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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-09 · Heft 19 (9.5.1889) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 19 (9.5.1889)
Date
1889-05-09
Page
Seite 292 (sequence 8)
Language
German
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292 ©ott uicht genug danken und preisen, daß Er uns nicht in den Zeiten der Barbarei unser Dasein durchleben läßt, so daß das Schlimmste mindestens von uns abgewendet blieb, so ist doch die Wunde, welche uns durch jenes Hetzwesen geschlagen, tief genug, um noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte nachzubluten. Die Saat des Bösen ist einmal ausgestreut, hat Wurzel gefaßt und ist in die Höhe geschossen, die keck verkündeten Verleumdungen von Judenthum und Judenheit, sie werden, so oft auch widerlegt und ad absurdum geführt, immer wiederholt und geglaubt, Mißtrauen und Mißachtung Uebelwollen und Feindseligkeit bleiben doch in Vieler, Höherer wie Niederer, Seelen zurück, die den früheren freundlichen, humanen geselligen Verkehr zwischen Angehörigen beider Bekenntnisse, wenn nicht ganz verhindern und unmöglich machen, so doch statt zur Regel nur zur Ausnahme werden lassen. Der Bolksgeist ist vergiftet worden, und nicht nur die Hefe des Volkes macht es sich zum Sport, den Juden zu schmähen und zu höhnen, auch in höheren Regionen hat sich der Antagonismus gegen uns breiten Spielraum erobert; sind doch die Universitäten arge Tummelplätze desselben geworden, so daß er selbst, wie erst unlängst, blutigen Ausgang nimmt, und in den deutschen, heftiger noch in Len österreichisch-ungarischen Parlamenten bramarbasiren die Leute dieser Farbe bei zeder sich darbietenden oder auch an den Haaren gewaltsam herbeigezogenen Gelegenheit, selbst auf die Gefahr hin, daß die von ihnen geschleuderten giftigen Pfeile auf ihre etgene Brust zurückprallen und sie der Lächerlichkeit preisgeben. Ist doch diese ganze Bewegung überhaupt eine derartige, daß künftige Geschlechter sicher darob verwundert sein werden, wie eine solche Verirrung im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts inmitten Europas Platz greifen uno sich so lange auf dem Plan halten konnte, und den einstigen Geschichtsschreibern unserer Zeit wird es nicht wenig Mühe kosten, dre Momente ausfindig zu machen, welche dem Äufgehen und Fortwuchern derselben den Boden bereiteten. Denn jo groß auch des Hospredigers Beredtfamkeit, Geschmeidigkeit und Kühnheit, jo hurtig er auch von Lehrern, Professoren und Journalisten secundict wurde, ihre Saat hätte nicht so wohl gedeihen können, wenn nicht irgend ivelche Empfänglichkeit für sie vorhanden gewesen; und erst wenn dieser Keim in den Geistern der Menschen getilgt, wird auch die daraus gezogene Frucht der Endlichkeit anyeimfalleu. Welch' verschiedene Phasen dieser Läuterungsproceß noch durchzumachen haben werde, wer könnte das voraus berechnen? Die Zelt, ivelche diese Wunde geschlagen, muß sie auch wieder heilen, doch ist es schon ein Trost, daß nicht nur ein Zweig, sondern ein Stammhalter nach dem anderen aus den Reihen der Feinde abbröckelt, und die letzteren sich allmählich so lichten müssen, daß die ganze verderbliche Agitation sich endlich im Sande verlaufen wird. Dann hat sich wieder einmal das „W'hie schcamdah" der Haggadah an uns bewährt; das Gedächtniß jener Führer in dem muthwillig entfachten Kampfe wird aber sicherlich nicht zum Segen bleiben. vr. M. Stern. Berlin, 28. April. Daß die conservative Partei, ausgenommen etwa die äußerste Spitze, nämlich der engere Anhang der Kreuzzeitung, eine Art Rückzug auf dem antisemitischen Gebiete vollzieht, wird man auch aus dem folgenden Berichte erkennen. Nach einem Bericht conservativer Blätter sprachen am Dienstag in einer Versammlung conservativer Vertrauensmänner des Landtagswahlkreises Teltow-Beeskow- Charlottenburg in der Victoria-Brauerei Hierselbst der conservative Candidat Herr v. d. Schulenburg, der Candidat der Antisemiten vr. Paul Förster und der Candidat der Nationalliberalen Herr Neuhaus. In der Versammlung, in der es zum Theil sehr lärmend zuging, stellte u. a. der Schriftsteller Schultz an den Candidaten von Schulenburg die Frage, wie sich derselbe zur Judenfrage stelle. Candidat von Schulenburg: Hält es die Versammlung für richtig, mich derartig zu interpelliren? (Rufe: Nein! Nein! Ja! Ja!) Bis jetzt liegt doch kein Gesetz vor, sich über die Juden im Parlament zu äußern, und ein solches Gesetz ist auch nicht zu erwarten. Der Vorsitzende, Professor Dieterici, stellt jetzt Die Frage, ob der Candidat vr. Förster gehört werden solle. Es erheben sich nur 22 Mann für diesen Antrag. (Gelächter der Majorität.) Auf die Frage, ob sich die Versammlung mit der Candidatur v. Schulenburg einverstanden erklärt, erhebt sich die Majorität, dagegen ist bei der Gegenprobe nur ein Anwesender. Lanvrakh Stubenrauch: Soweit ich die Anwesenden dem Gesichte nach kenne, befinden sich darunter 2/3 Wahlmänner und 5/c Vertrauensmänner. Das Schicksal der Wahl des Candidaten ist also entschieden. Alles andere sind nur Leichenreden. Geben Sie sich also keinen Illusionen hin; denn für vr. Förster werden kaum mehr stimmen, als die Hand voll Leute hier. Herrn Neuhaus, meinem Freunde, gebe ich jedes Mandat, nur nicht das für den Landtag. Lassen Sie sich nicht beirren, und machen Sie den Schluß der Versammlung. (Lebhafter Beifall.) — Der „Voss. Ztg." wird geschrieben: In kirchlichen Kreisen wird bekannt, daß der dem Hofprediger Stöcker vom Evangelischen Oberkirchenrath ertheilte Verweis an Schärfe weit über die Rüge hinausgeht, die dem Pastor Witte ertheilt wurde. Die kirchliche Aufsichtsbehörde spricht auf das Bestimmteste die Erwartung aus, Herr Stöcker werde sich fortan jeder Agitation enthalten, da er andernfalls zu erwarten habe, daß durch disciplinarisches Vorgehen die Frage zur Entscheidung kommen werde, ob ihm sein Amt noch länger werde belassen werden können. Der Streit mit Pastor Witte erfährt eine eingehende Beleuchtung und das größere Unrecht

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