Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1889)
- Date
- 1889-05-02
- Page
- Seite 275 (sequence 7)
- Language
- German
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275 anderen Ideen Platz. Aber das Gemüth beharrt in seiner Grundstimmung und in den Gefühlen, die es beherrschen. Eine Religion, die lediglich in einigen abstracten Formeln bestände, würde für die Mehrzahl der Menschen gar nicht existiren und am wenigsten irgend eine Wirkung auf sie ausüben. Wir erfahren es auch an Personen, die dem religiösen Leben sich entfremdet haben. Tritt eine Gelegenheit, eine Veranlassung heran, sei es bei ihnen selbst oder bei anderen, so öffnet sich schnell ihr Herz der religiösen Empfindung wieder und sie nehmen einen lebhaften Autheil an einer religiösen Feierlichkeit oder Ceremonie oder erfüllen mit vollem Gefühl eine religiöse Satzung. Nicht minder aber steht den Behauptungen jener Männer das Gesetz der Entwickelung entgegen. Denn diese besteht niemals im bloßen Abschaffen, in Beseitigung und Zerstörung, sondern sie setzt eine anders gestaltete Einrichtung für die, welche sie als veraltet und abgestorben zu verdrängen sucht. Da, wo nur zersetzt, aufgelöst, verdrängt wird, stellt sich bei dem Menschen ein unerträgliches Gefühl der Leere, der Entbehrung, der Vernichtung ein; er schaut sich nach dem Ersätze um, und findet er ihn nicht, so kehrt er lieber zu seinem Früheren zurück. Auch dies bewährt sich auf dem religiösen Gebiete in zahlreichen Beispielen. Sogenannten Reformatoren, die für das, was sie abstoßen, nichts zu geben vermögen, werden bald aus Gegenständen anfänglicher Bewunderung solche des Widerwillens, der Mißachtung. Betrachten wir deshalb den Weg, den das Judenthum seit mehr als einem halben Jahrhundert eingeschlagen, so erkennen wir, daß es nach jenen beiden Gesetzen und ihren innerlichen Forderungen vorgegangen ist und vorgeht, und halten wir es deshalb auf dem richtigen Wege befindlich. Das Judenthum ist in der Entwickelung begriffen, um aus den früheren Zuständen verkommener Stabilität heraus zu einem neuen frischen Leben und zu! einer Umgestaltung seiner bisherigen Institutionen zu gelangen. Es hält an seinen Grundeinrichtungen fest und nährt das historische Bewußtsein und mit ihm auch seine geschichtlichen Grundformen. Wie es sich in dieser Entwickelung gestalten werde, ist dem Gegenwärtigen nicht sichtbar, und er vertraut der durch Jahrtausende bewährten Festigkeit seines Stammes und der Leitung der Vorsehung, die sich uns unter noch viel schwierigeren Verhältnissen, z. B. bei dem zweiten Falle des Tempels und der Zerstreuung durch die Länder, stets so sichtlich bewährt hat. Vorläufiges Ende der Äöckeriade. Stöcker, vor die Wahl gestellt, ob Domprediger, ob politischer Agitator, hat, seiner früheren öffentlichen Erklärung zuwider, das erstere gewählt. Wir können dies nicht besser stigmatisiren, als mit dem folgenden Artikel der „Frkf. Ztg.": „Also doch! Seine treuesten Anhänger können es nicht leugnen, daß Herr Stöcker den politischen Parteikampf bis auf Weiteres aufgegeben, daß er sich hat kalt stellen lassen. Der „theure Gottesmann" selbst schweigt natürlich, er hat sich auf eine Schamreise begeben, denn der Berliner Boden mochte ihm wohl unter den Füßen brennen, wenn er daran dachte, was er vordem dem Volke, dessen ihn erbarmt, gelobt hatte. Als vor etwa zwei Jahren zuerst davon gesprochen wurde, daß man Stöcker vor die Wahl stellen werde, ob er dem Amte oder der politischen Agitation entsagen wolle, erklärte er in öffentlicher Versammlung mit dem Brustton der Ueberzeugung: unbedenklich werde er in solchem Falle sein Amt preisgeben, um sich dann ganz und rücksichtslos der Agitation widmen zu können. Und sein Organ, das christl.- kons. Correspondenzblatt ließ sich dann — am 13. Juli 1867 — wie folgt vernehmen: „Kaltstellung? Nun ja, wenn und so lange wir uns „kaltstellen" lassen! Müssen wir uns „kaltstellen" lassen? Wir sagen: Nein! Dürfen wir uns „kaltstellen" lassen und kalt bleiben? Wir sagen abermals: Nein! Wollen wir uns „kaltstellen" lassen und kalt bleiben? Wir hören die tausendfache Antwort unserer Parteigenossen und Freunde auf diese Fragen: Nein! Nein und nochmals nein!" Jetzt hat er gemußt, gedurft, gewollt; ein Ritter voll Furcht und Tadel geht er hin — und hetzt nicht mehr, weil ihm die hohe obrigkeitliche Erlaubniß zu dem Gewerbe entzogen ist, weil ihm, dem begüterten Mann, der Brodkorb doch mehr gilt, als das Volk, dessen ihn jammerte." „Leugnen läßt sich's nicht, also muß man suchen, es zu vertuschen und zu beschönigen. Diese jammervolle Aufgabe fällt der „Kreuzzeituug" und dem „Reichsboten" zu, aber die Arbeit will ebenso wenig gelingen, wie vor Jahren den Nationalliberalen der Versuch, das Ausreißen Bennigsens aus der parlamentarischen Arena als eine „That" zu rühmen. Es giebt Dinge, die das Aufträgen von Farbe nicht vertragen und dazu gehört in erster Reihe der Treu- und Wortbruch an sich selbst und an Anderen, die Feigheit, die den Mund voll nahm und sich beim ersten Donner und Blitz verkriecht, fei es auch nur „bis auf Weiteres". Herrn Stöcker haben seine Gegner gewiß nicht viel Gutes zugetraut und nachgesagt, aber der Verdacht, daß ihn Macht- oder Schmeichelwort je bestimmen könnte, sich „kaltstellen" zu lassen, hat nie einen Schatten auf seinen Namen geworfen. Diese Schmach hat ihm keine „Jude" angethan, er selbst vollzieht sie jetzt an sich und damit an seinem Werke." „Hören wir einmal die Anwälte. „Den politischen Parteikampf aufzugeben," schreibt die „Kreuzztg.", „hatte Stöcker, wie wir aus vielfachen Unterhaltungen mit ihm