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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-16 · Heft 20 (16.5.1889) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 20 (16.5.1889)
Date
1889-05-16
Page
Seite 308 (sequence 8)
Language
German
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308 gefähr zu derselben Zeit als die Verfügung des Oberkirchenraths in Sachen Witte - Stöcker's durch die Zeitungen ging, machte die Nachricht in der Presse die Runde, auch Stöcker habe einen scharfen Verweis erhalten und sich verpflichten müssen von der politischen Agitation sich zurückzuziehen. Da er zu gleicher Zeit auf einige Wochen — wie seiner Zeit nach dem Proceß Baecker — von der Bühne verschwand, so erhoben einzelne Blätter ein Jubelgeschrei, als ob es sich um die vollständige Absetzung und den „Fall" des Hofpredigers handelte. Diesen optimistischen Auffassungen mußte schon der Umstand einen Dämpfer aufsetzen, daß Hofprediger Stöcker einen ostentativen Beweis der allerhöchsten Gnade durch den Besuch seiner Predigt im Dom am Charfreitag durch das kaiserliche Paar erhielt, welches sich längere Zeit von ihm fern gehalten hatte. Da zudem von dem Wortlaut des Verweises kein verbürgtes Wort in die Oeffentlichkeit kam, so war den weitgehendsten Vermuthungen Thor und Thür geöffnet. Nur das Eine konnte man als sicher annehmen, daß der Verweis nicht gerade milde gehalten war, da er andernfalls sicher von der betheiligten Seite publicirt worden wäre und daß allerdings wegen der politischen Agitation in Berlin ein besonderes Verhalten verlangt und zugestanden worden war. Wenn man auch diesem Ausgang des Falles eine gewisse politische Bedeutung nicht wird absprechen können, vom kirchlichen Standpunkt aus angesehen hat sich die Lage in keiner Weise geändert. Trotz der maßlosen Ausschreitungen, welche jedem andern Geistlichen den Hals gebrochen haben würden, bleibt Stöcker im Besitze seines Amts; man nimmt sogar noch so viel Rücksicht auf ihn, den Verweis nicht einmal zu publiciren, während, was wir besonders hervorheben möchten, der Wortlaut des Verweises gegen Witte alsbald ohne Wissen desselben bekannt wurde. Die Sühne hätte das schwere Aergerniß, welches Stöcker seit Jahren erregt, doch wohl verdient, daß die Gemeinden in keinem Zweifel über die Mißbilligung der Kirchenbehörde gelassen worden wären. Seine dominirende Stellung in den synodalen Körperschaften und dem Vereinsleben der Hauptstadt wird Stöcker nach wie vor behaupten. Die Zukunft wird ja zeigen, wie weit durch die That Besserung geschaffen wird in der Verwirrung und Verwüstung des öffentlichen Lebens, wie sie seit Stöckels Auftreten stattgefunden hat; wir gestehen, durch die Erfahrung etwas pessimistisch geworden zu sein." Berlin, 7. Mai. (Privatmitth.) Wir haben bereits erwähnt, daß seit einigen Wochen ein „Jugendgottesdienst" am Sabbathnachmittag eingerichtet worden, wozu auch eine „Gebet-Ordnung" gedruckt erschienen ist. Der Gottesdienst beginnt mit Aschre in Responsen, abwechselnd vom Vorbeter und der Gemeinde. Hierauf folgt eine Vorlesung aus der Thora mit feierlichem Aus- und Einheben und der Uebersetzung des verlesenen Thoraabschnittes und dem Gebete für den Landesherrn. Nun folgt die Predigt mit einem deutschen Liede vor und nach ihr. Hierauf die Schemone Esre und eine Paraphrase von Olenu in deutscher Sprache zwischen Rabbiner und Gemeinde, zum Schluß das Kaddisch für Leidtragende. In einem Anhang sind die Noten für die Responsen und das Lied gegeben, die selbstverständlich einstimmig und sehr leicht sind. Es bleibt uns hierbei nur zu wünschen übrig, daß an die Stelle der Predigt bisweilen eine Katechisation eintrete, die mit Schülern der Gemeindeschule und der Religionsschulen leicht zu bewerkstelligen wäre, um die Anziehungskraft und die Wirksamkeit dieses Gottesdienstes zu verstärken. Berlin, 8. Mai. Hiesige Blätter melden, daß sowohl Pastor Witte wie auch der frühere Agitationsgenosse Stöckels, Schneider Grüneberg, dem Oberkirchenrath neues, angeblich für Stöcker compromittirendes Material vorgelegt haben. Der Oberkirchenrath, welcher die Prüfung desselben ablehne, werde, wie dazu bemerkt wird, doch veranlaßt werden, von Neuem in dem Streit Stellung zu nehmen. — Außerdem hat Pastor Witte eine Broschüre erscheinen lassen, in welcher er die Thatsachen aus seinem Streite mit Stöcker ausführlich beschreibt und durch Tocumente erweist und Mehrfaches hinzufügt, was Stöcker compromittirt. Pastor Witte hatte eine Berechtigung hierzu, da von Seiten des evangelischen Oberkirchenrathes Licht und Schatten nicht gleich vertheilt worden zu sein scheint. Bekanntlich geriet!) der Verweis, den diese Behörde dem Pastor Witte ertheilte, sofort wortgetreu in die Oeffentlichkeit, während der Thell seiner Entscheidung, welcher Stöcker betrifft, noch heute unbekannt geblieben. Oesterreich-Ungarn. Wien, 6. Mai. (Privatmitth.) Der Katholikentag, der übrigens nicht so stark besucht war, wie man erwartet hatte, indem sich statt der 4 bis 5000 nur 12 bis 1500 einfanden, von welchen das größte Contingent die Wiener stellten, repräsentirt das Extrem der klerikalen Partei, und diese identificirt sich auch mit dem Antisemitismus. Dies zeigte sich besonders bei dem Auftreten des Abg. Dr. Lueger, des früheren wüthigen Demokraten und jetzt fanatischen Antisemiten und Klerikalen. Als willkommener Renegat wurde er und seine antisemitische Hetzrede, in welcher neben den Juden die Freimaurer paradirten, mit stürmischem Beifall begrüßt und beklatscht und von den höchsten Kirchenfttrstcn beglückwünscht, als ob, wie ein Berichterstatter sich ausdrückt, „katholisch und antisemitisch identisch" wäre. Die versammelten Herren „verlangten" in Anträgen und Resolrüionen unendlich viel vom Staate, der nicht ' bloß von der Universität bis zur kleinsten Dorfschule dem Klerus ausliefern, sondern auch alle Grundsätze des modernen Staates beseitigen und von der

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