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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-09 · Heft 19 (9.5.1889) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 19 (9.5.1889)
Date
1889-05-09
Page
Seite 296 (sequence 12)
Language
German
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296 Rumänien. Bukarest, im April. (Privatmitth.) Wenn man gehofft hat, daß mit dem Sturze Johann Bratiano's die Verhältnisse der rumänischen Israeliten sich verbessern werden, so hat man sich getäuscht. Auch die jetzigen Ministerkrisen und der Wechsel der obherrschenden Partei bringen uns Israeliten keine Erleichterung. Die rumänischen Parteien sind sich eben in ihrer Unduldsamkeit und Inhumanität bis auf eine verschwindende Minderheit gleich und die letztere hat keinen Einfluß. Bratiano hat es verstanden, den rumänischen Juden, eingeboren oder eingewandert, den Makel „Fremde" aufzudrückeu, und damit beschwichtigen sich die Gewissen der Rumänen, die bekanntlich nicht sehr empfindlich sind. Hunderte von jüdischen Naturalisationsversuchen üegen den rumänischen Kammern vor und bleiben unbeachtet liegen. Jüngst nahm der Senat zwei vor, genehmigte das eine, einen sehr tüchtigen Arzt betreffend, verwarf das andere, eines ausgezeichneten Juristen, der, das Votum des Senats voraussehend, nach Paris gewandert und daselbst bereits eine geachtete Anstellung erworben hat. Jüngst machte sogar ein Jurist den Versuch, in ein neues Advokatenreglement die Bestimmung einzuschmuggeln, daß kein Jude in dem Bureau eines Rechtsanwaltes beschäftigt sein dürfte. Da aber an 30 Advokaten jüdische junge Leute zu ihrem eigenen großen Nutzen als Sekretäre, Bureauführer u. s. w. angestellt haben, wurde dieser Antrag durch den lebhaften Protest dieser Advokaten beseitigt. Man sieht, wo es den eigenen Nutzen gilt, wollen die Leute von einer Beschränkung nichts wissen, aber einen Juristen durch den Senat naturalisiren zu lassen, verhindern die in dieser Körperschaft so zahlreichen Juristen. Die Auswanderung der Juden geht daher rüstig fort, und noch vor Pfingsten werden wieder über 30 jüdische Familien Bukarest verlassen und eine neue Heimstätte in Europa und Amerika suchen. Großbritannien. London, 18. April. (Privatmitth.) Die Londoner Ausgabe des „New-Aork-Herald" vom 16. d. M. enthält an ihrer ersten Stelle einen Aufsatz über „Die Hebräer in London", aus welchem wir Folgendes entnehmen. Die Zahl der Juden in London wird nach einer möglichst richtigen Schätzung auf 50,000 Seelen angegeben, während in den übrigen Theilen Großbritanniens nur 20,000 wohnen. Von jenen wohnen 30,000 im Ostend, dem ärmeren Theile Londons, 10,000 in den übrigen Bezirken des östlichen Londons und 10,000 im Westend. Die letzteren bestehen aus den wohlhabenden und reichen Juden. Veränderungen des Gottesdienstes außer der Predigt, die auch in den orthodoxen Synagogen stattfindet, sind nur iu wenigen vorgenommen, wie z. B. die Orgel nur in dreien (London, Bradford und Manchester) vorhanden ist. Seit 50 Jahren hat eine Verschiebung der jüdischen Bevölkerung in London insofern stattgefunden, als eben die reicheren und aristokratischen Juden, die früher auch im Ostend wohnten, gänzlich nach dem Westend verzogen sind und da diese von den ärmeren Glaubensgenossen sich fern halten, ist eine völlige Trennung vor sich gegangen. Von den 40 Synagogen Londons sind 11 „Vereinigte Synagogen" (Ilnlteä), 2 spanisch-portugiesische Gemeinden, 1 Reformsynagoge, 4 unabhängige orthodoxe und 22 verbundene Synagogen (ioäsrateä). Seit zwei Jahren nämlich findet eine Bewegung statt, indem sich die Gemeinden der ärmeren Classen von der bis jetzt stattgefundenen Herrschaft und Controle der Reichen lossagen, zwar nicht die orthodoxe geistliche Autorität aufgeben, jedoch für sich z eine Verbindung schließen, welche unter einander nur eine moralische Controle ausübt. Sie strebt besonders nach einer Vereinfachung der Formen und Kosten, und hat z. B. bereits bei den Beerdigungen die Kosten von 4 L.-St. auf 3 herabgesetzt. Die Staatsregierung hat auch dem Sekretariat dieser verbündeten Gemeinden das Recht der Einregistrirung der Heirathen, Geburten und Todesfälle ertheilt, wodurch sie von der Autorität der übrigen Gemeinden unabhängig geworden. Bemerken wollen wir noch, daß jüngst in einer Versammlung dieser verbundenen Gemeinden auf Antrag eines Arbeiters einstimmig eine Resolution gefaßt wurde, in welcher der Socialismus für einen Feind des Judenthums erklärt und der vor acht Tagen stattgefundene socialistische Aufzug verurtheilt ward. Tunesien. Tunis, im April. (Privatmitth.) Wie es in Algerien geschehen, daß sich eine Menge Gesindel nach der neuen französischen Colonie gezogen, so auch in Tunis, ein Gesindel, dem es darum zu thun ist, den Frieden in dem neuen französischen Etablissement zu stören, um im Trüben fischen zu können. Die reellen Franzosen wandern nur in geringer Anzahl aus, und so bleibt für die Auswürflinge Platz. Bor Allem muß man erkennen, daß die Franzosen in Tunis schon jetzt segensreich gewirkt haben, eine geordnete Verwaltung eingeführt, Eisenbahnen und Wege hergestellt haben, und bald das ganze Land dem Weltverkehr erschließen werden. Niemand empfindet dies mehr, als die ca. 40,000 Juden von Tunis, und haben diese sich deshalb den Franzosen sehr zugeneigt, so daß die Jugend bereits vielfach französirt erscheint. Die Schulen, welche die Alliance gegründet hat, tragen hierzu das Ihrige bei. Um so bedauerlicher ist es, daß gegenwärtig das antisemitische Element sich einzudrängen und durch das oben erwähnte Gesindel Platz zu greifen sucht. Das letztere ist aber auch zum Tbeil in der sog. gebildeten

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