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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-09 · Heft 19 (9.5.1889) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 19 (9.5.1889)
Date
1889-05-09
Page
Seite 291 (sequence 7)
Language
German
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291 anrechnen, daß es sich von dieser schweren Verirrung fern gehalten und in gleichem Maße die Gerechtigkeit Gottes, die Würde des Menschen und den Werth der Sittlichkeit anerkannt hat. Wenn die Gleichberechtigung im Bürgerthum der Erde schon der Mosaismus gelehrt hat, so eröffnet jener Ausspruch allen Menschen das Bürgerthum des Himmelreiches. Eine dritte Tradition bezieht sich vielmehr auf die Interessen des Judentums. Sie lautet: „Wer sich von der Gemeinde trennt, ist, wie wer eine Grundwahrheit leugnet." Keinem Israeliten kann verwehrt werden, sich auch auf dem religiösen Gebiete eine eigene Meinung zu bilden. Es liegt dies in der Natur des Menschengeistes. Auch ist wohl das Individuum für die Ansichten, die sich in ihm entfalten und festsetzen, nicht verantwortlich. Seelische Anlage, Erziehung, Umgebung, zufälliges Studium, die Verhältnisse und Erfahrungen des Lebens wirken zusammen, um dem individuellen Geiste Richtung und Inhalt zu geben. Legt dies der Gesammtheit die Pflicht auf, gegen denjenigen duldsam zu sein, der mit ihren feststehenden Ideen und Formen nicht ganz übereinstimmt, so fällt dagegen dem Individuum die Pflicht zu, sich um abweichender Ansichten willen, wenn sie den Kern der religiösen Lehren nicht betreffen, nicht zu entziehen, die Pflichren gegen die Gemeinde zu erfüllen. Wir können es als eine Grundwahrheit betrachten, daß der Bestand des Judenthums zu den höchsten Aufgaben der Gesammtheit wie der einzelnen seiner Bekenner gehöre. Ter Bestand des Judenthums beruht aber auch auf den Gemeinden, auf dem Zusammenfassen aller in ihr vorhandenen Kräfte zu dem gemeinsamen Zwecke. Wer sich nun von der Gemeinde trennt und isolirt bleibt, ihr den Beitrag aus seinen Mitteln und Kräften versagt, leugnet diese Grundwahrheit, entzieht der Gemeinde, was ihr gebührt und zu ihrer Existenz nothwendig ist und stellt sich mit derselben in schroffen Gegensatz. Er verwirft ihre Existenz und die von ihr gepflegten Institutionen. Würde sein Beispiel Nachfolge finden, so könnte der Bestand der Gemeinde in Gefahr kommen und eine verderbliche Auflösung eintreten. Unmöglich kann eine Gemeinde dem Willen eines Einzelnen sich fügen und ihre Anstalten und Einrichtungen seiner Meinung anpassen. Der Einzelne muß daher zusehen, wie er seinen Wünschen und Bedürfnissen auf seine Weise genüge; nimmer aber darf er das Gemeinsame, welches ihn innerlich mit der Gemeinde doch noch verbindet, so wie das Gefühl der Zusammengehörigkeit aus den Augen setzen. Das Geschick unseres Stammes hat die Organisation, die wir haben, hergestellt; wir können, wir müssen sie entwickeln und nach dem Wandel der Zeiten gestalten — aber aufheben, auflösen, sie der Vernichtung preisgeben dürfen wir nicht, ohne unserer Religion und uns selbst untreu zu werden. Man blicke nur auf die Länder, welche erst in den letzten Zeiten auch von Juden bevölkert werden. Ueberall bilden sich Gemeinden, sobald sich nur eine größere oder kleinere Anzahl Bekenner eingefunden hat. Dieser Trieb der Vereinigung muß auf einem innersten Bedürfniß beruhen, das nur durch gemeinsame Theilnahme befriedigt werden kann. Das muß uns achtungswerth erscheinen und als eine Pflicht, das Seinige dazu beizutragen. - u X)4a\\a\ 'Up na cljtic Ijtev'i, Deutschland. Berlin, 26. April. (Privatmitth.) Er geht! — Das steht nunmehr unzweifelhaft fest — zwar nicht vom geistlichen Amte, das ihm, zumal es ihn hoffähig macht, doch zu lieb ist, um darauf zu verzichten, aber (obwohl er das vor wenigen Jahren noch als ganz unmöglich hingestellt) aus der Mitte der von ihm aufgeregten Massen, die nun zusehen müssen, wie sie ohne Kopf fertig werden oder, wie es solchen Falls naturgemäß, sich über kurz oder lang zur ewigen Ruhe betten werden. Ein Jahrzehnt hindurch hat sich's der Prediger der — Liebe — zur Aufgabe gestellt, die Flammen des Hasses und der Rachsucht im Herzen des Volkes zu entzünden und zu schüren, und es ist ihm das nicht nur im eigenen Lande, sondern über dessen Grenzen weit hinaus (vornehmlich in die östlich gelegenen Nachbarreiche, aber auch ein wenig in die westlich gelegenen hinein) wohl gelungen, so daß sich eine Zeit lang ein wahrer Hexensabbath abspielte und die schönen alten Zeiten des Mittelalters zurückgekehrt zu sein schienen. — Man denke nur an Neu-Stettin, Tisza- Eslar und die in Rußland vorgekommenen Gräuelscenen. Doch ganz ließ sich das Rad der Zeit nicht um Jahrhunderte zurückschrauben, dazu hatte der Geist der Civilisation doch schon zu tief Wurzel gefaßt, und wo dieser die schäumenden Wogen der Verfolgungssucht und Niederdruckung nicht zu dämmen vermochte, da erhob das Gesetz, wenn auch nur im äußersten Falle bei sträflichen Thaten, nicht auch Worten und Schriften selbst gravirenden Charakters gegenüber, seine gebietende Stimme und wies die Ausschreitungen in die gebührenden Schranken zurück. Können wir daher

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