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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-16 · Heft 20 (16.5.1889) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 20 (16.5.1889)
Date
1889-05-16
Page
Seite 312 (sequence 12)
Language
German
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312 lich eingeäschert; ungefähr hundert Familien, meist Juden, sind obdachlos, das Elend ist groß. — In Lyon fand am 31. April die Bestattung des Herrn E. Bloch, Procureur de la Republique, statt, der in seinem 45. Lebensjahre verstorben ist. Zu seiner Beerdigung waren die Behörden, Vertreter des Gerichtshofs, der Advokatenbank, des Präfekten und Bürgermeisters, auch der Armee herbeigeeilt. Ein Piquet Infanterie gab dem Verstorbenen als Ritter der Ehrenlegion die Ehrenbegleitung. Der Großrabbiner Levy hielt eine ergreifende Trauerrede, worauf der Substitut des Procureurs im Namen des Parquets, der Generaladvoeat und noch einige andere Abschiedsreden an den betrauerten Dahingeschiedenen richteten. — Die verstorbene Madame Rachel Bertholara in Mailand hat die Summe von 500000 Francs den verschiedenen Wohlthätigkeitsanstalten in dieser Stadt vermacht. — Unter den Monumenten der Vergangenheit, die freilich nicht sämmtlich die Aufbewahrung verdienen und die namentlich in Italien im Verschwinden begriffen sind, befindet sich jetzt auch das Ghetto von Florenz. Es wird gegenwärtig vollständig niedergerissen. — Man schreibt uns aus Bielefeld: Die verflossene Woche war für die hiesige Synagogen-Gemeinde eine recht bedeutungsvolle. Ihr bisheriger Religionslehrer und Prediger Herr Blumenau, welcher 47 Jahre seines Amtes gewaltet und darunter allein 34 Jahre in Bielefeld, ist in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Herr Blumenau, als vorzüglicher Redner, wie als Mensch allseitig beliebt und verehrt und auch durch seine schriftstellerische Thätigkeit (wir erinnern hier an seine Werke „Aben Esra," „Gott und der Mensch," „Schillergarten," „Lessingprrlen" und mehrere freimaurerische Schriften) in weiteren Kreisen bekannt, hielt am 27. April seine Abschiedspredigt, welche in ihrer tief zu Herzen gehenden Weise die zahlreiche Hörerschaft mächtig ergriff. Besonders erregend für den Scheidenden war eine Schulfeier am gestrigen Nachmittage, zu welcher sich die jüdischen Schüler und Schülerinnen aller hiesigen Schulanstalten, etwa 120, in einem Saale der ersten Bürgerschule versammelt hatten, um ihrem bisherigen Lehrer noch ihren Dank auszudrücken und einen ergreifenden Abschiedsgruß zu spenden. Der letztere wurde von einer Schülerin der städtischen höheren Töchterschule vorzüglich declamirt und war von einigen sehr werthvollen Geschenken begleitet. Tief erschüttert dankte der Scheidende und richtete an die im Festgewande erschienenen Kinder, deren Andenken er im liebenden Herzen trage, rührende Mahn- und Abschiedsworte. Der gestrige Abend vereinigte eine größere Anzahl, ca. 60 Mitglieder der Gemeinde, zu einem Mahle, welches zu Ehren des Scheidenden und zur Begrüßung seines Nachfolgers im Saale der Gesellschaft „Eintracht" veranstaltet worden war. In schöner Gemüthlichkeit verlief dieses Festmahl unter ernster und heiterer Wechselrede. Wir dürfen versichern, daß die Liebe und Verehrung, deren sich Herr Blumenau erfreute, nicht auf den Kreis seiner Gemeinde beschränkt geblieben ist; möge ihm an der Seite seiner vortrefflichen Gattin ein recht langer heiterer Lebensabend beschieden sein! Allem Anschein nach ist die Wahl seines Nachfolgers, Herrn Coblenz, der gestern eine begeisternde Antrittspredigt hielt, eine recht glückliche gewesen, was wir von Herzen wünschen. Ieuit Das Sild eines eingefleischten Antisemiten. Wir haben jüngst den Tod des Hermann Wagener, des Gründers der „Kreuzzeitung" (1848), Geheimen Oberregierungsrathes und ehemaligen ersten Vortragenden Rathes im Ministerium, gemeldet. Wir bezeichneten ihn als den eigentlichen Urheber des Antisemitismus, denn mit dem Beginn der Kreuzzeitung eröffnete er die Hetzartikel gegen die Juden, welche dieses Blatt bis heute fortgesetzt hat. Auch früher, in dem heftigen Kampfe um die Gleichberechtigung, hatten die Gegner Gelegenheit genommen, die Juden zu verdächtigen und anzuschuldigen; aber es lag doch dieser ausgesprochene Zweck zu Tage. Von Wagener an jedoch griff man die Veranlassung, die Juden zu bekämpfen, geradezu aus der Luft, man wollte ihre Existenz nicht dulden, sie aus dem gesellschaftlichen und bürgerlichen Leben verbannen, und l e 1 o n. bald fand Wagener ein lautes Echo nicht blos in den affilirten Blättern der Kreuzzeitung, sondern auch in den ultramontanen Zeitschriften, namentlich auch an der Donau. Wagener's System ging auf einen christlich-socialen absoluten, doch von dem Adel beherrschten Staat hinaus, und deshalb sollten die Juden daraus verbannt sein, sowohl weil sie eben nicht christlich, als auch weil sie ein rühriges liberales Volkselement seien. W. war ein echter Schüler Loyola's; obschon er die Jesuiten heftig bekämpfte, befolgte er doch ihre Grundsätze, vielleicht noch entschiedener als sie, besonders den, daß der Zweck die Mittel heilige. Er war während seines ganzen Lebens ein Frömmler, trat in die Secte der Jrvingianer ein und spielte da die Rolle eines „Erzengels". Dabei war ihm aber der sittliche Charakter einer Handlung gänzlich gleichgiltig. Wer die Beweise hierfür finden will, die wir an dieser Stelle nicht weiter aussühren können, der lese das

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