Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1889)
- Date
- 1889-05-09
- Page
- Seite 297 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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297 Classe zu finden. Ein gewisser Jacquinot di Oisy giebt ein > antisemitisches Blatt »La Kaslia“ heraus, das freilich bereits einige Male dicht am Verschwinden stand. Derselbe hat in Souk-El-Arba, einer Stadt in Tunesien, eine antiemitische Vorlesung gehalten, welcher der französische Civilcontroleur, Mitglieder der Mnnicipalcommission und Offieiere der Garnison beiwohnten, und dies wird durch die officiöse Agence Havas vom 10. April telegraphisch gemeldet! Es liegt hier offenbar die Absicht zu Grunde, diesem erbärmlichen Versuche, den religiösen und den Classenhaß zu entzünden, einen officiellen Charakter zu verleihen, und man kann begierig sein, zu erfahren, ob das französische Gouvernement damit einverstanden und den Vorgang ohne Beachtung lassen werde. Es kann doch der französischen Regierung nicht gleichgiltig sein, auf diese Weise durch ihre eigenen Organe einen so großen und nicht einflußlosen Theil der tunesischen Bevölkerung von sich zu stoßen. Sie muß sich doch bewußt sein, daß es Krisen gebe, in welchen das Mutterland sich auf die Sympathien stützen muß, die es in seinen Colonien besitzt. Bonn, 5. Mai. (Notizen.) Man schreibt aus Offenbach, 25. April. Gestern verstarb dahier in dem hohen Alter von 81 Jahren Herr Rabbiner vr. Salomon Formstecher, der 57 Jahre an der Spitze unserer israelitischen Gemeinde gestanden hat. Der Verblichene erfreute sich bis in die jüngste Zeit vollster Gesundheit und seltener Rüstigkeit. Er wurde am 27. Juli 1808 dahier geboren, war also ein Offenbacher Kind. Am 1. Oct. 1832 übernahm er das Amt, welches er bis zu seinem Lebensende bekleidet hat. Bald nach seinem Amtsantritt hat er in seiner Gemeinde den neuzeitlichen Formen des Gottesdienstes Eingang verschafft; Offenbach war eine der ersten deutschen Städte, in deren Synagoge Orgel und Chorgesang, allwöchentlich Predigt und Confirmation eingesührt wurde. Auch auf das Schulwesen übte der Verstorbene insofern bedeutenden Einfluß aus, als er in seinen jüngeren Jahren nicht nur selbst Religionsunterricht ertheilte, sondern auch eine Nachhilfe-Anstalt für Realschüler leitete, in welcher er sehr gute Erfolge erzielte. Formstecher erfreute sich in seiner Gemeinde wie in der ganzen Stadt der größten Beliebtheit, wofür namentlich sein 50jähriges Amtsjubiläum am 1. October 1882 das glänzendste Zeugniß lieferte. Es wurde ihm damals von der Stadt Offenbach das Ehrenbürgerrecht verliehen,' der Verein für Naturkunde ernannte ihn zu seinem Ehrenmitglied und der Großherzog verlieh ihm das Ritterkreuz erster Classe des Verdienstordeus Philipps des Großmülhigen. Die ganze Stadt nahm an seinem Jubelfest regsten Antheil und auch Frankfurt war bei demselben durch die Herren Geh. Justizrath vr. zur. Fuld, Vorsteher der israelitischen Gemeinde, Ernst Rosenberg, erster Vorsitzender der Loge „Zum Frankfurter Adler" und Hermann Roth vertreten. Möge ihm die Erde leicht sein. Ehre seinem Andenken! (Auch wir betrauern in dem Dahingeschiedenen einen aufrichtigen und warmen Freund. Was seine literarische Thätigkeit betrifft, so ist sein Hauptwerk: „Die Religion des Geistes, eine wissenschaftliche Darstellung des Judenthums nach seinem Charakter, Entwickelungsgange und Berufe in der Menschheit." (Frankfurt a. M. 1841.) Außerdem veröffentlichte er zwölf Predigten (Würzburg 1833) und ein Andachtsbüchlein zur Erweiterung und Ausbildung der ersten religiösen Gefühle und Begriffe (Offenbach 1836). Obschon also seine literarischen Arbeiten bereits einer älteren Zeit angehören, hatte sich doch Formstecher die regste Theilnahme an allen Erscheinungen auf dem Gebiete des Judenthums bewahrt, und war z. B. ein eifriges Mitglied aller Rabbinerversammlungen.) — Aus Zürich, vom 25. April, erhalten wir folgende Zuschrift: Die Nachricht wird für Ihre geschätzte Zeitung sicherlich von Interesse sein, daß ich, unbeschadet meiner Confession und jüdisch-theologischen Autecedentien, nach dreijähriger Wirksamkeit als Docent hier gestern vom hohen Bundesrath zum ordentlichen Professor für Philosophie und Pädagogik ernannt worden bin. Prof. vr. Ludw. Stein. — Wie uns aus Prag mitgetheilt wird, hat Herr Oberrabbiner M. Hirsch sich entschlossen, Prag zu verlassen und seine Stelle in Hamburg anzutreten. — Aus London wirv geschrieben: Rev. A. Löwy hat sein Amt als Seeretär der Anglo-Jewish-Association seines Alters wegen niedergelegt. Bonn, 1. Mai. (Literarische Notizen.) vr. Gustav Karpeles giebt im Feuilleton der „Nationalzeitung" einen sehr lesenswerthen Artikel über „das Theater bei den Juden." Er führt seine geschichtliche Darstellung mit Sachkenntniß bis zur Gegenwart aus, und wir bedauern nur, daß er eben unser Jahrhundert außer Beachtung gelassen, weil, wie er sagt, dies der allgemeinen Literaturgeschichte angehöre. Dies könnte man auch von den früheren Jahrhunderten sagen, selbst von den Alexandrinern, sobald die Juden nicht in hebräischer Sprache dichteten. Gerade die Darstellung der Theilnahme der Juden aus dem dramatischen Gebiete während des laufenden Jahrhunderts wäre von Wichtigkeit gewesen. — In dem gerechten Gefühle der Dankbarkeit und Pietät hat der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig „Gedenkblätter zur Erinnerung an Rabbiner vr. A. M. Goldschmidt" herausgegeben, versehen mit einem Porträt und Facsimile des Verstorbenen. Die Broschüre enthält zunächst eine biographische Skizze aus der Feder der Wittwe, der durch ihre thätlichen und schriftstellerischen Arbeiten auf dem Gebiete der Erziehung des weiblichen Geschlechtes rühmlich bekannten Frau Henriette Goldschmidt. Selbstverständlich ist diese Skizze von Liebe und