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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-16 · Heft 20 (16.5.1889) · p. Seite 303

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 20 (16.5.1889)
Date
1889-05-16
Page
Seite 303 (sequence 3)
Language
German
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303 Herrn Pastor Burkardt, vr. Förster, vi. Häberlein, sowie des seit einiger Zeit in Leipzig seßhaften Herrn v. Liebermann sein, für Abhaltung der nölhigen Versammlungen zu sorgen, damit die Berliner Bewegung nicht kläglich einschlafe. Mit Ausnahme des 1. Berliner Wahlkreises, in welchem vr. Förster nicht aussichtslos gegen den Cartellmann v. Zedlitz candidiren werde, müßten aber alle „unabhängigen anständigen Wähler" von der Wahlurne sortbleiben, um zu beweisen, daß ohne Stöcker nichts zu erreichen sei. — In der der Stadt Wien gereicht die Verbindung der Klerikalen, Feudalen und Antisemiten zur Verbreitung und Erhitzung des Antisemitismus in bis jetzt nie dagewesenen Maßen. Während der Abg. Chlumecky seine Interpellation vorbereitete, in der er der Regierung zu Gemüthe führte, daß sie durch ihre Haltung die Schuld an der Ausbreitung des Antisemitismus in Wien trägt, und ihr nahe legte, durch strenge Gesetzlichkeit die antisemitischen Ausschreitungen hintanzuhalten, vollzog die dritte Klasse der Wähler von sechs Bezirken der Stadt Wien Wahlen zu den Bezirksausschüssen, deren Ergebniß den traurigen Beweis lieferte, daß Wien kaum mehr von den antisemitischen Verirrungen zu befreien ist. Die nächsten Interessen wiesen auf eine lebhafte Theilnahme an diesen Wahlen hin, denn der Bezirksausschuß hat bestimmenden Einfluß auf die Ernennung des Ortsschulraths und des Armenraths, auf die Steuerveranlagung und ähnliche Dinge, die für die Wähler große Bedeutung haben. Trotzdem klagen die liberalen Blätter, daß ihre Partei eine große Lauheit an den Tag legte, während die Antisemiten und die Klerikalen, die „vereinigten Christen", wie sie sich nennen, die Wahlagitation auf das Rührigste betrieben und den Sieg davontrugen. Nnr in der Leopoldstadt, wo die Betheiligung am größten war, drangen die liberalen Candidaten mit kleinen Mehrheiten durch, in den anderen fünf Bezirken wurden Antisemiten gewählt. Im Ganzen wurden ungefähr 6500 antisemitische und nur 4800 liberale Stimmen abgegeben. An demselben Tage fand im Bezirke „Margarethen", der an den Bezirksausschußwahlen nicht betheiligt war, eine Nachwahl für den Gemeinderath statt, bei welcher ebenfalls die Antisemiten mit 1132 über die Liberalen mit 854 Stimmen siegten. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, wenn die Frechheit der Antisemiten von Tage zu Tage wächst und einer der Ihrigen, Herr Vetter, im Gemeinderath den Antrag stellte, als Kundgebung gegen die hundertjährige Gedenkfeier der französischen Revolution ein christlich-patriotisches Fest im großen Rathhaussaale zu veranstalten. Zur Ehre Wiens wurde der Antrag mit allen gegen drei Stimmen abgelehnt, selbst einige Antisemiten schämten sich desselben. Daß es nicht bloß die Klerikalen sind, welche im Volke zum Antisemitismus hetzen, sondern auch die Feudalen, das hat Fürst Liechtenstein erwiesen, welcher die Schlußrede im Katholikentage hielt, eine Rede, welche mit vollem Rechte eine Brandrede genannt werden kann und die sich mit aller Wucht gegen die bestehende gesellschaftliche Ordnung richtete. Sie hätte ebenso gut von einem begeisterten Socialdemokraten gehalten werden können, wenn wir das Liechtensteinische Christenthum ausnehmen, das derselbe als Aushängeschild über seinen socialdemokratischen Auslassungen hält. Sie giebt den Beweis, daß nicht bloß der Antisemitismus, sondern auch die Socialdemokratie ihren Einzug in die Reihen der Feudalen und des Klerus gehalten, wie auch der stürmische Beifall bezeugte, der die Rede des Fürsten begleitete. Nichts ist gefahrdrohender für den österreichischen Staat diesseits der Leitha als diese Erscheinung, wenn sie sich erst aus dem Versammlungssaale des Katholikentages auf den allgemeinen Boden verpflanzt haben wird. Neben den Nationalitätenstreit tritt dann die gesellschaftliche Zersetzung, welche Gesetz und Ordnuug und die Autorität der Behörden unterwühlt. — lieber die letzten Vorgänge in Wien entnehmen wir einer Corresp. des Pest. Ll.: „Der gestrige Tag hat der! antisemitischen Partei abermals glänzende Wahlerfotge ge-! bracht, sie hat einen Gemeinderathssitz, der heiß umstritten i war, behauptet (nicht gewonnen, denn der früher Gewählte! war auch Antisemit) und sie hat in fünf Bezirken ihre sämmtlichen Kandidaten für die Bezüks-Ausschüsse durchgesetzt. Das sind Erfolge, denen gegenüber man unmöglich die Augen verz schließen kann. Vorläufig haben nur die dritten Wahlkörper der diversen Bezirke gewählt und der Erfolg der Antisemiten wird in den zweiten und noch mehr in den ersten Wahlkörpern einigermaßen paralysirt werden. Aber man darf deswegen den gestrigen Tag und seine Folgen nicht unterschätzen. Vor Allem hat die Lueger -Pattai- Schönerer -Partei einen sehr großen moralischen Erfolg errungen und die Folge ist, daß die Zahl ihrer Anhänger sich vermehren wird. Wo Tauben sind, fliegen bekanntlich Tauben zu. Aber auch der materielle Erfolg ist für die Partei nicht zu unterschätzen. Die Wich-! tigkeit der Bezirksausschüsse liegt nicht auf communal-politij schem Terrain, ihre Satzungen sind es nicht, in denen sich ihre Bedeutung manifestirt. Aber die Bezirksausschüsse haben theils einzeln, theils in Gruppen eine commissionelle Thätigkeit, die für das wirthschaftliche Leben der Stadt und jedes Einzelnen von der höchsten Bedeutung ist. Sie assistiren den Steuer-, den Bau-, den Gewerbebehörden, sie begutachten die Gesuche in Steuer- und Gewerbeangelegenheiten, um Conzessions-Verleihungen u. s. w. Es liegt auf der Hand, was das zu bedeuten hat, wenn mehr als ein Drittel der Mitglieder aller Bezirksausschüsse decidirte Antisemiten sind. Ich beneide denjenigen, der ein solches Ereigniß auf die leichte ^Achsel nehmen kann, er muß ein glücklicher Sanguiniker sein." 20*

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