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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-09 · Heft 19 (9.5.1889) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 19 (9.5.1889)
Date
1889-05-09
Page
Seite 295 (sequence 11)
Language
German
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295 den Zweck hatte in diesem Bezirke, welchen ebenfalls die Antisemiten bereits erobert haben, wieder das Interesse für die deutschliberale Partei wachzurufen. In dieser Versammlung hielten die Abgeordneten vr. Kopp und vr. Weitlof wirkungsvolle Reden gegen die Antisemiten und Vereinigten Christen, worauf dannn einstimmig folgende Resolution beschlossen wurde: „Ernste Gefahren bedrohen in Oesterreich das Deutschthum, die persönliche Freiheit, die Entwicklungsfähigkeit des Heranwachsenden Geschlechtes und damit das ganze Staatswesen. Angesichts dieser schwerwiegenden Gefahren ergeht an alle national und freiheitlich gesinnten Stammesgenossen der dringende Mahnruf, sich zu entschiedenem Widerstande wider die stets ungestümer heranstürmenden Gegner des Deutschthums und der Freiheit aufzuraffen, in diesem Kampfe um die höchsten Güter des deutschen Volkes untergeordnete Meinungsverschiedenheiten zu unterdrücken und sich zu gemeinsamer kräftiger That gegen Jene zu verbünden, die unserem Vaterlande seinen alten deutschen Charakter, unserem Volke die nothwendige Cultur entziehen wollen. Auch Jene gilt es zu bekämpfen, die sich mit diesen unseren nationalen und politischen Gegnern unter der erborgten Maske des wahren Christenthums vereinigten, und damit bewußt oder unbewußt deren Ziele fördern. Zum Heile unseres deutschen Volkes und sei- > ner deutschen Heimath wollen wir Alle in diesem Kampf eintreten, die bisherige Gleichgiltigkeit und Unthätigkeit aufgeben und unsere Abgeordneten thatkrästig unterstützen. Von diesen verlangen wir aber auch eine energische Führung. Einer solchen sind wir gerne bereit Gefolgschaft zu leisten und gewärtigen baldigen Ruf zu abermaliger Bereinigung." Pest, 21. April. (Privatmitth.) In Neusatz verschied vor einigen Tagen der Obergespan Felix von Parcsetich. Aus dem Leben dieses biedern Mannes erzählt das „Bud. Tageblatt" die folgende characterische Episode: Zur Zeit, da der Antisemitismus in Ungarn noch modern war, ereignete es sich auch in jenem Comitate, dessen Obergespan Parcsetich war, daß antisemitische Wortführer austauchten. Parcsetich ging einmal über den Hauptplatz in Neusatz, und hörte, wie dort ein Handwerker öffentlich eine leidenschaftliche antisemitische Rede hielt. Der Obergespan ließ den guten Mann ausreden, dann aber bat er ihn zu sich und fragte: „Sagen Sie, wer oder was giebt Ihnen das Recht dazu, hier öffentlich Brandreden zu halten?" Der Gefragte entgegnete: „Ich bitte, ich bezahle 20 fl. Steuer jährlich, und das giebt mir das Recht, mitzureden." Der Obergespan lächelte, öffnete seine Börse und gab dem Schreier 20 fl. „Hier haben Sie — sagte er — „Ihre 20 fl., aber jetzt müssen Sie in diesem Jahre schon so gut sein und schweigen." Pest, 29. April. (Privatmitth.) Seit vielen Jahren ist der Samstag der Audienztag des Cultus- und Unterrichtsministers. Wer an einem solchen Tage im Vorsaale der Minister»Apartements weilte, weiß es, daß derselbe in der Regel mit jüdischen Petenten — zumeist aus der Provinz — dicht gefüllt ist. Nun ist es bekannt, daß orthodoxe Juden am Samstag nicht fahren, und da das Unterrichtsministerium sich in Ofen, in der Festung, befindet, bildete, namentlich für ältere Leute, die mit einer Audienz verbundene Mühsal ein wahres Martyrium. Wiederholte Bitten, Tröfort zu einer Aenderung des Audienztages zu bewegen, führten zu keinem Resultate. Eine ähnliche Bitte wurde dem Minister Csüky unterbreitet und dieser verlegte seinen Audienztag vom Samstag auf Donnerstag. Die orthodoxe Landeskanzlei hat, wie der „P. Ll." mittheilt, aus diesem Anlasse dem Unterrichtsminister vorgestern im Wege einer Deputation eine Dankadresse überreicht. Rußland. Aus Rußland, im April. Dem „Daily Chronicle" wird aus Petersburg berichtet, daß 27 jüdische Familien aus Wesenberg (Esthland) ausgewiesen worden sind. Italien. Rom, 30. April. (Privatmitth.) Wer jetzt nach Rom kommt, sucht vergebens das Ghetto; es existirt nicht mehr und die Stätte, auf welcher es sich so viele Jahrhunderte hindurch in seiner grauenhaften Gestalt befunden, giebt kein Zeugniß mehr von seiner früheren Existenz. Das Ghetto ist bis auf den letzten Grundstein verschwunden und die etwas über 4000 Seelen starke Gemeinde hat sich durch die Stadt vertheilt, wenn man sich auch hier und da gruppenweise wieder zusammenfindet. Dies ist der Unterschied zwischen der päpstlichen und der italienischen Regierung; das Ghetto ist das Symbol der Vergangenheit und diejenigen, welche von der Milde der Päpste gegen die Juden reden, braucht man nur auf das römische Ghetto am Ufer des versumpften Tibers hinzuweisen. Freilich, da mit dem Eintritt des italienischen Einheitsstaates die früheren Statuten der isr. Gemeinden ihre gesetzliche Kraft verloren, haben die Gemeinden viel zu schaffen, um sich wieder zu organisiren. Aber die alte Kraft lebt doch noch in ihnen und in Rom hat man es sogar zu einem neuen Institute gebracht, dem rabbinischen Colleg, welches die ehemalige Rabbinerschule von Padua ersetzen soll. Hervorheben muß man, daß Italien das Land in Europa ist, in welchem das Bewußtsein eines Unterschiedes zwischen Christen und Juden völlig geschwunden ist, noch mehr als in Frankreich. Den Namen Judäa kennt man gar nicht mehr und ist er überall durch Jsraelita ersetzt. Es wird dies durch den Umstand unterstützt, daß der Physiognomie und äußeren Erscheinung nach der christliche und der jüdische Italiener nicht zu unterscheiden sind. 19*

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