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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-02 · Heft 18 (2.5.1889) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 18 (2.5.1889)
Date
1889-05-02
Page
Seite 276 (sequence 8)
Language
German
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276 wissen, seit Jahr und Tag im Sinn, da er unter den obschwebenden Verhältnisse eine ersprießliche agitatorische Thätigkeit in Berlin nicht für möglich hält." Also von einer Thätigkeit, die nicht ersprießlich ist, will der Mann nichts wissen; fürwahr ein Agitator, der sich an Falstaffs Beispiel begeistert hat. Und warum war sie auf einmal seit Jahr und Tag nicht mehr ersprießlich, diese Thätigkeit, auf der nach Stöckers eigenem Zeugniß zehn Jahre lang des Himmels Segen geruht hatte? Weil ihr die Gunst von oben entzogen wurde, aus der sie die Kraft gesogen hatte, die dann lügenhafter Weise ihrer inneren Natur angedichtet worden war. Die Sonne tritt hinter Wolken, da verendet die „herrliche" Bewegung; im Schatten zu kämpfen, wäre ja Narrethei. Doch hören wir weiter-. „Für die Zukunft hat er sich selbstverständlich in keiner Weise gebunden." Also doch für die Gegenwart und wer sich so gebunden hat, muß eben auf die Stunde warten, in der man ihn wieder losläßt. Das mag früher oder später geschehen, aber wenn das Band gelöst wird, ist der Mann kein freier mehr, sondern nur noch ein Freigelassener. Man weiß dann, wem er angehört und wer dafür verantwortlich ist, wenn er Unheil anzurichten sucht. Aber über Eines täusche man sich doch nicht: der Instinkt der Massen, der den freien Mann auch auf die schlimmsten Abwege begleitet, wird den Freigelassenen nicht emporheben; tausendstimmig, wie vordem der Jubel, wird ihm entgegenschallen: An die Krippe, an die Kette! Denn soweit hat auch die Stöcker'sche Agitation die Massen noch nicht heruntergebracht, daß sie den Sinn für Manneswürde und die letzte Spur von Selbstachtung eingebüßt hätten." „Der „Reichsbote" pfeift aus derselben Tonart, wie die „Kreuzztg.", nur etwas läppischer und täppischer. Für „zwecklos" halte Stöcker den politischen Parteikampf „unter den gegenwärtigen Verhältnissen" — wie da der vielgeschmähte Opportunismus, der nicht warm und nicht kalt bläst, zu Ehren kommt! — aber sobald er — Stöcker —- „sich überzeugt, daß diese Zurückhaltung schädlich wirkt und ein Wiedereintreten in den Parteikampf nothwendig ist, wird er wieder in denselben eintreten; seine Entschließung ist durch nichts behindert." Da ist Sir John überfallstafft; bis zu einem: „So werde ich ausliegen und meine Klinge führen" hat es dieser Held doch nickt gebracht, obgleich auch seine Entschließung zur Tapferkeit „durch nichts behindert" war." „Was Herrn Stöcker „gebunden" hat, ist kein Geheimniß. Er ist einem Stärkeren, für den er lange Zeit ein guter Treiber gewesen war, als Jäger irgendwo ins Gehege gekommen und dafür giebt es keinen Pardon. Stöcker glaubte, ein frisches fröhliches Jagen sei ihm gestattet und er hat sich darin verrechnet, er hat, auf den Jagdherrn vertrauend, die Rechnung ohne den Jagdpächter gemacht, der schon ganz andere Mitbewerber „kaltgestellt" hat, als den Herrn Hofprediger. An Warnungen hat es für diesen nicht gefehlt, aber in seinem fanatischen Dünkel ließ er sie unbeachtet. Er! hätte sein Schicksal voraussehen können, als Cremer j das christlich-soziale Schiff verließ und zugleich die Geheimnisse desselben preisgab, Schlagworte wie: „Was kümmern; Sie sich denn um Friedrichsrnh? Das thue ich längst nicht!mehr!" oder: „Wir jagen den Fürsten Bismarck, wenn er es nicht anders macht." Der alte Löwe mochte einen Augenblick denken, hier drohe ihm wirklich von .einem anderen Leu Gefahr, aber in der Löwenhaut steckte weiter nichts als der graue Freund, der sofort Reißaus nahm, als der Gegner sich erhob. Natürlich nur „vorläufig" und „in seiner freien Entschließung durch Nichts behindert". Aber was hinter ihm herschallt, ist nicht des Löwen Gebrüll, sondern Hohn und! Spott; die Welt weiß jetzt, wer in der Löwenhaut gesteckt hat und die Zeitgeschichte ist um den dankbarsten Stoff zu einer neuen Comödie reicher." (Näheres in nächster Nr.) cljzicij i'cw. Deutschland. Berlin, 21. April. Der Vorstand und die Repräsentanten-Versammlung der hiesigen jüdischen Gemeinde haben beschlossen, einen feierlichen Jugendgottesdienst einzurichten, der an sabbathlichen Nachmittagen in der neuen Synagoge stattfinden soll. Der erste dieser Gottesdienste wird morgen, Sonnabend, abgehalten werden. (Näheres in nächster Nr.) — Nachdem Wochen lang der Streit zwischen der Köln. Ztg., der Nordd. A.-Z., der Post einerseits und der Kreuzzeitung, dem Reichsboten und dem „Volk" andrerseits um die Person Stöckers gewährt hat — kein ehrenvolles Zeichen für unsere Zeit, daß ein solcher Mann so lange im Vordergründe steht — scheint nunmehr doch eine Entscheidung getroffen zu sein. Wie die „Freist Ztg." zuverlässig erfährt, ist Stöcker nunmehr politisch kalt gestellt worden. Er darf nicht mehr in Berliner politischen Versammlungen als Redner auftreten und soll sich dieser Bedingung ohne',Murren gefügt haben. Seine Mandate darf er beibehalten, doch ist ihm verboten,

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