Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-09 · Heft 19 (9.5.1889) · p. Seite 294

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 19 (9.5.1889)
Date
1889-05-09
Page
Seite 294 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227791--46187-3265736
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

294 reisenden in bestimmten größeren Städten und durch die Verweigerung jeder Unterstützung in allen anderen Ortschaften sollte das Herumbetteln verhindert werden. Nichts ist aber schwieriger, als jüdische Gemeinden zu einem freiwilligen Zusammentritt zu irgend einem Zwecke zu bewegen. So viele Jahrhunderte hat jede jüdische Gemeinde, groß oder klein, selbständig nur für ihr Weichbild bestanden und ohne Verband mit anderen existirt, daß der Sinn für einen umfassenderen Verein nicht aufkommen will. Dies hat sich auch auf anderen Gebieten als dem des Bettelwesens erwiesen. So waren es nur wenige Punkte Deutschlands, in welchen eine solche Vereinigung zu Stande gebracht wurde, und noch wenigere dieser Vereine blieben bestehen. Die Gemeinden bröckelten sich wieder davon ab. Ein solcher „Verband bayrischer Vereine zur Unterstützung armer durchreisender Israeliten" besteht noch hier, und hat seine Centralkasse in Fürth mit Beiträgen von 8 Gemeinden, eine Centralkasse in Bamberg mit 8 Gemeinden und eine Centralkasse in Würzburg mit 4 Gemeinden. Ein Jahresbericht für 1888 giebt von dem Gebahren dieser Kassen Kenntniß. Die Centralkasse zu Fürth hatte M. 16942 in Einnahme, und unterstützte 1781 Personen mit M. 15887; das Verbandsvermögen beträgt M. 4556. Die Kasse zu Bamberg nahm M. 9029 ein und behielt davon einen Uebertrag von M. 1540; die zu Würz bürg trug M. 7083 ein, und hatte nur 66 M. zu übertragen. Der ganze Verein gab also, ohne Regie M. 28,937 für Unterstützung der Durchreisenden aus. Das hierdurch die gesammte Landschaft vielfach entlastet wurde, empfinden wohl die anderen Gemeinden, die nichts beitragen, lassen es sich aber Wohlgefallen. Jedenfalls überzeugen sich die Gemeinden, welche dem Verbände treu bleiben, von dem wesentlichen Nutzen des letzteren, und so können wir uns ver Hoffnung hingeben, daß der Bestand kräftig fortexistiren werde. Die Hauptgemeinden lassen es an Opfern nicht fehlen. Sv tragen Fürth und Nürnberg je 7000 M., Bamberg M. 5510, Würzburg M. 5298 bei. Oesterreich-Ungarn. Wien, 25. April. Wenn die jüngsten Vorgänge die Vertreter des Antisemitismus im Wiener Gemeinderathe etwas vorsichtiger gemacht, so schrecken diese Männer vor den Versuchen nicht zurück, ihre Projecte auf dem Wege der Umgehung aufzuräumen, so der Antisemitenchef Dr. Lueger in der gestrigen Sitzung des Gemeinderathes. Es stimmt ganz merkwürdig zu den Ereignissen der letzten Tage, wenn Lueger in einer an den Bürgermeister gerichteten sogenannten Interpellation ausführte, daß die staatliche Autorität zu Gunsten der Tramwaygewaltigen aufgeboten wurde, trotzdem das gute Recht auf Seite der Kutscher sei. Man sollte die Unterdrückten gegen die Unterdrücker schützen und die Schuldigen dort suchen, wo sie sind, nicht aber die christlich gesinnten Parteien für die Exceffe verantwortlich machen. Deshalb frage er, ob der Bürgermeister geneigt wäre, beim Kaiser durch eine „wahrheitsgetreue" Darstellung den Schutz „der unterdrückten christlichen Bevölkerung gegen ihre Ausbeuter zu erbitten." Deutlicher kann man schon nicht mehr den antisemitischen Charakter der Exceffe zugestehen. Der Bürgermeister verwies den Interpellanten vor den Reichsrath, welcher der Ort für derartige Beschwerden sei und wo auch das Verhalten der staatlichen Organe beurtheilt werde. Die übel berathene Verwaltung der Tramway trifft die Schuld, dem Antisemitismus neue Nahrung zugeführt zu haben; bei nur einigem Tactgefühl und im wohlverstandenen eigenen Interesse wären die Exceffe leicht zu vermeiden gewesen. Die Herrschaften hätten weniger Trotz, dafür aber ein wenig mehr Billigkeitsgefühl entwickeln sollen. Wien, 29. April. (Privatmitth.) Hier wurde heute der Oesterreichische Katholikentag eröffnet, welchem der päpstliche Nuntius und nebst den Würdenträgern der Kirche ein ansehnlicher Theil unserer Aristokratie anwohnten, der jedoch von keinem staatlichen oder städtischen Funktionär begrüßt wurde. Sie haben in dieser Zeitung über Katholikenversammlungen niemals etwas berichtet, weil es Ihnen nicht zusagt, sich in die Angelegenheiten einer anderen Confession zu mische». Dieser Oesterreichische Katholikentag unterscheidet sich sehr von den gleichartigen Versammlungen in Deutschland, namentlich an preußischen Orten. Hier gab es, bei aller Schärfe und Festigkeit, hervorragende Redner, welche von Friedenslust Überflossen, welche andere Confessionen in Ruhe lassen wollten. Auf dem österreichischen Tage weht ein anderer Wind. Daß man die Wiederherstellung des Kirchenstaates verlangt, ist erklärlich. Auch daß man mit Heftigkeit die Schule für die Kirche verlangte und nur katholische Volks-Mittelschulen und Universitäten forderte, ist man von dieser Seite gewohnt. Wenn aber der Vorsitzende Graf Bloome erklärt, daß Oesterreich sich auch als Staat allein zum Katholicismus bekennen, ihm allein angehören müsse, daß „Oesterreichisch und Katholisch Eines seien", „Papst und Kaiser Eines und Untrennbares" — so müssen die Andersgläubigen doch Protest erheben. Der Antisemit I)r. Lueger wurde noch drastischer und wetterte gegen die Protestanten, Juden und Freimaurer los. Man wird gestehen, daß zu alledem in der gegenwärtigen Zeit kein Muth gehört. Man fühlt sich eben wieder einmal Herr der Situation. Dennoch, wie weit es vom Wort zur That, von der Einbildung bis zur Wirklichkeit ist, mögen wir abwarten. Wien, 30. April. Gestern fand in St. Pölten eine deutschliberale, auch von zahlreichen Reichsraths- und Landtags-Abgeordneten besuchte Parteiversammlung statt, welche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.