Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1889)
- Date
- 1889-04-25
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227789--46145-3265692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
254 bereit Stellung nicht zu erwarten hatten — und noch im Sterben ausriefen: dulce est pro patria mori! An die, welche ins Feuer oder Wasser sich stürzen, uni das Leben von Menschen zu retten, welche sie nicht kennen, mit denen sie nie in Beziehung standen; an die Edlen, Frauen wie Männer, welche die Gefahr der Ansteckung nicht scheuend, sich der Pflege von Kranken widmen; an die, welche für Eltern, Gatten, Kinder, Geschwister und Freunde ihr Leben hingeben, um sie zu retten. Wer kann da noch behaupten, daß dem Menschen das eigene Leben das höchste Gut sei, für welches er alles Andere hingebe? . . . Aber zur Widerlegung des Satzes ist schon vorher gesorgt. 1, 21: „Nackt kam ich aus meiner Mutter Schoße und nackt kehr' ich dahin zurück. Der Ewige hat es gegeben und der Ewige hat es genommen, der Name des Ewigen sei gepriesen!" Es ist dies die Resignation des gottgläubigen Gemüthes. Wir werden daran erinnert, daß alle irdischen Güter und das Leben selbst Spenden Gottes sind, auf welche wir deshalb keine eigentlichen Ansprüche haben, die wir mit Dank entgegenzunehmen und ohne Murren hinzugeben haben. Die Worte bilden den innigsten Ausdruck für die Ergebung in den Willen Gottes, in das Geschick, das er über uns verhängt. Darum ist dieser Satz zu einem wahrhaften Trostworte für alle Dulder geworden, die ihn in der Stunde des bittersten Verlustes zu ihrer Beruhigung und zum Ausdruck ihrer Gefühle aussprechen. Dennoch möchte sich ein Zweifel regen. Wir übernehmen gegen das, was uns die Hand Gottes gewährt, Pflichten; mit jeder Pflicht ist aber auch ein Recht verbunden. Andererseits erwerben wir auch durch Fleiß und Pflichttreue mancherlei Gut des Erdenlebens, und wenn auch die günstigen llmstände, durch welche wir es erwerben, Fügung Gottes sind, so haben wir sie doch mit unseren Anstrengungen, mit dem Aufwande unserer Kräfte benutzt, und was wir errangen, ist unser redlich Theil! Dennoch aber müssen wir das Geschick, welches uns derselben beraubt, als eine göttliche Fügung betrachten, und in vollem Gottesbewußtsein sie hingeben oder verlieren. Das Buch Hiob will ja eben das Mißgeschick nicht durchaus und immer als eine Folge schuldbarer Handlungen, sondern nicht minder als eine Prüfung und Versuchung erkennbar machen, durch welche die göttliche Vorsehung die Kräfte unserer Seele zur Entfaltung, unsere sittlichen Momente zur Ausbildung und Entwickelung bringen will. Die Menschenwelt wird nicht nach einer mechanischen Abwägung von Schuld und Strafe, von Tugend und Lohn regiert, sondern nach den höchsten sittlichen Zielen, zu welchen der Mensch und die Menschheit erzogen werden sollen. 2., 10.: „Das Gute nehmen wir an von Gott und das Böse sollten wir nicht annehmen?" Es scheint in der Natur des Menschen zu liege», daß er des vielen Guten, das ihm j im Leben geworden, der Freuden, die er genossen, jenes dauernden Gleichmaßes der Tage, in welchem er sich lange bewegte, vergißt und nicht gedenkt, sobald ihn irgend ein schweres Mißgeschick getroffen, vielmehr sich dagegen auflehnt und das Verhängniß der Ungerechtigkeit anklagt. Daher zeigen uns diese Worte, wohin wir mit uns selbst zu ringen, was wir uns selbst vorzuführen und in die Erinnerung zu bringen haben. Dies ist nicht allein eine Forderung, die wir zu erfüllen hätten, um ein richtiges Urtheil zu erlangen, sondern es wird uns zu großer Beruhigung dienen und den Sturm beschwichtigen helfen, der sich in unserem Geiste erhoben. Wir werden uns leichter vor dem Geschicke beugen und uns vergegenwärtigen, daß auch das Ueble vorübergeht und die Finsterniß um uns dem Morgenrothe einer besseren Zeit wieder weichen werde. Denn überblicken wir ernstlich unser Leben, so wird es sich uns klar zeigen, daß gute und schlimme Tage miteinander abwechselten und daß sicher, wenn! wir unparteiisch urtheilen, das Gute die Oberhand hatte, insofern wir es nur zu würdigen und zu genießen verstehen. 3, 2.: In den furchtbaren Schmerzen, die Hiob zu erdulden hatte und die ihn Tag und Nacht nicht ruhen ließen, hob er an und sprach: „Untergehe der Tag, an dem ich geboren, und die Nacht, die sprach: empangen ist ein Knabe." Diese Verwünschung seiner Geburt wird in hochpoetischer Weise ausgeführt. Es ist eine alte Streitfrage, au die wir ja auch in Kohelet erinnert werden, ob es besser sei, geboren oder nicht geboren zu sein. Der Talmud erzählt, daß Hilleliten und Schammaiten Jahre lang über diese Frage gestritten und sich zuletzt dahin geeinigt hätten, daß es besser sei, nicht geboren zu sein, wenn aber geboren, uns dem Willen des allweisen und allgütigen Gottes zu unterwerfen und nach Gottes Geboten zu leben. Solche Frage und diese Entscheidung können eben nur in stürmischen Zeiten, in Zeiten des Untergangs und der Verfolgung allgemein aufgestellt werden, wenn sie auch sich sonst noch so oft auf die Lippen eines Leidenden drängen. Wer lebt, hat sich seines Lebens zu freuen, hat dasselbe zu nutzen und auf's Beste zu den angemessensten Zwecken zu verwenden. Eine Frage über den Werth des Lebens ist überflüssig und ist nur einem Unglücklichen in seiner höchsten Noth nachzusehen. Dahin gehört auch: 3, 20.: „Warum dem Mühevollen giebt er Licht, und Leben Herzbetrübten? die des Todes harren, und er kommt nicht, mehr als nach Schätzen nach ihm graben." Auch dieser Ruf nach dem Lebensende, dieses Verlangen nach dem Tode bricht sich oft von den Lippen der Leidenden Bahn, und es möchte kaum ein Mensch bestehen, dem nicht in irgend einem Momente solch ein Ausruf entfahren wäre. Aber im Grunde, mag er wohl in einem Augenblicke wirklich gemeint sein, er ist doch nur eitel, und nur äußerst wenige würden