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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-04-25 · Heft 17 (25.4.1889) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 17 (25.4.1889)
Date
1889-04-25
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
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260 Dr. Adolf Fischhof ein Schreiben gerichtet, welches eine allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wir erinnern, daß Fischhof 1848 auf die damalige Studentenschaft einen großen Einfluß übte, jedoch zu den Gemäßigten gehörte, so daß er von den Radikalen verdrängt ward; auch trat er stets für den österreichischen Kaiserstaat, aber als Föderativstaat ein, was bislang geringen Anklang fand. In diesem Schreiben fordert unser vielverehrter Glaubensgenosse die liberale Studentenschaft auf, vor Allem unerschütterlichen Gleichmuth gegenüber allen Anfeindungen zu bewahren; dann werde sie schließlich über die Reaction triumphiren. „Findet nur erst die akademische Bürgerschaft sich selbst wieder, dann findet sie auch den richtigen Weg, dann erinnert sie sich wieder daran, daß ihr Platz im Vordertreffen und nicht im Trosse der Nachzügler ist, wenn es Großes zu vollbringen gilt. Wie viel des Herrlichen hat die akademische Jugend vorempfunden und vorbereitet, wie viel des Herrlichen hat sie selbst vollbracht. Ohne die einstigen Burschenschaften gäbe es heute kein deutsches Reich, ohne den idealen Schwung und den Todesmuth unserer 48er Studentenschaft sähen wir kein freies Oesterreich. Auch den studirenden Jünglingen von heute ist vielleicht eine große Mission Zugedacht; die Mission, durch ihr Beispiel darzuthun, daß die einzig verständige Politik in Oesterreich die Politik der Verständigung ist, und daß man den sprachlichen und eulturellen Gewinn der einen Nationalität nicht als den Verlust der anderen, sondern als einen Theil des Gesammtgewinnes betrachten muß, welcher der Bevölkerungs- und Staatsgesammtheit zugute kommt." Wir unsrerseits können uns der Ansicht Fischhofs nicht ganz anschließen. Der Student hat zu studiren und sich zur Reife für das practische Leben, für den Lebensberuf eifrig vorzubereiten, eine politische Ansicht sich zu bilden, nicht aber diese bereits factisch ausüben zu wollen. Unter den vorwaltenden Umständen ist jedoch eine Mahnung wie die obige immerhin am Platze. Wien, 15. April. Eine Deputation der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde unter Führung ihres Präsidenten Arminio Cohn überreichte heute dem Ministerpräsidenten Grafen Taaffe ein Memorandum über die Ausschreitungen der Antisemiten. Gras Taaffe empfing die Deputation sehr freundlich und erklärte, das Memorandum eingehend prüfen zu wollen, da die Regierung jederzeit auf dem Standpunkte der Gleichberechtigung aller Confessionen beharre. — Vor einiger Zeit erschien in der niederösterreichischen Landes-Gebär- und Findelanstalt eine taubstumme Frau und genas daselbst eines Mädchens, welches noch am selben Tage katholisch getauft wurde und den Namen Rosa erhielt. Nach der Taufe erst wurden die Familien-Dokumeute der Mutter beigebracht und aus denselben zur nicht geringen Verlegenheit des Personals constatirt, daß die Wöchnerin israelitischer Confession sei. Tie Frau erklärte durch ihren Vater, der als Dolmetsch fungirte, daß sie mit der Taufe nicht einverstanden sei. Nach den Lehren der katholischen Kirche kann die Taufe nicht mehr rückgängig gemacht werden und vor dem vierzehnten Lebensjahre kann sich nach den gesetzlichen Bestimmungen das Kind auch nicht für eine Confession entscheiden. Das fürsterzbischösliche Ordinariat äußerte sich dahin, daß die Taufe nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Die Angelegenheit wurde nun der Statthalterei zur Entscheidung vorgelegt. Es ist noch zu beachten, daß nach österreichischem Gesetz den Eltern das Recht zusteht, über die Religion ihrer Kinder bis zu deren siebenten Lebensjahre zu bestimmen. Hieraus dürfte sich wohl die Lösung dieser Frage ergeben. Wien, 16. April. Die von antisemitischen Blättern zu Agitationszwecken verbreiteten Ostermärchen über Ermordung und Verschwinden von Christenkindern in Kremsir und Preßburg sind als erlogen bereits erwiesen. Pest, 7. April. Die orthodoxe Vermittlungs-Kommission hat, wie seinerzeit erwähnt wurde, gegen den Erlaß des Cultusministers in Angelegenheit der Regelung der jüdischen Cultusgemeinden ein Gesuch an den Minister gerichtet. Der Präsident dieser Commission, Ignaz Reich, that, wie wir im „Egyenlösög" lesen, Alles, damit zwischen den auf der Basis des Congresses stehenden Muttergemeinden und den orthodoxen Filialgemeinden kein Ausgleich zu Stande käme, denn, meinte er, der Minister werde den Erlaß zurückziehen. Der Minister wies aber das Gesuch zurück und forderte Reich auf, dies zur Kenntuiß der betreffenden Gemeinden zu bringen. Reich unterließ das jedoch und die Gemeinden erfuhren erst viel später aus den Zeitungsmittheilu^cn die Entschließung des Ministers. Nun berief Reich eine Versammlung ein. Er legte dar, daß die orthodoxen Gemeinden auf sein Betreiben Massenpetitionen an den Minister richten, der gewiß nachgeben werde; er habe die Gemeinden aus diesem Grunde von der Zurückweisung nicht verständigt, ja sie fortwährend zum Widerstande ermuthigt, und er warne sie, ja nicht den Standpunkt des Erlasses einzuehmen. Dies geschah vor vier Monaten. Nach einem Monate hat dann Graf Csicky auch die Petitionen den Gemeinden zurückgewiesen und Reich aufgetragen, davon die Petenten zu verständigen. Seither sind wieder drei Monate vergangen, aber die betreffenden Gemeinden kennen noch heute nicht das Schicksal ihrer Petitionen, und Reich hetzt die orthodoxen Filialgemeinden auch jetzt noch, den vom Erlaß vorgeschriebenen Standpunkt nicht einzunehmen. Pest, 8. April. (Privatmitth.) Vor dem Gerichtshof für den Pester Landbezirk spielte sich am 5. April ein Proceß ab, der viel Widerwärtiges befaßte, hier aber nicht unerwähnt gelassen werden kann, weil er einiges allgemein

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