Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1889)
- Date
- 1889-05-09
- Page
- Seite 290 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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290 scheu, welche nicht unmittelbar aus seiner Natur entspringen, wie die Ehrfurcht vor den Eltern, die Liebe zu Weib und Kind, Bruder und Schwester. Vor Allem ist es die Wohlthütigkeit, die er mit Vorliebe zeichnet, gegen Arme, Wittwen und Waisen und Fremde, die Gerechtigkeit gegen Alle, auch die Untergebenen, deren Gleichachtung er anerkennt, das Eintreten für das Recht Anderer, die Versöhnlichkeit gegen Feinde; in allen diesem kein engherziges Abmessen, sondern der Ausfluß eines freigebig und wohlgesinnt gestimmten Herzens. Wir haben hier ein „praktisches Judenthum" aus der Zeit vor dritthalb Jahrtausenden, und diesem „practischen Judenthum" blieben wir bis heute treu. Dies ist der Anfang des zweiten Theiles, an welchen sich nunmehr die lösenden Gedanken knüpfen. (Schluß folgt.) Traditionen -es Äu-enthnms. Wir sagen in unserer Ueberschrift nicht „die Tradition", womit man das talmudisch-rabbinische System mit den aus ihm gezogenen Satzungen und Gebräuchen bezeichnet. Abgesehen von dieser giebt es im Judenthume Traditionen, von Geschlecht zu Geschlecht überlieferte Anschauungen, welche! wie gütige Genien über all' seinen Entwickelungsphasen, feinen Richtungen, Parteien und Streitigkeiten, die ja in einer Geschichte von viertehalb Jahrtausenden nicht ausbleiben können, schwebten, auf den Charakter des Judenthums ihren schwer wiegenden Einfluß übten, seine Stellung nach innen und außen gestalteten und jedenfalls eine besänftigende Wirkung übten. Wir heben heute drei derselben hervor. Die erste dieser Traditionen prägt sich in dem bekannten Spruche aus: „Diese und jene sind Worte des lebendigen Gottes" (trotz Gegensätzlichkeit) Jer. Sot. III, 19 a. Mit diesen Worten ist die Duldsamkeit und Achtung, die auch auf religiösem Gebiete jeder ernsten und aufrichtigen j Ueberzeugung zu gewähren ist, aufs nachdrücklichste ausge-! sprochen. Jede Ueberzeugung, die auf dem Boden des jüdi-; schen Gottesglaubeus und vom Geiste des Judenthums durch-! drungen, durch ernstes Forschen gewonnen worden, wird als aus einer göttlichen Quelle geflossen angesehen und kann deshalb Achtung und Duldsamkeit beanspruchen. Ob sie strenggläubig-orthodox, ob sie philosophisch-rationalistisch, ob sie der Mittelpartei angehört, welche sowohl der historischen Form des Judenthums als der Richtung, den Bedürfnissen und dem Geschmack der Zeit eine Berechtigung zuschreibt, man kann sie bestreiten, bekämpfen, darf sie aber nicht verachten, hassen, verfolgen. Dies ist die große Lehre, die sich in jenem Spruche unserer Weisen ausgeprägt hat, und welche ebenso dem geistlichen Hochmuth entgegentritt, der sich im alleinigen Besitz der Gotteswahrheit dünkt, und jede Abweichung von seiner Meinung für Ketzerei, für eine Sünde an Gott und btc Wahrheit betrachtet und ausgiebt. Der Spruch hat auch in unserer Geschichte seine Bethätigung erhalten. Denn wenn bisweilen auch im Judenthume der Streit um Meinungen und Institutionen heftig entbrannte, so kehrte doch immer wieder die Einigung und der Friede zurück, und nach nicht zu langer Zeit war die Parteiung verschwunden. Die Gelehrten und Priester von Jerusalem gaben sogar die Existenz eines zweiten Tempels zu On (Heliopolis) in Egypten zu, indem sie sich mit einer Weissagung des Propheten Jesaias beruhigten. Jener Ausspruch selbst erfloß, als die Schüler Hillel's und Scharnmai's einander in ihren Deductionen und Beschlüssen über die wichtigsten Gegenstände der Halacha geradezu gegenüber standen, so daß also eine gegenseitige Verketzerung, wie sie sich so leicht ergeben hätte, keinen Raum fand. Verschmolzen ja auch nach dem Falle Jerusalems die Pharisäer und Sadduzäer. Eine Folge dieses Geistes war denn auch, daß innerhalb des Judenthums eine eigentliche Sectenbildung und eine Spaltung der Masse um religiöser Fragen willen nicht stattfaud, die kleine Abzweigung der Karäer ausgenommen. Bestehen daher auch jetzt wieder tiefer greifende Differenzen, so stehen sie doch unter der Einwirkung jenes aus dem erhabensten Geiste geflossenen Ausspruches und lassen für die Zukunft eine Einigung erhoffen. Was diese erste Tradition nach Innen, das ist eine Zweite nach Außen werth. „Die Gerechten aller Völker sind des ewigen Lebens theilhaftig." Es giebt wohl kaum eine andere positive Religion, welche einen gleichen Odem der Duldsamkeit und Unparteilichkeit athmet, wie das Judenthum in diesem Ausspruch bethätigt hat. Er giebt zu, daß der Mensch, wenn er von dem Glauben an eine Gottheit, an Vorsehung und Vergeltung erfüllt ist, in jedem Bekenntniß „ein Gerechter" sein kann, einen gerechten und tugendhaften Lebenswandel zu führen vermag und daß Gott einem solchen Menschen das ewige Leben und das Heil in demselben gewährt. Es sind dies natürliche Folgerungen aus der Erkenntniß, daß Gott alle Menschen gleich geschaffen, mit gleichen Trieben und Aufgaben, daß seine Vorsehung jeden aus einem gewissen Stamm, in dessen Cultur und Religion geboren werden läßt, daß Er demnach das Bekenntniß nicht zur Verurtheilung eines Menschen herbeizieheu kann und daß es also nur auf das sittliche Verhalten desselben ankomme. So einfach diese Logik ist, so finden wir sie in den positiven Religionen doch äußerst selten aufrecht erhalten, sondern immer wieder die Verdammniß Andersgläubiger als einen dogmatischen Glaubenssatz ausgesprochen und festgehalten. Wie unsägliches Elend, wie viel Spaltung, Haß und Verfolgung hieraus entsprungen sind, erweist jede Seite der Geschichte. Wir können es daher dem Judenthume zum Ruhme