Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1889)
- Date
- 1889-05-16
- Page
- Seite 313 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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313 treffliche Lebensbild, das von ihm in der „Voss. Ztg." vom 27., 28. und 30. April entworfen ist, und das unparteiisch die Talente des Mannes, aber auch seine verwerflichen Eigenschaften und Handlungen in scharfen Umrissen zeichnet. W. war ein Pastorssohn zu Segelitz in der Mark geborgt, „knorrig und eckig schon in seiner äußeren Erscheinung, wie die Kiefer, die dem Sande entsprossen ist," aufgewachsen inmitten des märkischen Junkeradels. Consistorialassessor in Magdeburg, machte er sich durch seinen Fanatismus gegen die „freireligiöse Gemeinde" bemerklich. 1848 sollte er versetzt werden, schied aber lieber aus dem Staatsdienste. Mit Hilfe der Goeschel, Gerlach, Stolberg und Senfft-Pilsach und mit dem Gelde des Grafen Voß gründete er die Kreuzzeitung und suchte die conservative Partei zu sammeln, was ihm auch gelang. Sein Bestreben ging dahin, auch die Minister unter sich zu bekommen und so der „kleinen, aber mächtigen Partei" die Führung zu verschaffen. Scheute er sich doch selbst nicht, dem Prinzen von Preußen, nachmaligen Kaiser Wilhelm, entgegenzutreten und entgegenzuarbeiten. Dennoch war der König Friedrich Wilhelm IV. ihm abgeneigt und wollte nichts von ihm wissen. Wir können ihn hier in seiner viel bewegten Laufbahn nicht verfolgen, genug, von Anfang an betrieb er durch Artikel und Broschüren gegen die Juden practischen Antisemitismus. Es heißt in dem angeführten Aufsatze: „Jüdische Richter waren ihm ein Greuel, jüdische Literaten wußte er zu benutzen, aber gegen die „Judenpresse" eiferte er wie nur später Herr Adolf Wagner, sein gesinnungsverwandter Namensvetter. Es liegt eine gewisse bittere Ironie des Schicksals in der Thatsache, daß gerade dem ersten namhaften Vorkämpfer des Antisemitismus das Berhängniß von dem Juden Lasker kommen sollte, der Wagener alle jene Thaten nachwies, welche derselbe summarisch „den Juden", auch denen christlichen Bekenntnisses, den Juden im Sinne von Radowitz, nachgesagt hatte." Ferner: „In einem kleinen Schriftchen, in welchem ein Secretär des Herrn Gödsche einiges Aergerliche über seinen Herrn ausplaudert, findet sich folgender Brief des Herrn Gödsche: „Herr Assessor Wagener läßt bei Ihnen anfragen, ob es Ihnen möglich, einen getauften oder ungetansten armen Juden aufzutreiben, welcher gegen gute Bezahlung die Autorschaft der beiden Judenartikel übernehmen will? Er will dann plaidiren." Dieser boshafte Humor, einen Juden mit „guter Bezahlung" zur ostensibeln Lästerung seines eigenen Glaubens zu verlocken, ist ein kleiner Zug, aber er gehört in die Physiognomie." Schon damals verwickelte sich W. in Processe selbst um ganz kleine Summen und gegen Handwerker, die er beschäftigt hatte, in welchen er die schlaueste Jntrigue und eine schrankenlose Gewissenlosigkeit erwies, indem er heute ganz anders aussagte wie gestern, um die Dinge in völlige Verwirrung zu bringen. In das Abgeordnetenhaus gewählt, machte er sich nur durch reactionäre Anträge, wie auf die Beseitigung des Berfassungsparagraphen über die Gleichberechtigung aller Preußen bemerklich, erwies aber seinen gänzlichen Mangel an Rednertalent. Während der „neuen Aera" lahm gelegt, brach eine neue Zeit für den Staatssocialisten Wagener au, als sein alter Genosse und Mitarbeiter, Herr von Bismarck-Schönhausen, an die Spitze des Staates trat. Unter Anderem bestellte Wagener eine Broschüre gegen das Manchesterthum bei dem Privatdocenten Dühring, und nannte sich auf dem Titel als Verfasser. Hierüber entstand ein seandalöser Proceß, in welchem W. verurtheilt wurde. Am charakteristischesten für den Vater des preußischen Antisemitismus ist der Schluß der angeführten Abhandlung, den wir deshalb hier wiedergeben müssen. Es heißt da: „Processe wie mit dem Secretär Falk hat Wagener nicht wenige geführt; Dühring behielt er das Honorar vor; die Erhebung der Abgeordnetendiäten für eine Session, an welcher Wagener gar nicht theilgenommen hatte, erregte einen öffentlichen Scandal; den Geheimrath Jacobi verstand er durch die zweifelhaftesten Mittel aus dem Decernat über die Concessionirung von Versicherungsgesellschaften zu verdrängen, j und dann hausirte der Geheime Rath im Ministerium mit ■ Concessionen und vertiefte er sich in den Irrgarten des Gründungsschwindels, um die „Christianisirung des Capitals" zu vollenden und die chronische Schwindsucht seines eigenen Geldbeutels zu heilen. Der Wirkliche Geheime Oberregierungsrath und erste Vortragende Rath im Statsniinisterium hatte endlich sein Ziel erreicht und den Jmmediatvortrag bei dem Könige erhalten. Besonders angenehm konnten die Gefühle des Monarchen nicht sein bei dem Anblicke eines Mannes von der Vergangenheit und Eigenthümlichkeit des staatssocialistischen und frömmelnden Gründers der „Kreuzztg.", der seine Beziehungen zu diesem Blatte ganz erst in der Zeit des „Culturkampfes" löste. Aber der Herrscher sollte vor diesem Anblick bewahrt bleiben. Denn inzwischen brach die Katastrophe über Wagener herein, ein furchtbares Strafgericht, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Der Abgeordnete Lasker brachte am 14. Januar 1873 Mißbräuche bei Elsenbahngründungen zur Sprache, insbesondere bei der Ertheilung von Concessionen. Es folgten die Anklagen gegen die Pommersche Centralbahn und die Berliner Nordbahn, gegen „Schuster Oder- Wagener" und den Prinzen Biron und Fürsten Putbus. Wagener hatte den traurigen Muth, dem Grafen Roon, der damals Ministerpräsident war, einen Brief in die Feder zu dictiren, der Lasker beschuldigte, Wagener nur verdächtigt zu haben, weil er selbst Syndikus eines großen Bankhauses