Camphausen zu schmuggeln wußte, ehe noch ein Laie eine Ahnung von dem baldigen Schicksal dieser Minister haben konnte. Aber amtlich war und blieb er abgethan, und seine Freunde von ehedem, wenn sie ihn auf der Straße trafen, zogen vor, über den Damm auf die andere Seite zu gehen, um nicht zu verrathen, daß sie ihn je gekannt halten. Auch materiell war sein Lebensabend traurig. Die Gründer der Pommerschen Centralbahn wurden zu einer Entschädigung von 1,600,000 Mark verurtheilt; Wagener mußte 120,000 M. zurückzahlen. Viele andere Klagen wurden gleichfalls gegen ihn angebracht, auch solche, die seinen Charakter in düsterem Lichte zeigten. Er hatte selbst große Summen angenommen, um — den Fürsten Bismarck Zu beeinflussen, ein Versuch, der nothwendig scheitern mußte. Und auf Rückzahlung dieser Summe ließ sich Wagener verklagen und verurtheilen, ohne den angegebenen Zweck der Zahlung zu bestreiten. Der Gerichtsvollzieher war seit 1873 häufig Wagener's Gast. Das bedeutende Geldgeschenk, welches einst die conservative Partei unter Führung des Grafen Zedlitz-Trützschler Wagener darbrachte, überreichte sie in einem Portefeuille, das als Vignette das eiserne Kreuz mit der Umschrift trug: „Amico nec pluribus impari.“ Vielleicht ist ihm das Portefeuille geblieben; der Inhalt mitsammt allen Ehrenbechern und sonstigen Auszeichnungen hatte lange vor seinem Tode die Behörde für die Gläubiger in Beschlag genommen . . . So hat sich an diesem Manne in einer seltenen Weise die Vergeltung bethätigt. Von einem unleugbaren Talente unterstützt, hat er sein Leben lang den eigennützigsten Bestrebungen, der Jntrigue, der Lüge und dem Haffe gedient, war in die Höhe gekommen, dann aber in die Fallen gerathen, die er Anderen gestellt hatte. Zu Ehren und Würden emporgestiegen, sank er durch eigenes Verschulden in die Tiefe, verlebte ein einsames und sorgenvolles Alter und starb vergessen und verachtet. Man könnte meinen, er habe einem der Bilder gesessen, welche die Freunde Hiob's von dem Leben und der Strafe des Sünders entwerfen. Moses Mendelssohn als Ueberletzer aus Shakespeare und Sophokles. Unsere Zeit gräbt Alles auf und streift den Staub der Vergessenheit davon ab. Diese raschlebige Gegenwart consumirt ihre eigenen Producte allzu schnell und zieht deshalb was nur interessant und pikant ist, zum Mitverbrauch aus der Vergangenheit heran. In einem Aufsatze in der Sonntagsbeilage zur „Voss. Ztg." vom 5. Mai „Der Hamletmonölog und Lessings Freunde, Mendelssohn und Kleist" von Daniel Jacoby wird ausführlich behandelt, wie Mendelssohn 1755 zu einer metrischen Uebersetzung des berühmten Monologs Hamlets „Sein oder Nichtsein" und einer Scene aus Oedipus gekommen. Während damals Uebersetzungen Shakespeare's nur in Prosa vorhanden, sonst aber für Dramen Alexandriner gebräuchlich