Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1889)
- Date
- 1889-05-16
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227792--46198-3265748- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
304 Nach unserer Meinung sind es doch die Klerikalen und Feudalen, welche die Haupturheber Dieses abermaligen Wahlsieges sind, wenn sie sich auch hinter der Maske der Antisemiten verbergen. Den Beweis lieferte nicht sowohl vr. Lueger, als vielmehr Fürst Liechtenstein im Katholikentage. Die Stadt Wien wird das Hauptschlachtfeld zwischen dem Klerikalismus und dem Liberalismus abgeben, während in den übrigen Theilen des cisleithanischen Oesterreichs der Nationalitätenkampf die Hauptrolle spielt. Die israelitische Kbelanstalt. Nachdem unsre gegenwärtige Commissionshandlung Ferdinand Dümmler'sVerlagsbuchhandlung in Berlin (Zimmerstraße 94) die Ausgabe der gesammten Bibel hebräisch und deutsch mit kleineren Typen hergestellt, hat sie nunmehr auch unsre weiteren Ausgaben vollendet, nämlich die ganze Bibel hebräisch mit großen Typen und den Pentateuch hebräisch und deutsch mit großen Typen. Der letzteren Ausgabe sind auch die Haphtoroth und, die Sabbathgebete hebräisch mit großen Typen angeschlossen, so daß diese Ausgabe für den sabbathlichen Gottesdienst vollständig ausreicht. Hiermit ist die, der Commissionshandlung gestellte Aufgabe gelöst und zwar in angemessenster Weise, da das Papier von guter Qualität und weißer Farbe ist, so daß die schönen Typen in kräftigem Druck hervortreten und dem Auge wohlthun. Möge nun in unsrem Publikum das Bedürfniß nach der heiligen Schrift, diesem unschätzbaren Erbgute unsres Stammes, dieser unerschöpflichen Schatzkammer des religiösen Erkennens und Empfindens, recht lebhaft sein, damit der Zweck dieser Veranstaltungen , die h. Schrift wieder in die Hände aller Bekenner des Judenthums bringen zu helfen, erfüllt werde. Allerdings fehlt an der Vollendung unsres Unternehmens noch die deutsche Uebersetzung der Propheten und Hagiographen mit großen Typen. Aber die Mittel, welche für die Bibelanstalt gesammelt wurden, waren erschöpft und eröffneten sich uns keine Quelle», um diese Lücke, nämlich die Kosten für die betreffenden Stereotyptafeln, auszufüllen. Vielleicht ergeben sich uns diese, wenn die Verbreitung unsrer Bibeln eine recht ausgedehnte wird. Lichtstrahlen aus -em Suche Hiob. IV. (Schluß.) Wir haben schon bemerkt, daß der Zweck des Buches Hiob die Beseitigung der obherrschenden religiösen Vergeltungslehre war. Nickt daß der Dichter die göttliche Vergeltung im irdischen Menschenleben leugnete, er erkennt sie vielmehr voll an, aber er beabsichtigte jene Theorie in ihrer Einseitigkeit, Beschränktheit und Ausschließlichkeit zu verdrängen und das Walten Gottes in den Geschicken der Menschen von einer neuen, höheren Anschauung erkennen zu lassen. Nachdem deshalb die drei Freunde als Vertreter jener alten Ansicht durch das Beispiel und die Reden Hiobs, welcher die ganze Classe der schuldlosen Dulder repräsentirt, widerlegt und zum Stillschweigen gebracht worden, Hiob aber seine Klage und zwar in mehr konkreter Gestalt abermals erhoben hatte, tritt ein neuer Redner auf. Recht zutreffend ist dies ein jüngerer Mann, um eben die neue Lehre mit großer Energie geltend zu machen. Er hat bis jetzt geschwiegen, weil nach der orientalischen Sitte jüngere Männer in Gegenwart von älteren sich zurückhalten müssen. 32, 7: „Mag das Alter reden, sprach ich, und der Jahre Menge Weisheit kundthun. Doch der Geist ist's in dem Menschen, des Allmächtigen Odem macht sie einsichtsvoll. Nicht Bejahrte sind die Weisen, Greise, die das Recht einsehen." Schon hierin wird die Berechtigung einer neuen, dem jüngeren Geschlechte aufgegangenen Ueberzeugung der eingewohnten Sitte gegenüber ausgesprochen. Der Dichter versteht es hier, wie in seinem ganzen Werke, in richtiger psychologischer Erkenntniß zu zeichnen, und deshalb wallt das Gemüth des jungen Mannes zunächst in mächtigem Redefluß auf. Dies bewirkte, daß viele Erklärer das ganze, Elihu betreffende Stück unseres Dichterwerkes völlig mißverstanden und einige in ihrer hyperkritischen Anwandelung es sogar für eingeschoben hielten. Wer die Widerlegung dieser durchaus falschen Auslegung und die Begründung unserer Ansicht kennen lernen will, den müssen wir auf unsere ausführliche Commentirung zur Stelle verweisen. Das richtige Verständniß hat sich denn auch Bahn gebrochen. Die neue Lehre besteht darin, daß in der Hand Gottes das Schicksal das Erziehmittel für den Menschen ist, um ihn vom Bösen abzuhalten oder zu entfernen und das Gute in seiner Seele zur Entfaltung zu bringen. Das Leben mit seinem Wechsel und Wandel ist für den Menschen eine Schule, um ihn „zum Lichte des Lebens zu erziehen und zu erheben". Elihu sagt 33, 14: „Einmal redet Gott und zweimal — man merkt nicht drauf — im Traume, Nachtgesicht, wenn auf die Menschen fällt der Schlaf, im Schlummer auf dem Lager: da öffnet er das Ohr der Menschen, und schließt es mit ihrer Warnung, den Menschen abzubringen von dem Thun, und Hochmuth vor dem Manne zu verhüllen; hält seine Seele von der Grube, sein Leben, dem Geschoß zu fallen, ab." Was der Dichter als Traum, Nachtgesicht auf einsamem Lager bezeichnet, um sie auf Gott als Quelle hinzuführen, das ist die Stimme des Gewissens, die in der Seele laut wird, wobei es dann darauf ankommt, ob der Mensch