Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1889)
- Date
- 1889-04-25
- Page
- Seite 256 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227789--46147-3265694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
256 es da auf die persönlichen Eigenschaften an, um das Maß der Verehrung zu bestimmen. Es giebt deshalb, besonders wo die Tapferkeit die Ehre begründet, eine Steigerung, und unter den Geehrten findet sich ein Geehrtester (4. Mos. 22, 13; 2. Sam. 23, 19. 23.). Unter denen, welchen besonders Ehre bezeugt wird, werden hervorgehoben: die Verstorbenen (2. Sam. 10, 3), „der Mann Gottes" (1. Sam. 9, 6), „wer Mahnung wahrt"- (Sprüche 13, 18), die Gottesfürchtigen, denn wer sie ehrt, ist fromm (Psalm 15, 4), der Herr von seinem Diener (Mal. 1, 6), der Weise (Spr. 4, 8), der Diener, der seinen Herrn beschützt (Spr. 27, 18). Einen besonderen Werth legte der Israelit darauf, in dem eigenen Hause, also von den Seinen geehrt zu werden (1. Mos. 34, 19). Aber es wird dem Vater zum Vorwurf gemacht, wenn er seine Söhne „mehr ehrt als Gott", d. h. ihren Fehlern und Vergehungen nachsah. (1 Sam. 2, 29.) Es erschien deshalb dem Israeliten als eine Zeit allgemeinen Mißgeschickes, wenn die schuldige Ehrfurcht aus den Augen gesetzt wird, wenn „Knaben stürmen gen Greise, Verachtete gen Geehrte" (Jes. 3, 5), wenn durch die Fügung Gottes „alle Geehrte der Erde erniedrigt werden" (Jes. 23, 9). Hiob sieht folglich den Seelenzustand des Leidenden darin, daß er es unbeachtet läßt, wenn seine Söhne geehrt oder mißachtet werden (14, 20). — Hingegen ist es bezeichnend, daß der Israelit Gegenständen eine Ehre selten beilegt. Vor Allem hält er die Ehre hoch, die dem Sabbath bezeigt werden soll (Jes. 58, 13). Wenn andere Völker den Begriff der Ehre viel mehr in den äußerlichen Beziehungen der Menschen zu einander, in den gesellschaftlichen Verhältnissen fanden, die Ehre nach den verschiedenen Ständen abmaßen und den unteren Classen dieselbe ganz absprachen: so erscheint bei den Israeliten die Ehre mit den höchsten sittlichen Eigenschaften unauflöslich verbunden. Sie concentrirt sich in Gott, überträgt sich auf die Eltern, auf die durch ihre Eigenschaften und Thaten ausgezeichneten Menschen, auf die Gottbegeisterten, die Gottesfürchtigen, die Weisen, die Wohlthätigen, zuletzt auch auf die Tapferen, die für das Vaterland gestritten haben. Niemals kann sich dem Israeliten die Ehre mit böswilligen und schlechten Personen vereinigen. Hierin liegt wohl der charakteristische Unterschied zwischen dem Ehrbegriff der Israeliten und dem anderer Völker, die ihn in mehr äußerlichen, mit der Sittlichkeit nicht verbundenen Momenten oder gewissen Ständen zu eigen fanden. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 14. April. Die altjüdische Religion im liebergange vom Bibelthum zum Talmudismus, von Israel Sack. (Berlin, Dümmler, 1889.) Der Vers, hat schon früher eine Schrift „Die Religion Altisraels nach den in der Bibel enthaltenen Grundzügen" veröffentlicht, die uns jedoch nicht zu Gesicht gekommen. Als eine Fortsetzung wollte der Vers, in dem vorliegenden Buche die Wandelungen darstellen, welche das Jndenthum vom babylonischen Exil an durchgemacht. Wir erkennen gern den Scharfsinn, die Combinationsgabe und die tüchtige Darstellungsweise des Vers. an. Ob er auch eine umfassende Kenntniß der einschlägigen Literatur besitzt, ist uns aus seinem Werke nicht ersichtlich geworden, da er die Selbständigkeit des Urtheils sich bewahren und nur an die vorhandenen Texte sich halten wollte. Es ist jetzt zu einer gewöhnlichen Methode geworden, auch unter jüdischen Autoren, vor allem die Abfassungszeit der betr. Bücher kritisch zu untersuchen und aus den vermeintlichen Resultaten ein Charakterbild der Zeit zu entwerfen, in welche der Vers, die betr. Schriften versetzt. Hr. Sack ist in diesen Dingen sehr kühn, und will die biblischen Schriften außer den vorexilischen Propheten im Exil und nach demselben verfaßt ansehen. Wir glauben, daß es am angemessensten ist, alle diese verschiedenen Combinationen auf sich beruhen zu lassen. Sie sind so verschiedener Art und kommen auf so viele verschiedene Ergebnisse hinaus, daß man auf sie die Redensart anwenden könnte: die Kinder der Revolution verzehren einander selbst. Man braucht z. B. nur die jüngste Arbeit von Renan „Geschichte des Volkes Israel" mit der vorliegenden Schrift zu vergleichen, um vollständig die Differenzen zu erkennen, welchen die heutigen Bibelkritiker unterliegen. Jeder forscht selbständig, stellt sich seine Kriterien eigenartig hin und läßt nun Combinationen, die sich meist auf irgend einzelne Ausdrücke stützen, und eine lebhafte Phantasie walten, um seine geschichtlichen Bilder zu entwerfen. Was für Geschichte daraus entspringt und wie sich Alles in Hypothesen auflöst, ergiebt sich von selbst. Herr Sack will alles Dogmatische vermeiden und nur Historien geben. Das wäre schon gut, wenn es sich bei seinem Gegenstände nicht eben um Dogmatisches handelte. Da kann es nicht vermieden werden, die dogmatischen Elemente der Erscheinungen zu vergleichen und über die Bedeutung und den Werth derselben zu urtheilen. Dies tritt denn auch bei ihm in der Vergleichung des Bibelthums und des Talmudismus stark genug hervor. Herr Sack besieißigt sich übrigens der Unparteilichkeit und wägt die Vor- und Nachtheile, die Licht- und Schattenseiten dessen, was sich innerhalb des Judenthums entfaltete, möglichst gewissenhaft ab. Sein religiöses Ideal ist aber die „Universal- oder Weltreligion", und hiernach bemißt er die Tendenz und den Inhalt der Erscheinungen. Demzufolge ist ihm alles „Gesetzliche" antipathisch. Sein Resultat ist daher (S. 611): „Es bleibt also der jüdischen Religion nur das Einzige übrig, sich von einer Volks-