Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1889)
- Date
- 1889-05-16
- Page
- Seite 309 (sequence 9)
- Language
- German
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309 jetzigen Culturstufe tief in das Mittelalter zurückkehren soll. So wenig ihnen dies nachgegeben werden wird, so dient doch die mächtige Unterstützung der Klerikalen dem Antisemitismus zur Nahrung und Stärkung. In St. Pölten wurde dieser Tage wieder ein Antisemit in den Gemeinderath gewählt und bei den Bezirksrathswahlen erhielten in der ganzen Stadt, die Leopoldstadt ausgenommen, die Antisemiten die Majorität. — Am 3. d. trat das Abgeordnetenhaus wieder zusammen. Chlumecky und Genossen (Linke) interpellirten den Ministerpräsidenten wegen des Tramwoystrikes: „Wie könne die Regierung die Unterlassung eines rechtzeitigen energischen Einschreitens zur Beilegung des Strikes erklären, und, da die Excesse ditz Gefährlichkeit der bisherigen Konnivenz der Regierung gegen eine systematische Verhetzung gegen eine bestimmte Klasse von Staatsbürgern klar erwiesen haben: ist die Regierung gewillt, künftighin diesen Verhetzungen pflichtmäßig entgegenzutreten und für eine gleichartige Anwendung der bestehenden Gesetze gegenüber Jedem ohne Unterschied der Konfession und Parteistellung zu sorgen?" Der Justizminister Graf Schönborn erklärte in Beantwortung der Interpellation, daß er strenge dafür sorgen werde, daß den Institutionen aller in Oesterreich gesetzlich anerkannten Kirchen- und Religions-Genossenschaften der ihnen gesetzlich gewährleistete Schutz gegen Verunglimpfungen in der Presse immer zutheil werde. Im Gemeinderathe stellte das Mitglied desselben Malzenauer Namens der Fortschrittspartei den Antrag, der Bürgermeister möge die erforderlichen Schritte unternehmen, damit der Saatenmarkt wieder in Wien abgehalten werde. Der Antisemit Vetter erging sich darauf in Schmähungen gegen die Juden und die jüdischen Blätter, welche nach ihm durch ihre Denunciationen das Zustandekommen des Saatenmarktes gefährdeten. Es folgten dieser Rede aufregende Scenen, während welcher die bübische und gemeine Sprache ver Antisemiten von mehreren Rednern gebührend zurückgewiesen wurde, so daß auch schließlich der Bürgermeister erklärte, daß die Antisemiten alle Parteien in der rohesten Weise angrifsen. Die Wirthschaftssektion des Gemeinderathes lehnte den antisemitischen Antrag auf Abhaltung eines christlich-patriotischen Festes im Rathhaussaale als Demonstration gegen das Centenarium der französischen Revolution ab. Wien, 7. Mai. Bei den heutigen Bezirksausschußwahlen im zweiten Wahlkörper siegten in Leopoldstadt, Wieden, Josefstadt die Liberalen, in Mariahilf die Antisemiten, auf Neubau und Alsergrund sind Stichwahlen nothwendig. Die Deputation des Vereins für Fremdenverkehr unter Führung des Abg. Baron Pirquet erschien bei dem Ministerpräsidenten Taaffe, um ihre Bedenken gegen die antisemitischen Agitationen vorzulegen. Graf Taaffe erklärte, es sei schwer, die antisemitischen Ausschreitungen der Presse und Vereine hintanzuhalten, da unser Preß- und Vereinsgesetz zu weitgehend und liberal sei. Als Beweis, daß die Regierung es sich angelegen sein lasse, den Ausschreitungen der antisemitischen Agitation entgegenzutreten, führte er die energische Haltung der Regierung anläßlich der Excesse beim Tramwaystrike an. Schweiz. Bon«, 6. Mai. (Privatmitth.) Wir erhalten folgendes Rundschreiben, welches wir in allen seinen Theilen wahr und angemessen erkennen. Auch wir hatten Gelegenheit, mit dem sel. A. Keller in Verbindung zu treten und ihn hochachten zu lernen. Die Redaktion. Das Schreiben lautet: „Wie Ihnen wohl durch die Tagespresse bekannt, findet am Sonntag den 12. Mai im Rathhausgarten zu Aarau die Einweihung des Denkmals Augustin Kellers statt und es verbindet sich damit eine Gedenkfeier zu Ehren dieses großen Todten. Treffend und schön sagen diejenigen, welche uns in einem Aufrufe zur Theilnahme an der genannten Feier einladen: „Ein wackeres Volk ehrt feine wackeren Männer." Was Augustin Keller seinem engern Vaterlande war und welche Verdienste er sich um die Eidgenossenschaft erworben, davon wird so lange die Rede sein, als es eine Geschichte des Schweizervolkes giebt: Auch der schweizerische Israelit hat alle Veranlassung, in Verehrung und Dankbarkeit des großen Staatsmanns zu gedenken. Denn er war es, der mit Einsetzung seiner ganzen Kraft und mit der vollen Wucht seiner gewaltigen Beredsamkeit die Emanzipation der aargauischen Juden durchsetzte! Augustin Keller war es, der die Ghettos von Lengnau und Endingen öffnete und uns zu vollberechtigten und freien Bürgern eines freien Staates machte! Lesen Sie die vom Geiste Lessings durchwehte Rede, die Keller anläßlich der „Judendebatte" am 15. Mai 1862 im aargauischen Großen Rathe hielt (sie folgt hier beigeschlossen) und Sie werden mit uns in bewundernder Dankbarkeit ausrufen: Ehre seinem Namen! Keine Undankbaren hat Keller verpflichtet, als er für die Juden eintrat! Auch wir wollen seiner am nächsten 12. Mai gedenken. So recht im Geiste Augustin Kellers aber feiern wir sein Gedächtniß, wenn wir jenen Tag mit einer guten That beschließen! Wir laden Sie deßhalb ein, mit uns an eine milde Gabe beizusteuern, die wir am Tage der Gedenkfeier einer wohllhätigen aargauischen Anstalt zu überreichen gedenken 20