Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1889)
- Date
- 1889-05-02
- Page
- Seite 277 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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277 politische Agitation zu treiben, abgesehen von Rechenschaftsberichten in seinen Wahlkreisen. In Berlin darf er nur in unpolitischen Vereinen und Versammlungen reden. Die „Voss. Ztg." schreibt darüber: Als vor drei Jahren zum ersten Male die Rede davon war, daß Herr Hnfprediger Stöcker aus den hinlänglich bekannten Gründen vor die Wahl gestellt worden sei, ob er sein Amt oder seine Rolle als politischer Agitator aufgeben wolle, erklärte Herr Stöcker in einer öffentlichen Versammlung, wenn der in Rede stehende Fall eintreten sollte, so würde er unbedenklich sein Amt preisgeben, um sich ganz ohne alle Rücksicht auf die mit diesem Amt zusammenhängenden Verhältnisse der Agitation für die christlich-sociale Bewegung hingeben zu können. Jetzt wird zuverlässig bekannt, daß Herr Stöcker vor die Wahl gestellt, sich zwischen seinem Amte und seiner außeramtlichen agitatorischen Thätigkeit zu entscheiden, sich für den Hofprediger und gegen den Agitator entschieden habe. Der Hofprediger darf nicht mehr in Berliner politischen Versammlungen als Redner auftreten. Ueberraschend ist diese Wendung nicht. Die Verhältnisse haben sich aber, wie die „Lib. Korr." bemerkt, seit 1885! sehr geändert. Wenn Herr Stöcker jetzt das Hofpredigeramt niederlegte, würde das in dem Bewußtsein geschehen müssen, daß er endgiltig auf eine amtliche Thätigkeit in der Kirche! verzichte; der Verzicht auf die politische Agitation braucht kein endgiltiger zu sein." Vorläufig etwas zum Schweigen gebracht, kann es einem gewandten Geiste bei Gelegenheit um eine Enschuldigung vor nachsichtigen Richtern nicht fehlen. Vielleicht ist es dem Stöcker ganz recht, jetzt politisch stillschweigui zu müssen — seine „christlich-sociale" Ideenwelt ist wohl erschöpft, da sie nie etwas Positives enthielt, und von der „Kreuzz." bereits durch „christlich-monarchisch" ersetzt worden. Uebrigens läßt sich auch hinter den Coulissen agitiren, und oft um so bequemer. Berlin, 17. April. In einem Leitartikel „Sanftmuth und Verträglichkeit" bespricht die „Voss. Ztg." den Fall „Witte-Stöcker", in welchen letzteren wir uns nicht einzulassen haben. Dem veröffentlichten Verweis gegenüber, welder evangelische Oberkirchenrath dem Pastor Witte gegeben hat, wird die Frage aufgeworfen, was jener für Stöcker beschlossen habe, und giebt der Artikel folgende Charakteristik Stöckers, die wir nicht mit Stillschweigen übergehen mögen: „Was muß dem Hofprediger Stöcker, der seit Jahren den wüstesten Klassenhaß heraufbeschworen, seine Gegner unfläthig beschimpft hat, wiederholt der Uuwahrhaftigkeit beschuldigt und überführt worden ist, ja selbst vor Gericht sich eidlich mit der Wahrheit in Widerspruch gesetzt hat, geschehen sein, wenn schon Herr Witte einen scharfen Verweis erhalten hat?" München, 16. April. Herr Sigl, der in seinem „Vaterland" zwei hiesige Schriftsteller mit Beziehung auf ihre Angehörigkeit zum Judenthum verhöhnt hat, wurde wegen „groben Unfugs" zu 40 M. Geldstrafe verurthcilt. Königsberg in Pr., 24. April. (Privatmitth.) Seit 20 Jahren übt der „Israelitische Studien - Beförderungs- Verein für Ost- und Westpreußen", der hier domicilirt ist, seine segensreiche Thätigkeit aus. Aus dem eben veröffentlichten 18. Bericht über die Berwaltungsjahre 1887 und 1888 entnehmen wir mit Befriedigung, daß der Verein in seinen Mitteln zwar langsam aber doch vorwärts geht. Im Jahre 1887 erhielt er ein Legat von 3000 M., weshalb seine Einnahmen auf 7393 M. stiegen, von welchen für 4000 Mk. Pfandbriefe angekauft wurden. Der Verein verausgabte zu 48 Stipeudien 2970 M. und ein Darlehn von 200 M. Im Jahre 1888 belief sich die Einnahme auf 4031 M., von den 1000 M. Pfandbriefe angekauft wurden. Zu 45 Stipendien wurden 2735 Mk. verausgabt. Der eiserne Fonds beläuft sich gegenwärtig auf 38,000 M. Den für die Wirksamkeit des Vereins eifrig bemühten Vorstand bilden Rabbiner Dr. Bambcrger, Collegienrath S. Feiuberg, Rechtsanwalt Holz, Professor Di-. Iaffs, Prof. Dr. Saalschutz und Prof. Dr. Samuel. Dresden, 25. April. (Privatmitth.) Der Vorstand der Religionsgemeinde zu Dresoen gehört zu den immer noch geringzähligen jüdischen Gemcindevorständen, welche einen Bericht über ihre Verwaltung regelmäßig jedes Jahr veröffentlichen, und er stattet diesen Bericht ausführlich und gründlich aus. Es wäre wünscheuswerth, daß dieses Beispiel eine recht vielfältige Nachfolge erführe, denn hierdurch allein könnten wir ein richtiges Bild von den Vorgänge» innerhalb der Gemeinden erlangen und diese würeen daraus untereinander mannigfaltige Belehrung schöpfen. Man weiß ja, daß es einen viel größeren Eindruck macht, wenn man aus den Gemeinden die von ihnen gethanen Schritte erfährt, als durch die bestgeschriebenen Artikel und Abhandlungen. Die Dresdener Geineinde zählt jetzt 464 stimmberechtigte Mitglieder. Es kamen im Jahre 1888 44 Geburten, 26 männliche und 18 weibliche vor, während im Vorjahre bei 26 Geburten ans beide Geschlechter dieselben Zahlen kommen; 33 Todesfälle und 15 Eheschließungen. Das Budget auf 1889 ward auf 31,700 M. festgestellt, denen 16,800 Mk. Einnahme gegenübersteht, und müssen 16,000 M. durch Cnltnssteuern gedeckt werden. Aus den Gemeinderathsbeschlüssen heben wir Folgendes hervor: Für die Religionsschule legte Herr Rabbiner Dr. Winter einen neuen Lehrplan vor, ivclcher im Anschluß au das Volksschulgesetz den Religionsunterricht schon vom sechsten Lebensjahre an fordert. Derselbe fand, nachdem ein Antrag des Herrn Lehmann den Unterricht erst vom achten Lebensjahre ab für obligatorisch, 18