Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1889)
- Date
- 1889-05-02
- Page
- Seite 273 (sequence 5)
- Language
- German
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273 den Wiener Kommissionären aus, sondern der Druck kommt von auswärts. Bereits im vorigen Jahre Hai eine Anzahl von jüdischen Besuchern des Saatmarktes einige unangenehme Erfahrungen gemacht. Die Leute sind in Lokalen, die sie besucht haben, nicht gerade hinausgeworfen, aber doch jedenfalls so behandelt worden, daß sie die Thür bald von außen zugemacht haben. Es ist ja ein offenes Gehennniß, daß gewisse Sommerfrischen rings um Wien, daß gewisse Bergnügungsorte für Leute mit dunklen Haaren oder gar mit krummen Gesichtsvorsprüngen ein recht heißer Boden geworden sind. Der Einheimische nun wird die Orte, wo „strammnationale" Gesinnung und gutes Bier ausgeschänkt wird, iu der Regel kennen, und wenn sein „arischer" Stammbaum nicht ganz korrekt ist, meiden, der Fremde kann das nicht, das Weitere malen Sie sich aus. Im vorigen Jahre kam es schon zu allerlei Unannehmlichkeiten und so wollen denn heuer zahlreiche Kaufleute den Saatmarkt nicht beschicken. Der Saatmarkt schien einen Augenblick ernstlich gefährdet, und zwar nicht durch die Anfeindungen der Geschäftskonkurrenten ans dem Wiener Platze, sondern durch den Widerwillen der auswärtigen Getreidehändler, nach der Stadt zu gehen, iu der Raeenprivilegium so hochgeschätzt wird, das in gewissen Lokalen nur Solche, deren Stammbaum in den Teutoburger Wald zurückzuführen ist, ruhig ihr Bier trinken dürfen. Graf Taaffe hat sich persönlich in der Sache eingesetzt und hat dem Bürgermeister einen Besuch gemacht, Herr Uhl hat seitdem allerlei Schritte gethan und vermuthlich wird der Saatmarkt Heuer ebenso wie 1888 abgehalten werden. Aber der ganze Zwischenfall zeigt, wohin wir treiben oder vielmehr wo wir schon angelangt sind. Eine Rotte von durchgefallenen Studenten, Advokaten ohne Praxis und dummen Buben, die sich für Staatsmänner halten, wenn sie den Staub von den Stiefeln des deutschen Reichskanzlers ablecken, eine Bande pöbelhafter Gesellen, deren Bildungslosigkeit nur von ihrer Frechheit übertroffen wird und die sich allmälig in den naiven Glauben hineingeschrieen und ge—trunken haben, daß nur ein „unverfälschter Deutscher" ein Mensch erster Klasse, alle Anderen nur Menschen zweiter Klasse sind, eine solche Bande terrorisirt mehr und mehr das soziale Leben Wiens und erfrecht sich auch, gelegentlich gegen Kaiser und Reich zu demonstriren. Man hat die Buben zu lange toben lassen, jetzt geberden sie sich als Herren. Die Wirkung zeigt sich nnd sie wird sich noch weiter zeigen, denn die Geschichte mit dem Saatmarkt ist nur eine Episode. Man gießt seit Jahren Oel ins Feuer, kann es da einen vernünftigen Menschen Wunder nehmen, wenn die Flammen höher und höher aufschlagen?" — In Wien giebt es einmal wieder Excesse, die von der Rohheit des dortigen Pöbels, von seiner Geneigtheit, Gesetz und Ordnung zu mißachten, ein trauriges Zeugniß geben. Die Kutscher der Pferdeeisenbahnen striken, und der Pöbel rottet sich zusammen, um sie zu unterstützen und die Fahrten durch andere Bedienstete zu verhindern. Die Polizei und selbst das Militär werden angegriffen und verwundet; es muß von der blanken Waffe Gebrauch gemacht werden. Dies wird von dm Antisemiten benutzt, welche Schmähungen gegen die Inden und die „Judenknechte" ausstoßen. Man versuchte sogar das Gewölbe eines Juden zu erbrechen, doch wurden die betreffenden Uebelthäter durch Dragoner verhaftet. Die Behörde wird dessen Herr werden, aber immerhin beweisen diese Excesse, daß mit aller Strenge gegen die Aufwiegler vorgegangen werden muß. Wann erst werden sich die Regierungen überzeugen, daß jede Aufhetzung der Volksleidenschaft, auch die antisemitische, von den traurigsten Folgen begleitet ist. Man hat die letztere viel zu lange mit angesehen, geduldet, als daß sie nicht die Verwilderung des Pöbels hätte nach sich ziehen sollen. — Schließlich erfährt man etwas über die Denkschrift des Gemeindevorstandes, aber aus welcherQuelle: aus der gehässigsten, der judenfeindlichsten — dem W. „Vaterland"! Eine Korrespondenz der„Frkf. Z." lautet: „In dem vollen Vertrauen auf die erleuchtete Einsicht Em. Excellenz, in der Ueberzeugung, daß Ew. Excellenz die nur dem Vorurtheile, dem Hasse entspringende antisemitische Gesinnung weit von sich weisen, halten wir uns für verpflichtet in aller Ehrfurcht Ew. Excellenz jene Erscheinungen vorzuführen, welche zu der Meinung Anlaß geben, es gewähre die hohe k. k. Regierung die Duldung der hier herrschenden antisemitischen Bewegung, welche allgemein verbreitete Meinung — mag dieselbe auch irrig sein — diese Bewegung offenbar mächtig fördert, so daß heute die Abwickelung der Angelegenheit gefahrdrohend über unseren Glaubensgegenossen schwebt." So beginnt die Denkschrift, welche die Wiener jüdische Cultusgemeinde dem Ministerpräsidenten Grafen Taaffe über die Ausschreitungen des Antisemitismus überreicht hat, und führt sodann in detaillirter Weise aus, wie sich die Behörden gegenüber den Jüvenhetzen in den Tages¬ und Wochenblättern, in Wirthshäusern und in Vereiusversammlungen vollkommen passiv verhalten. Das hiesige klerikalantisemitsche „Vaterland" beginnt heute mit der Publikation dieser Denkschrift, nnd benützt dieselbe zum Anlaß, um über die Juden neuerlich in maßloser Weise herzufallen. Das „Vaterland" sagt selbst, es werde nicht bekannt geben, wie es in den Besitz dieser Denkschrift gekommen sei, es gebe, Gott sei Dank, doch schon in allen Kreisen, selbst in solchen, welche den Inden nahestehen, einzelne Personen, welche die Abscheulichkeit einer solchen Denunziation begreifen und von sich weisen ... Da nun das „Vaterland" die Denkschrift nicht von jüdischer Seite erhalten hat, so muß offenbar von Seiten der Regierung die Indiskretion begangen und die Publikation veranlaßt worden sein. Es ist nicht anzunehmen,