Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1889)
- Date
- 1889-05-09
- Page
- Seite 286 (sequence 2)
- Language
- German
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286 Plünderungen einiger jüdischer Gewölbe stattfanden. Da die Masse eigentlich an dem Gegenstände des Streites, dem Strike der Kutscher gegen die Tramway-Gesellschaft, gar keinen unmittelbaren Antheil hatte, so gab sich hier ein Geist der Auflehnung gegen Gesetz und Ordnung, der Rohheit und Verwilderung kund, der erschrecken muß. Man sieht, daß der Wiener Pöbel jeden Augenblick bereit ist, die Schranken der gesetzlichen Ordnung zu durchbrechen und Todschlag und Plünderung zu üben, wie die Angriffe auf die Diener der Sicherheitsbehörde und selbst auf das Militär erweisen. Anerkannt ist, daß die Behörden in der Bekämpfung des Aufstandes lässig vorgiilgen, wodurch die Frechheit des Pöbels gesteigert wurde, und daß erst auf Befehl des Kaisers eine größere Militärmacht entfaltet und damit für den vierten Tag die Emeute unterdrückt wurde, Nicht minder sicher ist, daß unter den Excedenten feingekleidete Männer gesehen, sogar angehalten wurden, welche Geld vertheilten, die Ansammlungen und das Auseinandergehen der Haufen leiteten, so daß dem Ganzen eine gewisse Organisation nicht fehlte. Um so mehr fragt man, von welcher Partei diese Tumulte angestiftet wurden? Man beschuldigt bald die Feudalen und Klerikalen, um das gegenwärtige Ministerium zu erschüttern, bald die Socialisten und Anarchisten, doch blieben am dritten Tage die Arbeiter dem Tumulte fern, bald die Antisemiten. Wahrscheinlich waren alle diese Parteien betheiligt. Daß die Antisemiten die Anstifter gewesen, kann man nicht behaupten, wohl aber, daß sie sich lebhaft und aufreizend betheiligt haben. Ueberhanpt wurde es den maßgebenden Kreisen und dem besitzenden Bürgerstande einsichtlich, daß die antisemitischen Hetzereien und Aufforderungen zu gewaltthätigem Sturme gegen die Juden eine gefährliche Erregung und eine drohende Neigung des Pöbels zum Widerstande gegen Gesetz und Ordnung hervorgerufen haben. Hat man doch gerade in Oesterreich schon wiederholt erfahren, daß, wenn die Volksleidenschaft gegen eine Klaffe der Bevölkerung gerichtet worden, sie sich bald auch gegen andere wendet und daß dann kein Stand verschont bleibt, namentlich nicht die Grundbesitzer und die reiche Geistlichkeit. Man kann daher hoffen, daß die jüngsten Unruhen in Pest und Wien einen nachhaltigen Eindruck auf die maßgebenden Kreise gemacht haben werden, so daß mau nicht mehr den Versuchen, das Volk aufzuhetzen, geduldig Zusehen werde. Bisher war dies in sehr fühlbarem Maße der Fall, und selbst nach dem Ausbruch der Unruhen in Pest und Wien mußte der Kaiser selbst mit dem ernsten Befehle strenger Maßregeln einschreiten. Auf diese Weise möchten wohl die jüngsten Vorgänge auch für den Wiener Antisemitismus einen Wendepunkt abgeben. Für den Verlauf der Dinge haben wir Juden weder in Berlin noch in Wien irgend Jemanden Dank zu wissen. Giebt Stöcker wirklich seine politische Agitation auf, so ist die Ursache nicht in seinen antisemitischen Bestrebungen, sondern auf einem ganz anderen Machtgebiete zu suchen. In Wien aber zeigten die Excesfe die Gefahr für die Gesellschaft so klar, daß sich kein Auge davor verschließen kann. Es ist also die naturgemäße Entwickelung, welche eine Aenderung der Sachlage herbeiführen mußte und muß. — Um einen richtigen Einblick in die Lage in Oesterreich zu erlangen, erscheint es nothwendig, hier folgenden Artikel des (der ungarischen Regierung nahestehenden) „Pest. Lloyd" vom 26. April wiederzugeben. Er lautet in den Hauptstellen: „Am Ostersonntag war es, daß das Organ der österreichischen klerikalen Antisemiten in der Lage war, mit der Veröffentlichung einer Beschwerdeschrift zu beginnen, welche die Vorstehung der Wiener israelitischen Cultusgemeinde in Sachen der antisemitischen Bewegung an den Ministerpräsidenten Grafen Taaffe gerichtet. Wäre der Strike der Tramwaykntscher mit seinen gefahrdrohenden Begleiterscheinungen nicht dazwischen gekommen, so wäre diese Publication jenes Blattes, das außerhalb des Kreises der Kerzelweiber beiderlei Geschlechts nur höchst selten Beachtung findet, das sensationelle Ereigniß des Tages geblieben. Aber nicht der Inhalt der Beschwerdeschrift war es, der dieses allgemeine und tiefgehende Staunen hervorznrufen im Stande ist, denn der Umstand, daß eine solche Beschwerde dem Ministerpräsidenten überreicht worden sei, war in allen Blättern zu lesen, und worüber sich die Juden Oesterreichs zu beschweren haben, konnte für Niemanden, der die einschlägigen Vorgänge seit dem Beginne der achtziger Jahre verfolgt, ein Geheimniß geblieben sein. Aber Sensation mußte es erregen, daß ein Aktenstück, das die Beschwerdeführer schon um des lieben Friedens halber gern als vertraulich angesehen wissen mochten, und dessen Veröffentlichung sie ihrerseits auch hintanzuhalten verstanden, eben in dem Organ ihrer eingestandenen Todfeinde erscheinen konnte, einige Tage, nachdem es dem Grafen Taaffe eingehändigt worden war. Und nichts ist geeignet, die höchste Regierungsstelle Oesterreichs dermaßen zu compromittiren, als die unsinnige Hast, mit welcher das „Vaterland" sich beeilte, den Dank des christlichen Volkes „jenen den Juden nahestehenden Kreisen" auszusprechen, durch welche es in den Besitz des fraglichen Aktenstückes gelangte. Denn es liegt auf der Hand, daß durch diese Erklärung von der richtigen Spur abgelenkt werden sollte, welche ganz anderswohin zu führen scheint, als in „die Juden nahestehenden Kreise". Der sensationelle Charakter der ganzen Veröffentlichung wird aber durch den Umstand erhöht, daß es in Oesterreich zu den nie dagewesenen Dingen gehört, daß Akten ohne Wissen und Willen der betreffenden Amtsstelle veröffentlicht wurden, und geradezu seltsam muß es genannt werden, daß die neue laxe Observanz sich an einem Schriftstück er-