Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1889)
- Date
- 1889-05-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudmthums. Ein unparteiisches Organ sür alles jlldischc Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,60 M. Herausgegeben von Rabbiner I)r. Ludwig Philippson in Dann. Expedition: Leipzig, Kospilatstraße 2. In rednctionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Phüippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 Di.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 2. Mai 1889. Nr. 18. Inhalt. Leitende Artikel: Lichtstrahlen aus dem Buche Hiob. II. — Oesterreichische Zustände. — Eine Betrachtung nach Pessach. — Vorläufiges Ende der Stöckeriade. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, München, Königsberg i. Pr., Dresden, Frankfurt a. M., Wolfenbüttel. — Luxemburg: Luxemburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Preßbnrg, Prag. — Frankreich: Paris. — Bonn: Notizen. — Feuilleton. Die Juden in der Bukowina. (Schluß.) — Proben aus einer Uebersetzung der Fuchssabeln des Berachja Hannakdan. Bonn, 28. April. Lichtstrahlen ans dem Luche Hiob, n. Je weiter wir in das Buch Hiob eingehen, desto heftiger wird der Streit der beiden Parteien, welcher den Inhalt des Buches ausmacht. Die Freunde Hiob's, die sich um den Dulder versammelt haben, vertreten die alte rigoröse Auch auung, daß, wie es die Gerechtigkeit Gottes verlange, jede Verschuldung eine Strafe, jede Gutthat einen Lohn nach sich ziehe, so daß jedes Unglück als eine Strafe für ein Vergehen erscheine, jedes Glück als ein Lohn für gute Handlungen. Nach diesem Jdeengange würde jeder Unglückliche zugleich als ein Sünder, jeder Glückliche, oder wer sich in glücklichen Umständen befände, als ein Tugendheld gekennzeichnet. Diese Ansicht zu bestreiten und zu beseitigen, ist das Buch Hiob, ist das Leiden Hiob's, sind insonders seine Reden bestimmt. .Hiob leidet, ohne sich verschuldet zu haben und trotz seines gerechten und frommen Lebenswandels. Dies ist das thatsächliche Beispiel, welches schon durch den Prolog als wahrheitsgetreu bekundet wird. Die Hinweisung auf die dem Menschen von Natur aus einwohnende Schwäche und sittliche Mangelhaftigkeit, also, daß es der göttlichen Gerechtigkeit entspreche, Nachsicht und Vergebung zu üben, ist das erste Argument, welches gegen jene alte Anschauung ins Feld geführt wird. Selbstverständlich wird auch in den Ausführungen jener Freunde als Gegner viel Wahres enthalten sein; denn ihr Jrrthum besteht wesentlich in der Ausschließlichkeit, die sie ihrem Principe zuschreiben, und in welcher sie Hiob stets ausfordern, seine Sünden zu bekennen und sich derentwegen reuig vor Gott zu demüthigen. Aus diesen kurzen Bemerkungen wird man die folgenden Sentenzen um so leichter verstehen. 5, 6: „Nicht aus dem Staube sprießet Unrecht, aus dem Boden wächst nicht Unheil." Mit diesen Worten werden diejenigen Culturhistoriker nicht einverstanden fein, welche die Eigenthümlichkeiten und die ganze Geschichte eines Volkes aus den geographischen und klimatischen Verhältnissen des Landes, das es bewohnt, herleiten und erklären wollen. Doch wir befinden uns hier auf dem sittlichen Boden. Die Menschen suchen ihre Vergehen ans die äußeren Umstünde abzuwälzen, und in diesen gewissermaßen eine Nöthigung zu finden, der sie nicht hätten widerstehen können. Diesem tritt die Schrift nachdrücklich entgegen. Schon auf ihren ersten Seiten sagt sie: „Die Sünde liegt vor der Thüre, du aber kannst über sie herrschen." Das letzte der Zehn Worte schärft uns ein, unsre Begierden, sobald sie uns zum Bösen verleiten wollen, zu überwinden und aus unsrer Seele auszurotten. Noch in seinen letzten Reden lehrt Moses, daß der Mensch stets vor die Wahl zwischen Recht und Unrecht, zwischen gut und böse gestellt und berufen sei, das Gute zu wählen. Allerdings sind äußere Umstände und Anregungen zur bösen Begierde immer vorhanden, und ohne diese würde der Mensch auch keiner Versuchung unterliegen, aber auch 18