Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1889)
- Date
- 1889-04-25
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
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255 nicht in demselben Momente, wenn eine wirkliche Gefahr einträte, die größten Anstrengungen machen, um dem Tode zu entgehen, würden nicht die letzte Kraft aufbieten, um sich das Leben zu erhalten. Der Wunsch nach dem Tode ist nur ein flüchtiger Schatten, der über unsre Seele fährt und ihr nicht einmal das Licht voll verschließt. Denn tief in unsere Natur ist der Selbsterhaltungstrieb gesenkt, eine der größten Wohlthaten des Schöpfers. Vorzüglich durch diesen werden wir angetrieben, alle die Beschwerden und Mühseligkeiten auf uns zu nehmen, deren wir zum Erwerbe dessen benöthigt sind, was wir zur Erhaltung unseres Daseins bedürfen, angefeuert, die größten Gefahren zu bekämpfen, die schwersten Leiden zu ertragen. Unterstützt wird er dadurch, daß wir uns das Nichtdasein nicht vorstellen können und zugleich keine wirkliche Vorstellung von dem haben, was uns nach dem Tode erwartet. 4, 17: „Ist vor Gott ein Mensch gerecht, vor seinem Schöpfer rein ein Mann? Wie sollten dies die, welche Hütten von Lehnr bewohnen, deren Grund auf Staub?" Die Ueberzcngung, daß kein Mensch ohne Irrtum und Fehltritt, keiner schuldlos ist, soll in uns die Gewißheit wecken, daß wir auf die Barmherzigkeit Gottes zu vertrauen haben, die, in Anbetracht unserer sterblichen Natur, unserer sinnlichen Beschaffenheit und unserer seelischen Schwäche, unserer Schuldhaftigkeit vergeben werde. Wir haben wiederholt gesagt, daß, wie in Gott Alles Einheit ist, so seine Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit nur Eines sind. Seine Barmherzigkeit erwägt die Mangelhaftigkeit unserer Natur, die Einwirkungen, welche Erziehung und Lebensverhältnisse auf uns gemacht, und läßt uns nach diesem Maßstabe Gerechtigkeit erfahren. Das Judenthum war niemals Freund jener Selbstanklage, Selbstzerknirschung, Selbstpeinigung, welche in anderen Religionen als höchste Frömmigkeit und Heiligung angesehen und gelehrt wurden. Es forderte vom Sünder, daß er seine Vergehungen erkenne, wahrhaft bereue, möglichst wieder gutmache und sich bessere. Dies forderte das Judenthum mit Ernst und verhieß ihm dann die Vergebung seines Gottes, die Versöhnung Gottes. Aber in dem Zugeständniß, daß der Mensch schwach, seine Seele der Heerd von Begierden und Leidenschaften und die Lage im Leben oft eine drängende, eine verfüherische ist — wie dies die Schrift öfter ausspricht: „es lebt kein Mensch, der nicht sündige" — hatte das Judenthum einen zu hohen Begriff von der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes, als daß es selbst den Sünder nicht wieder aufrichten, ihm die Kraft zur Reue und Besserung gewähren, niemals aber zum Gegenstand der Selbstpeinigung und unter allen Umständen der Selbstquälerei machen wollte. Wie es immer und überall seinen Bekenner zum Leben rüsten, für dasselbe erziehen und befähigen wollte, mochte es niemals ihn in den Staub treten und in die düstere Zelle verzweifelter Buße verbannen. (Fortsetzung folgt.) Silber aus dem Leben -es Volkes Israel. 7. Dir Ehre. (Schluß.) Wir haben unsere Leser um freundliche Nachsicht zu bitten, wenn wir erst jetzt den Schluß des in Nr. 7 gegebenen Artikels „Die Ehre" bringen, da wir behindert waren, die dazu nöthigen Materialien zu sammeln und zu bearbeiten. Wir wiesen nach, daß der Begriff der Ehre im Volke Israel sehr lebendig gewesen und ein integrirendes Element der Volksseele bildete. Wir zeigten dies an der Bedeutung und vielfachen Verwendung des Wortes -'c? und wie die Ehre, scharf unterschieden von Reichthum und Macht, dem Volke ein wesentlicher Maßstab in allen sittlichen und bürgerlichen Verhältnissen gewesen. Wir bitten diejenigen, welchen ein solcher Nachweis interessant erscheint, den Artikel noch einmal nachzulesen. Es blieb uns übrig, nach derselben Beziehung den Gebrauch des Zeitwortes in den biblischen Schriften zu verfolgen, um unseren Nachweis zu vervollständigen. Bei einem so durchaus religiös gestimmten Volke concentrirte sich der Begriff der Ehre ganz besonders in Gott und Allem, was zu diesem Bezug hatte. Wir treffen daher hier sehr häufig auf die Vorstellung, daß Gott sich selbst ehrt (sich verherrlicht), sowohl in der Offenbarung, in wundersamen Thaten, in seiner Allgüte, als auch in den an den Frevlern vollzogenen Strafgerichten. Bor „dem Angesichte des Volkes und der ganzen Menschheit (z. B. 2. Mos. 14, 4. 17; 3. Mos. 10, 3), d. h. durch solche Kundgebungen wird die Erkenntniß und Anbetung Gottes in den Menschen gefördert und gestärkt. Ebenso aber wird cs als eine Ehre Gottes, eine Verherrlichung seines Namens anerkannt, wenn die Menschen ihn anrufen und ihm mit weihevollem Herzen — nicht mit den Lippen — Gaben darbringen von ihren Erstlingen und ihrem Ertrage (z. B. Spr. 3, 9). Dafür ehret Gott wieder diejenigen, die ihn ehren, und läßt die Gottesverächter zu Schanden werden (1. Sam. 2, 60). Um Gott zu ehren, muß sich der Mensch eines sittlichen Lebenswandels befleißigen und besonders wird hervorgehoben, daß der Gott ehrt, wer sich des Dürftigen annimmt (Spr. 14, 31). — Nächst Gott sind es insonders die Eltern, welche geehrt werden müssen, wie dies nicht blos in den Zehn Worten, sondern auch an andern Schriftstellen nachdrücklich ausgesprochen wird. Nach diesen sind es die Könige und die Fürsten, welche in der bürgerlichen Gesellschaft die Ehre in Anspruch nehmen (2. Sam. 6, 29). Selbstverständlich kommt 17*