Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1889)
- Date
- 1889-05-16
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227792--46196-3265746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
302 stamme isolirt. In Jakob jedoch begegnen wir einem Vertreter des Realismus, der selbst seinen Zug nach Egypten in Folge der in Canaan herrschenden Hungersnoth unternimmt. Anders Joseph, der sich selbst durch seine Keuschheit und Egypten durch seine Einsichten rettet. Das Volk Israel ist durchaus realistisch gehalten. Nur durch einen unerträglichen Druck wird es bewogen, Egypten zu verlassen, und immer wieder lehnt es sich in dem Verlangen nach den Fleischtöpfen Egyptens und bei irgend einer realen Entbehrung gegen die Idee auf, von der es sich leiten und durchdringen lassen soll. Dennoch siegt diese über seinen Widerstand und führt es in das Land, in welchem es anderthalb Jahrtausende bestehen soll. Das mosaische Gesetz will das reale Leben des Volkes zum Idealen erheben, mit Idealem erfüllen, indem es dasselbe zu einer Verwirklichung der höchsten religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Principien gestaltet. Der mosaische Cultus ist Symbolik, d. h. eine Darstellung der religiösen Ideen in, dem damaligen Menschen von selbst verständlichen realen Formen und Figuren. Seitdem zeigt die Geschichte des alten Israel bis zu dem babylonischen Exil den Kampf zwischen Idealismus und Realismus, welchem letzteren das Volk nicht entsagen will und dennoch dem ersteren in seinem innersten Wesen Raum giebt. Die israelitischen Geschichtschreiber sind sich dessen bewußt und stellen die Ereignisse und Persönlichkeiten von diesem Gesichtspunkte aus dar. Den Idealismus in seiner ganzen Höhe und Energie vertreten und bringen zum Ausdruck die Propheten. Sie stehen allerdings auf dem Boden des Realen, das sie durchdringen, umbilden und läutern wollen durch die religiösen und sittlichen Ideale. Bei den Hindernissen, auf welche sie treffen, sehen sie den Zusannnenbruch des ganzen realen Bestandes der Nation voraus, verkünden aber die Wiederherstellung derselben, wenn sie sich der Herrschaft des Idealen unterwirft und gänzlich hingiebt. Mit und nach dem Exil fand dies eine Verwirklichung. Den Propheten znr Sette stehen die Psalmen, die sich im Bereiche des Idealen bewegen und die Seele des Individuums durch das Ideale! über Feindschaft, Bosheit, Sünde und Bedrängniß erheben wollen. Das Buck, in welchem der Realismus seinen Gegner ganz zu erdrücken scheint, ist Koheleth. Doch es scheint nur so. Denn schließlich unterwirft es den Genuß des Lebens, besonders der Jugend, der Idee des göttlichen Gerichtes, also des Sieges des Guten über das Böse. Diese Idee soll Richtschnur und Maß auch für die realen Lebensgenüsse sein. Jedenfalls ist es ein Zeugniß für den Kampf beider Richtungen auch in den israelitischen Geistern zu einer gewissen Zeit. Den höchsten Sieg einer idealen Weltanschauung über die scheinbaren Erfahrungen und Ergebnisse des praktischen Lebens bringt das Buch Hiob zum Ausdruck. — Wir glauben durch diese Uebersicht den Beweis für unsre obige These erbracht und den Charakter der Monumente des israelitischen Geistes hinsichtlich unsrer Frage gekennzeichnet zu haben. Die Lage. Von Interesse ist es zu sehen, welchen Eindruck der Rücktritt Stöcker's von der antisemitischen Hetze auf die anderen Antisemiten machen werde. Es versteht sich, daß die bisherigen sekundären Führer sich hervordrängen und an Stöcker's Stelle zu treten suchen, wobei sie dann selbstverständlich nicht immer übereinstimmen. Einigen Aufschluß hierüber bietet folgende Correspondenz aus Leipzig vom 3. Mai: Die Ausführungen, mit welchen die soeben herausgegebene Nr. 50 der „Antisem. Correspondenz" den Rücktritt Stöckels von der politischen Bewegung begleitet, beanspruchen ein gewisses Interesse, weil dieses Organ des Herrn v. Liebermann einen durchaus anderen Standpunkt in dieser Sache einnimmt, wie das Organ der Dresdener Antisemiten, die „Deutsche Wacht". Hielt letztere nunmehr die Zeit für gekommen, „nach Beseitigung der durch Stöcker veranlaßten Mißverständnisse und Verschiebungen alle antisemitischen Elemente unter einer Fahne zu sammeln", so bedauert die „Antisem. Corresp." den Rückritt Stöcker's, zumal durch einen Verzicht auf das geistliche Amt seine „Popularität" zweifellos gewaltig gewachsen wäre. „Hundert Rücksichten, die ihn früher beengten, wären alsdann gefallen, und was dem Hofprediger Stöcker niemals gelingen kann, alle Antisemiten um sich zu sammeln, wäre dem unabhängigen Politiker Stöcker möglich gewesen." Dies ist das Urtheil dsr „Antisem. Corresp.", die übrigens offen und ehrlich genug ist einzugestehen, daß man nicht diese Wendung, sondern vielmehr den Verzicht auf das geistliche Amt erwartet habe. In dem Dresdener Blatte hieß es dann weiter: „Den Juden werden die nächsten Reichstagswahlen beweisen, daß Slöcker s Rücktritt kein Schlag für den Antisemitismus war, daß die Klärung der politischen Verhältnisse vielmehr der Ausbreitung und Fortentwickelung des zielbewußten Antisemitismus zu Gute kommt." Die „Antisem. Corresp." aber schreibt: „Vor allen Dingen gilt es, die Vorbereitungen für die nächste Reichstagswahl so zu treffen, daß durch dieselbe dem Fürsten Bismarck, und noch besser jüngeren Augen deutlich bewiesen wird, daß die Mischmasch Partei niemals im Stande sein wird, Berlin den jüdisch-freisinnigen und jüdisch-revolutionären Parteien zu entreißen." Unter solchen Umständen gewinnt nach der Ansicht des Leipziger Hetzblattes der allgemeine deutsche Antisemiten-Tag in Bochum eine erhöhte Bedeutung, gelte es doch jetzt auch Beschlüsse zu fassen darüber, welche neuen Aufgaben der politischen Agitation der Antisemiten vorzuzeichnen seien. In Berlin werde es zweifellos Aufgabe des