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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-02 · Heft 18 (2.5.1889) · p. Seite 270

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 18 (2.5.1889)
Date
1889-05-02
Page
Seite 270 (sequence 2)
Language
German
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270 jedes Kampfes frei sein und ohne Verdienst auf dem geraden Wege verbleiben. Solche Rechtfertigung durch äußere Umstände und von Außen eindringende Anregung stellt sich der Erkenntniß seiner Schuldhaftigkeit,. also jeder aufrichtigen Reue und Besserung entgegen. 5, 17: „Sieh, Heil dem Manne, den Gott züchtigt, und des Allmächtigen Zucht verschmähe nicht! Denn Er verwundet und verbindet, Er schlägt und seine Hände heilen." Ein ununterbrochenes Glück ist dem Menschen gefährlich. Sein Hochmuth, der sich ja selbst alles Verdienst zuschreibt, wächst, seine Vorsicht schwindet, sein Vertrauen auf steten glücklichen Erfolg verleitet ihn zu den gefährlichsten Schritten. Aber auch innerlich verliert sich seine sittliche Kraft, denn es rnangelt ihm der seelische Kampf, die Entwickelung seiner sittlichen Kräfte. Darum preist der Dichter mit Recht als ein Heil, wenn dem Menschen auf seinem Lebenswege Hindernisse, Verluste und Leiden begegnen, daß er aus dem Rausche seines Glückes erwache, daß er die Hinfälligkeit des Irdischen gewahre, und daß sich seine Seele zum kräftigen Widerstande gegen die über ihn gekommenen Uebel aufraffe. Ja, es ist eine Ueberwindung der menschlichen Eigenliebe, seiner Selbstüberschätzung, ein schöner Sieg über sich selbst, wenn er in dem Mißgeschick, das ihn getroffen, sein Heil, die gütige und weise Hand Gottes erkennt. Und hierzu unterstützt ihn die Erinnerung, daß Gott den Menschen, wenn er sich nicht selbst aufgiebt, niemals ganz fallen, sondern Hilfe und die Mittel, sich zu retten, ja in seinem Leide selbst Trost und Befriedigung finden läßt. Dies aufzusuchen und zu erkennen, ist die Sache des Menschen. Die Lehre ist da, verwende sie zu deinem Guten. Dann heißt es: 5, 24: „Dann weißt du, daß dein Zelt ist Friede, du musterst deine Stätte und es fehlt nichts, dann weißt du, daß dein Same zahlreich und deine Sprößlinge wie Kraut der Erde; du gehest mit Kraft noch in die Gruft, wenn sich der Grabeshüget hebt zu seiner Zeit. Sieh, Solches haben wir erforscht, so isks, vernimlii's und du, merk es dir." Wer sich im Leben vorurtheilslos umsieht, wird auch hierfür Beispiele finden, und Greise sehen, die in Frieden und von der Gunst des Lebens umgeben ihre Tage beschließen. Was auch Pessimisten für Phrasen machen, es giebt viel Glück und Befriedigung auf Erden, wenn sich nur die Menschen dazu eignen. Es versteht sich, daß der Mensch seinen Frieden und sein Glück nicht in der Erfüllung aller seiner Wünsche suche, daß er auch zu entbehren und zu vergessen verstehe und sich darall halte, was ihm geblieben. Die Freunde Hiob's, die gekommen sein sollten, ihm Trost und Linderung zu bringen, hatten sich nicht bewährt und häuften in ihrem religiösen Zelotismus auf den Unglücklichen noch Vorwürfe und Anklagen, deren Ungrund sie doch kennen, und mit denen sie jedenfalls den Leidenden verschonen mußten. Deshalb hebt Hiob hervor, daß auf Freunde kein Verlaß und thut dies in einem so schönen Gleichniß, daß wir es hierherstellen wollen: 6, 14: „Dem Leidenden vom Freunde ziemet Liebe, selbst wenn er die Furcht des Allmächtigen verließe! Meine Brüder täuschten wie ein Bach, wie die Strömung der Bäche, die schwellen; die trübe vom Eise strömen, in sie birgt sich der Schnee: zur Zeit, wo sie heiß werden, schwinden sie, in der Gluth versiegen sie von ihrer Stelle. Es beugen Karavanen ihren Zug dahin, gerathen in Wüstenei und kommen um; es blicken Thema's Karavanen hin, auf sie hoffen Scheba's Reisezüge: sie schämen sich, daß sie vertraut, sie kommen bis hin und erröthen." Es ist eine durchgängige Erscheinung im Orient, daß, während in der Regenzeit und zur Schneeschmelze von den Kämmen der Gebirge zahlreiche Bäche und Rinnsale starke Gewässer in die Ebene führen, sie im Sommer austrocknen. Selbst in den größeren Flüssen fällt das Wasser auf ein geringes Maß. Es ist ein feiner Zug, wenn dem Freunde Ausdauer und liebevolles Benehmen selbst dann abverlangt wird, wenn der Leidende in Gott abgewendeten Ausrufen sich Luft schafft. Darum heißt es B. 26: „Worte zu rügen, trachtet Ihr? und doch in den Wind sind des Verzweifelnden Reden!" Auf die Ausbrüche der Verzweiflung darf kein Gewicht gelegt werden; sie entfließen unbeabsichtigt den wühlenden Schmerzen, und mit diesen hören sie auf und machen sanfteren Gefühlen und vernünftigeren Gedanken wieder Platz. 7, 1: „Hat der Mensch nicht Dienst auf Erden? sind wie Löhners Tage seine Tage nicht? Gleich dem Knecht schmachtet er nach Schatten, gleich dem Löhner harrt er seines Lohnes." Es ist dies eine Umschreibung des alten Spruches: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod verzehren." Aber in diesem liegt doch noch mehr Wahrheit als in dem Ausrufe Hiob's. Nach jenem bringt doch die Arbeit Brod und das Verzehren desselben Genuß. Diejenigen, welche sich in derselben Klage ergehen, vergessen Dreifaches. Zuerst, wie wäre das Leben erträglich ohne Arbeit? Wie würde es versumpfen und dem Menschen zum Ueberdruß werden, wenn er dasselbe nicht in Thätigkeit und in dem Wechsel von Arbeit und Ruhe verbrächte! Alsdann müssen wir an unsrer Arbeit Vergnügen finden und können dies reichlich. Wer da säet, wie freut er sich der aufsprießenden Saat, wie freut er sich der reisenden Halme und des Einheimsens der Früchte seiner Arbeitt. Dies gilt für jeden mit Eifer und Geschick Arbeitenden. Endlich, um wie viel süßer ist die Ruhe nach geschehener Arbeit. Mag es immerhin sein, daß er „seines Lohnes harrt" und ihn nicht erhält. Da muß das Bewußtsein, thätig gewesen zu sein und seine Pflicht erfüllt zu haben, einen Ersatz bieten.

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