Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1889)
- Date
- 1889-05-16
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
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305 ihr Gehör giebt und vom Bösen läßt, die aufkeimenden schlimmen Leidenschaften zur rechten Zeit unterdrückt. Da das Gewissen dem Menschengeiste von Gott eingesenkt ist, kann der Dichter es als unmittelbare Einwirkung Gottes darstellen. Viel Vertrauen auf die Wirksamkeit des Gewissens hat unser Dichter nicht — „man merkt nicht darauf." Er fährt daher fort V. 19: „lind dann wird er gemahnt durch Schmerzen auf dem Lager, durch heftigen Kampf in seinen Gliedern." Auch da kommt es darauf an, ob der Mensch durch sein Leiden zur Einsicht gelangt, „was ihm recht sei." Dann begnadigt ihn Gott und stellt ihn wieder her. „Da blüht sein Fleisch wie in der Jugend auf, er kehrt zurück zu seinen Jünglingstagen; er fleht zu Gott und der begnadigt ihn, daß zurück zum Menschen seine Unschuld kehrt. Sieh all' dies thut Gott zwei, drei Mal mit dem Manne: zurückzubringen seine Seele von der Grube, erleuchtet zu werden zum Lichte des Lebens!" Daß hier Schmerzen und Leiden für alles Mißgeschick, das den Menschen trifft, zu verstehen sind, brauchen wir kaum zu bemerken. Die „Erleuchtung zum Lichte des Lebens," die Erziehung zu dieser Erleuchtung, dies ist der Kern und Mittelpunkt des ganzen Buches. Hierbei stützt sich der Redner zunächst darauf, daß vor Gott alle Menschen gleich seien und er der Mächtigen und Reichen durchaus nicht achtet. Auch sie rafft er hinweg „dieweil sie von ihm abgewichen und seine Wege alle nicht geachtet, daß vor ihn kam Weheruf der Armen, denn den Wehruf der Bedrängten hört er." Dies erstreckt sich „auf ein Volk und auf den Einzelnen zumal." Daher ist es sündig, an der Weisheit und Gerechtigkeit des Geschickes zu zweifeln und gegen dasselbe zu mur^ reu, da dies doch nur ein Verkennen der göttlichen Zwecke und seiner Liebe ist. Liegt doch in der Behauptung, vor Gott unschuldig zu sein und deshalb Gott des Unrechtes anzuklagen, ein Verkennen und Ueberheben seiner selbst. Wäre es nicht so, würde Gott in den Menschengeschicken nicht einen höheren Zweck haben, was bedeutete ihm sonst das Gute oder das Böse, das der Mensch vollbringt? 35, 5: „Zum Himmel blick und sieh, und zu den Wolken schau, hoch sind sie über dir! Sündigst du, was wirkst du gegen ihn? Sind deiner Frevel viel, was thust du ihm? Bist du gerecht, was giebst du ihm? oder was empfängt aus deiner Hand er? Deinesgleichen trifft deine Sünde, den Menschensohn dein Rechtthun." Da zieht er denn den Schluß 36, 15 „Den Elenden errettet er durch Elend und öffnet durch den Druck sein Ohr." Der Ueberfluß, das ununterbrochene Glück verdirbt den Menschen und bringt ihn allmählich an den Rand des Abgrundes. Da tritt Verlust und Noth warnend und rettend herein, und „die Züchtigung bringt die Sühnung herbei." Deshalb muß der Mensch gerade im Elend sich vor dem Unrecht wahren, das doch nur scheinbar ihn zu erretten vermag. Vor Allem aber stützt sich Elihu auf die Allweisheit und Allmacht Gottes, wie sie sich in allen Gebilden seiner Schöpfung darthut, auf die Zweckmäßigkeit, die sich ebenso im Sturm und Unwetter wie in der friedlichen Natur voll Segens für Alle kundgiebt, und wie der Mensch vor ihnen steht bewundernd, aber ohne sie erforschen und begreifen zu können. Er giebt hier herrliche Schilderungen, die jedoch an Kraft und Ausdehnung im letzten Theile des Buches noch übertroffen werden. So sagt er 36, 27: „Io zieht er Wassertropfen auf, geläutert werden sie zu Regen in dem Nebel; dann träufeln aus den Wolken sie und rieseln auf der Menschen Menge. Doch wer verstehet des Gewölkes Spannung?" Elihu schließt 37, 21: „Doch nun, nicht sieht man das Licht, das reine, das im Himmel, wenn Wind dahin fuhr und ihn klärt, von Mitternacht der Goldglanz kommt: Gottes ist furchtbare Majestät! Der Allmächtige, nicht dringen wir zu ihm, der groß an Kraft, an Recht und hoher Huld, er drücket nicht — darum gewahren ihn die Menschen, doch schaut ihn nicht der Geiftesweiseste! —" Diese neue Lehre, daß in den Geschicken der Menschen Gott die Erziehung des Menschen „zum Lichte des Lebens" verfolgt, den Zweck, dm Menschen zu warnen, zur rechten Zeit zu mahnen, vom Bösen abzuhalten, zum Guten zurückzuführen, und daß er erst dann, wenn dieser trotzdem im Bösen beharrt, die Vergeltung eintreten lasse, diese Lehre mußte noch begründet und gekräftigt werden. Zu diesem Ende erhebt unser Dichter die geäußerte Ansicht zu einer höchsten Weltanschauung. In jedem Schicksal des Menschen ist ein Zweck Gottes enthalten, sowie in der ganzen Schöpfung die Zweckmäßigkeit obwaltet und ebenso in jedem einzelnen Gebilde und Wesen ein Zweck, ein Selbstzweck vorhanden ist. In großartigen Schilderungen wird die Herrlichkeit der göttlichen Schöpfung dargelegt, die alte, noch heutzutage nicht ganz geschwundene Vorstellung, als ob alle Tinge zum Nutzen des Menschen geschaffen seien, wird, sogar mit einer gewissen Ironie abgewiesen, auf die mächtigen Geschöpfe, welche der Mensch zu überwinden und zu seinem Dienste zu zwingen nicht vermag, hingezeigt und folgerichtig geschlossen, daß jedes Geschöpf seinen eigenen Selbstzweck habe. Ist dies aber richtig, wie kann man annehmen, daß die Vorsehung in den menschlichen Geschicken keine höheren Zwecke verfolge und sich lediglich an die Handlungen der Menschen knüpfe? Diese letzte Rede holt also ihren Inhalt und ihre Gedanken aus der Natur, und kleidet dieselben in großartige Naturbilder. Der alte Israelit kannte aber keine Personificirung der Natur; eine solche hätte seinem Begriffe von Gott geradezu widerstritten. Unser kühner Dichter legt deshalb, was er über die Natur zu sagen hat, Gott selbst „aus der Wetterwolke" in den Mund. Die Rede beginnt mit dem Hinweis, daß es heiße die