Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1889)
- Date
- 1889-05-02
- Page
- Seite 272 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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272 der Vorstand des Vereins zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag bei dem Statthalter Böhmens v. Kraus zu gleichem Zwecke ein, dieser verwies sie an den gerade in der böhmischen Hauptstadt sich befindenden Grafen Taaffe. Auch diese hatte sich eines freundlichen Empfanges von Seiten des Premierministers zu erfreuen, den sie besonders auf die gehässige Stimmung in Nordböhmen und die daselbst stattfindenden hetzerischen Aufwiegelungen aufmerksam machten. Er äußerte sich dahin, daß die Regierung ihrer Pflicht wohl bewußt sei, Gesetz und Ordnung in vollem Maße aufrecht zu erhalten. — Unterdeß fanden noch cutfccre Vorgänge statt. Die jüdischen Saathändler zeigten an, daß sie den Saatmarkt zu Wien aus Besorgniß vor Ausschreitungen des Pöbels nicht besuchen wollten, so daß derselbe gar nicht hätte abgehalten werden können. Dadurch würde die ganze Verproviantirung der großen Stadt gefährdet werden. Daß dieser Umstand von großer Wichtigkeit ist, ersieht man daraus daß Graf Taaffe mit dem Wiener Bürgermeister Uhl darüber conferirte, und Uhl sich an den Vorsteher der Saatbörse Naschauer wandte, um jenem Uebelstande zu begegnen. Derselbe versprach, sich um das Zustandekommen des Saatmarktes zu bemühen. Der weitere Verlauf ist abzuwarten. — Die Antisemiten ließen auch in diesem Jahre das Peßachfest nicht vorüber, ohne mit frechster Lügenhaftigkeit unter dem Volke die alte Fabel von rituellem Mord aufzubringen und es möglichst zu Ausschreitungen gegen die Juden aufzureizen. Es geschah dies in Preßburg und in Kremsier. Preßburg ist seit alter Zeit berüchtigt wegen des Judenhasses seiner Bevölkerung. Dies zeigte sich zum letzten Male vor einigen Jahren, als der Antisemitismus in Ungarn blühte, und mußte der Aufstand mit Waffengewalt unterdrückt werden. Gleiches war 1848 vorgekommen. In Folge des ersteren Vorganges haben niedrere jüdische Großindustriellen Preßburg verlassen, was einem Theil der Bevölkerung großen Nachtheil brachte. Diesmal ging die Sache friedlicher vorüber. Ein Knabe war von einer Gauklerbande in Preßburg zurückgelassen und von einer Familie ausgenommen worden. Am 12. April war er wieder verschwunden, da, wie die behördliche Nachforschung erwies, er von einem Abgesandten der Bande wieder an sie gelockt wurde. Die Antisemiten verbreiteten im Volke das Gerücht, die Juden Hütten ihn gemordet. Nachdem dies aufgeklärt worden, erlogen sie in ihren Blättern, daß dennoch in Preßburg große Aufregung stattfinde. Hiergegen wurde telegraphirt: In gewissenloser Weise wird die Wiener Presse durch Verbreitung erfundener Depeschen seit zwei Tagen genarrt. Hier ist keine Spur einer Aufgregung. Der angeblich spurlos verschwundene 9 jährige Wilhelm Scholz ist, wie polizeilich bereits vorgestern erwiesen wurde, freiwillig mit dem ihm bekannten Akrobaten Salzer von hier fortgezogen, um, wie er dies schon früher gethan, auf dem flachen Lande als „Schlangenmensch" Productionen zu veranstalten. Die Polizei und der Staatsanwalt beabsichtigen, gegen die Berbreiter dieser vollkommen grundlosen Nachrichten einzuschreiten. — Einen ähnlichen Fall behandelt folgendes, Wiener Blättern vom israelitischen Cultusvorstande in Kremsier zugehende Schreiben: „Löbliche Redaction! Wir ersuchen im Interesse der Wahrheit um Aufnahme dieser Zeilen: Das von mehreren Blättern gebrachte Ostermärchen, daß an den hiesigen Rabbiner eine Kiste mit einer verstümmelten Frauensperson angekommen sei, ist seit mehr als vierzehn Tagen amtlich als völlig unwahr sichergestellt. Diese Nachricht gehört daher, wie alle bisherigen Berichte derselben Art, in den Bereich der tendenziösen Erfindungen. Kremsier, am 13. April 1889. Der Cultusvorstand." Interessant ist, daß — wie uns geschrieben wird — auch die Wiener Polzeibehörde vor etwa drei Wochen Anlaß fand, sich mit dem Kremsierer Roman zu beschäftigen. Eine in der Leopoldstadt etablirte Kaffeesiedenn erschien nämlich im Stadtkommissariate und legte einen czechisch geschiebenen, aus Kremsier datirten Brief offen und ohne Couvert vor, den sie von einer ihr unbekannten Böhmin erhalten haben will. Letztere, eine Marktfrau, übergab der Kaffeesiederin das Schreiben mit dem Bedeuten, dasselbe in den Zeitungen zu veröffentlichen und zugleich auch der Sicherheitsbehörde hievon Kenntniß zu geben. Die Leopoldstädterin begnügte sich damit, den Brief der Wiener Polizei zu übergeben. Das ezechische Schreiben erzählte ganz einfach, daß auf dem Bahnhofe in Kremsier eine an den dortigen Rabbiner adressirte Kiste angelangt sei, in welcher sich eiu stöhnendes Mädchen befunden habe. Durch die Schmerzenslaute des Mädchens aufmerksam gemacht, habe man die Kiste geöffnet und so die Welt vor einem neuen rituellen Mord behütet. Obgleich die Wiener Behörde nun dem ganzen Weibergeschwätz keinen Werth beilegte, fragte sie dennoch amtlich in Kremsier an, was eigentlich an dem Gerede sei, und erhielt die bündige Auskunft, daß die Geschichte erlogen sei, und es existire auch nicht der geringste Anhaltspunkt für das Entstehen eines solchen Gerüchtes. Immerhin beweist die Gleichzeitigkeit des Auftretens solcher Märchen auf verschiedenen Plätzen, daß die Agitatoren, welche ein Interesse an deren Erfindung haben, planmäßig nach einem bestimmten Systeme Vorgehen. — Ueber den, den Saatmarkt betreffenden Vorgang bringt der „P. Ll." folgenden, die Sachlage erörternden Artikel vom 18. April: „Die praktische Wirkung des Antisemitismus zeigt sich jetzt in einer eigenthümlichen Weise, der Wiener Saatmarkt ist für 1889 in Frage gestellt. Der Saatmarkt ist stets von gewisser Seite angefeindet worden, man behauptete, daß er dem Wiener Getreidegeschäft abträglich sei, aber diesmal geht die Gegnerschaft keineswegs etwa von