Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-09 · Heft 19 (9.5.1889) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 19 (9.5.1889)
Date
1889-05-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227791--46178-3265727
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner Or. Ludwig Philippson in Kann. Krpeditio«: Leipzig, Kospitatgratze 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an l)r. Phitippson in Bonn direct, rn allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 9. Mai 1889. Nr. 19. Inhalt. Leitende Artikel: Zur Lage. — Lichtstrahlen aus dem Buche Hiob. III. — Traditionen des Judenthums. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau, Fürth. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Rußland: Aus Rußland. — Italien: Rom. — Rumänien: Bukarest. — Großbritannien: London. — Tn ne sie n: Tunis. — Bonn: Notizen. — B onn: Literarische Notizen.— Feuilleton: Proben aus einer Übersetzung der Fuchsfabeln des Berachja Hannakdan. (Schluß.) — Die Vermehrung der Israeliten in Egypten. Zeifo'nbc Gt'-ti&cf, Bonn, 5. Mai. Die Lage. In Berlin wie in Wien brachten die letzten Wochen Vorgänge, welche uns in reichem Maße interessiren. Wir können sagen, in Berlin hat der Antisemitismus einen gewissen Endpunkt erreicht, in Wien den Höhepunkt, von welchem er naturgemäß wieder abwärts steigt. Es steht jetzt fest, daß Stöcker seiner politischen Agitation entsagt hat, während er sein geistliches Amt, seine Wirksamkeit in der „inneren Mission" und seine Theilnahme an den beiden Parlamenten beibehält, Sein Verzicht ist also nur ein beschränkter, aber er trifft doch gerade den Theil seiner bisherigen Thäügkeit, welcher uns am meisten berührt, und nachdem, was er erlebt, wird er zur „Judenhetze", zu seinen Reden in den Biechäusern wohl nicht wieder zurückkehren. Wir haben hierüber die vielfachen Gerüchte über die Art, wie dies vor sich gegangen, weder zu referiren noch sie zu controliren. Sicher ist, der Oberkirchenrath hat sich sowohl über den Versuch Stöcker's, eine Uebereinstimmung seiner Aussage mit der des Herrn Witte durch eine vorherige Besprechung zu erzielen, als auch über die nicht der Wahrheit entsprechende Darstellung, welche Stöcker von der Angelegenheit gab, mit scharfem Tadel geäußert. In Folge dieser Entscheidung der höchsten evangelischen Kirchenbehörde fand Zwiefaches statt: Diejenigen, welche das Machtbestreben Stöcker's bekämpften, wiesen jetzt mit größerem Nachdruck auf die Unzulässigkeit einer politischen Agitation, wie sie Stöcker betrieb, mit dem geistlichen Amte, noch dazu in so hoher Stellung hin, und so wurde Stöcker vor die Wahl gestellt, ob er diese Agrtatwn aufgeben oder Hofprediger bleiben wolle. Darauf gab Stöcker seine Entlassung ein, wurde jedoch durch den Kaiser selbst bewogen, im Amte zu bleiben. Daß der Kaiser Stöcker deshalb einen Besuch abgestattet, ist erfunden; dagegen wohnte das Kaiserpaar der Predigt Stöcker's am Charsreitage bei. Hieraus ergiebt sich, daß Stöcker eine mächtige Partei gegen sich hat, welche sein Streben nach einer Machtstellung nicht länger ouloen will, daß er hingegen für feine orthodox kirchliche Tyätigkeit Schutz und Rückhalt in den höchsten Kreisen besitzt. Vorläufig i]t er auf einige Zeit nach dem Snoen adgereist. Daß sein Verschwinden von der antisemitischen Rednerbühne, die er selbst sich gebaut hatte, auf die Masse der Bevölkerung Etnflnß üben und ihm eine etwa spätere Wirksamkeit m derselben Richtung abjchwächen wird, ist einsichtlich. Vorläufig hat für uns die Stöckeriade ein Ende: ob sie einmal wieder anfängt, müssen wir der Zukunft überlassen. Jedenfalls ist unter den Deutschen Antisemiten Niemand, der ihm an Talent und Energie gleich käme. Die Böckel, Förster, v. Liebermann u. s. w. sind untergeordnete Naturen. — Die Leser sind von den Vorgängen in Wien, von den Excessen, die mehrere Tage von großen Pöbelhaufen verübt wurden, hinlänglich unterrichtet; nicht minder, daß denselben antisemitische Motive durchaus nicht einwohnten, dennoch bei ihnen Ausrufe und Aufforderungen gegen die Juden und 19

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.