Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1889)
- Date
- 1889-05-02
- Page
- Seite 271 (sequence 3)
- Language
- German
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271 7, 17: „Was ist der Mensch, daß du so groß ihn hältst, und auf ihn richtest deinen Geiste ihn musterst alle Morgen, all' Augenblick ihn prüfst?" Und doch müssen wir diese Frage bejahend beantworten. Die Größe des Menschen besteht in seinem sittlichen Werthe. Daß er das Bewußtsein des Guten und Bösen in sich trägt, die Anspornung zu Beidem in ihm vorhanden und er die Freiheit des Willens besitzt, das Eine zu Lhun und das Andere zu lassen, dies macht seine Größe aus, so klein und hinfällig er auch anderweitig sei. Wo aber ein sittlicher Streit und ein sittliches Thun vorhanden, da muß auch eine Ausgleichung mit der sittlichen Weltordnnng stattfinden, da muß das Auge der göttlichen Gerechtigkeit darauf gerichtet sein. Um einen genügenden Begriff von den Ansichten der Freunde Hiob's zu geben, wie sie der Dichter in mannigfaltigen Variationen durch die erste Hälfte des Buches (bis Kap. 28) in hochpoetischem Schwünge und mit einem Bilderreichthum zum Ausdruck bringt, den wir nur bei Shakespeare wiederfinden, wollen wir hier eine längere Stelle hersetzen: 8, 5: „Wenn du nach Gott suchst und zum Allmächtigen flehst, wenn rein und bieder du: dann wird er wachen über dich und schützen deine gerechte Hütte; so daß dein Früheres gering gewesen, dein Späteres sehr wachsen wird. — Denn frage doch beim frühesten Geschlecht, ergründe dann die Forschung seiner Väter — denn wir, von gestern sind wir, und wissen nichts, denn Schatten sind auf Erden unsere Tage — fürwahr, sie werden lehren dich, sie werden zu dir sprechen, tief aus dem Herzen Worte bringen: „Schießt Papierschilf anders als im Sumpfe auf? wächst das Sumpfgras ohne Wasser? Noch ist's grünend, noch nicht abzuschneiden, und verdorrt vor allem Grase. So die Pfade aller Gottvergessenen, untergeht des Frevlers Hoffnung: sein Vertrauen reißt, seine Zuversicht ist Spinngewebe; sieh, er stützt sich auf sein Haus, und bleibt nicht stehen, hält sich dran, und bleibt nicht aufrecht. Strotzt voll Saft im Sonnenstrahle, über seinen Garten ranket sein Gesproß: doch um Felsblock schlingen seine Wurzeln sich, und auf Steinschicht stößt er^); reißt man ihn aus seiner Stelle, leugnet sie ihn: niemals sah ich dich! Sieh, Gott verwirft Schuldlosen nicht, und hält der Uebelthäter Hand nicht fest. Noch wird er deinen Mund mit Lachen füllen, mit Jubel deine Lippen; es kleiden deine Hasser sich in Schmach, das Zelt der Frevler ist nicht mehr. —" In allem Diesem ist Wahrheit, und Hiob selbst erkennt dies an, indem er seine Widerrede (9, 2) anliebt: „Fürwahr, ich weiß es, daß es also ist." Ein jedes religiös gestimmte 1) Es ist eine von der Erfahrung bestätigte Beobachtung, daß, wenn Bäume in der Ackerkrume gedeihen, sie aber beim Wachsthum mit ihren Wurzeln auf eine Steinschicht oder einen Felsblock stoßen, unbedingt ausgehen. Herz wird gern die obigen Sätze in sich anfnehmen und im Wechsel der Dinge sich zum Tröste dienen lassen. Der Irr thum liegt nur in der einseitigen Consequenz, welche jene Freunde daraus ziehen, nämlich, daß alle Geschehnisse des Lebens nach diesem Principe der unbedingten göttlichen Gerechtigkeit zu beurtheilen seien, kein Unglück den Gerechten, kein Glück den Frevler treffe, und hiernach die Handlungen der Menschen anzusehen wären. Es war ihr Jrrthum, daß sie in den Werken der Vorsehung eben nur dieses eine Motiv, diesen einen Factor gelten ließen, nicht aber deu Zweck der Prüfung, der Erziehung des Menschen anerkannten. Dahin geht nun die Widerlegung, welche der Dichter des Hiob beabsichtigt. (Fortsetzung folgt.) Oesterreichische Zustände. Wenn ein Staat, eine Provinz, eine Stadt im Niedergange begriffen ist, so stellen sich eigenthümliche Zustände ein, welche diesen Niedergang kennzeichnen. Es verbreitet sich der Geist der Unzufriedenheit in den breiten Klassen des Volkes, der aus dem immer fühlbarer werdenden Rückgang der materiellen Verhältnisse, des Erwerbs- und Besitzstandes seine Nahrung zieht. In dieser Unzufriedenheit wird nach einem Sündenbock gesucht, dem man die Ursache aller Uebelstände zuschreiben dürfte. Und dann ist ein günstiger Spielraum jenen Volksverführern eröffnet, welche im Dunkeln fischen wollen, um alte Borurtheile und Gehässigkeiten wieder zu wecken, die man längst überwunden glaubte. In diese Lage scheint die Stadt Wien, die früher wegen ihrer Gemüthlichkeit und ihres Hanges zum Lebensgenuß bekannt war, gerathen zu sein, und um so fruchtbarer war daselbst der Boden für den Antisemitismus, da zu aller Zeit der Neid und die mißgünstige Schelsucht im Stande der Gewerbtreibenden und Handwerker auf die unter ihnen angesiedelten Juden unter der Oberfläche schlummerte. Die, wie man jetzt zu sagen pflegt, antisemitische Strömung ist deshalb in Wien und einigen Gegenden Oesterreichs, wie Nordböhmen, heftig angeschwollen. Dies hat endlich die bisher sich völlig passiv verhaltenden Juden aufgeschreckt und bewogen, Schritte zu ihrer Bertheidigung zu thun. Denn der Aufenthalt unter diesen, immer heftiger von den Hetzern angeregten Massen, mußte recht unbehaglich werden. Sie entschlossen sich, die ihnen gesetzlich zustehenden Mittel zu benutzen. Eine Deputation des Vorstandes der jüdischen Cultusgemeinde begab sich zu dem Premierminister Grafen Taaffe, ihm über die Lage der Dinge Vorstellungen zu machen und eine Denkschrift über die Ausschreitungen der Antisemiten zu übergeben. Er hat sie wohlwollend empfangen und ihr versichert, daß die Staatsregierung den Grundsatz der Gleichberechtigung durchaus festhalten werde. Fast zu gleicher Zeit stellte sich 18*