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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-04-18 · Heft 16 (18.4.1889) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 16 (18.4.1889)
Date
1889-04-18
Page
Seite 247 (sequence 11)
Language
German
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247 rein menschliche Empfindungen, dem Entschlüsse des Professors Sneß, deshalb seinem Amte zu entsagen, kaum beipflichten, denselben kaum für gerechtfertigt ansehen dürfen. Als Rektor war Professor Sueß vor Allem die Verkörperung der obersten Autorität an der Universität, und zur Aufrechterhaltung dieser Autorität, der Zucht und Ordnung an der ersten Hochschule des Reiches Jedermann gegenüber und unter allen Umständen in erster Linie berufen. Gerade von diesem Gesichtspunkte aus hätte er sich nicht durch eine, wenngleich noch so berechtigte persönliche Mißstimmung bestimmen lassen dürfen, vor den unqualifizirbaren Ungezogenheiten einer Schaar junger Leute die Segel zu streichen, hätte er sich nicht zu einem Entschlüsse hinreißen lassen sollen, der gewiß als eine Konzession an die Brutalität und den Terrorismus aufgefaßt werden wird und der thatsächlich bis zu einem gewissen Punkte auch eine solche Konzession involvirt. Könnte man dem Motive, das den Professor Surß zur Resignation veranlaßte, wirklich eine Berechtigung zuerkennen, dann würden ja der Rektor und die übrigen Dignitäre der Universität nicht mehr von den hiezu bisher ausschließlich berufenen Professoren gewählt, sondern der Studentenschaft, ja deren einzelnen Fraktionen würde eine Art von Ueberprüfungs- oder Genehmigungsrecht eingeräumt, die Studentenschaft würde damit zu einem mit dem Professoren - Kollegium gleichberechtigten, ja gewissermaßen noch über diesem stehenden Faktor erhoben. Bei der Art und Weise und bei den Mitteln, mit welchen die antisemitische Bewegung arbeitet, läßt sich ja von vornherein mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, daß der Rücktritt des Professors Sueß vom Rektorate als großer Erfolg gepriesen und als Aufmunterung zu neuen „Thaten" begrüßt werden wird, und auch mit Rücksicht darauf ist der in Rede stehende Schritt des Professors Sueß, den dieser wohl kaum bis in alle seine Konsequenzen überdacht haben dürfte, ein recht bedauerliches, in seinen Folgewirkungen heute noch gar nicht absehbares Präjudiz. Es zeigt übrigens, wie weit es mit dieser antisemitischen Bewegung gekommen, wie tief ein Theil der Wiener Studentenschaft schon gesunken ist, wenn selbst ein so lauterer Charakter, ein Mann von der glänzenden wissenschaftlichen Bedeutung eines Sueß, der in jeder Hinsicht der Wiener Hochschule zu Zierde gereicht, vor derartigen Angriffen nicht geschützt ist. Die deutschnationalen Wiener Studenten, bei denen der deutschnationale Charakter Haupt-, das Studium aber Nebensache ist, habe» schon bei verschiedenen Anlässen unliebsames Aufsehen erregt; sie, die nach der Parole ihres obersten Schutzherrn und Idols „dcutschnational unter allen Umständen und bis zu den letzten Konsequenzen" sein wollten, sollten es sich aber doch gesagt sein lassen, daß auch ihnen gegenüber die bisher geübte Nachsicht und Duldung ein Ende nehmen könnte. Lange dürfte man dem exzessiven Gehaben dieser auf dem Umwege über Rosenau hinausblickenden und schreienden unreifen jungen Herren nicht mehr ruhig zusehen, und wenn Professor Sueß sich in der ihm angeborenen Weichheit des Charakters, von diesem Treiben angewidert, zurückgezogen hat, so dürften sich wohl andere Faktoren finden, die Ernst und Entschlossenheit genug besitzen, um den Herrschaften das Handwerk zu legen. Wien, 5. April. Wie schwankend in dem Kampfe zwischen dem Recht und dem Antisemitismus gegenwärtig hier die Personen selbst die sich für gründlich liberal ausgeben, sich benehmen, zeigt, und darum müssen wir dabei verweilen, der Professor Dr. Sueß betreffs seiner Demission vom Rektorat der Universität. In einer oben mitgetheilten Correspondenz wurde als Motiv das Benehmen der antisemitschen Studenten gegen ihn angegeben. Eine Erklärung von Sueß widerspricht dem, und hierüber spricht sich eine Correspondenz folgendermaßen aus: Wien, 5. April. Herr Professor Eduard Sueß hat an die „Presse" eine Erklärung gerichtet, um in einer, „allerdings nicht sehr kategorisch klingenden" Berichtigung gegen die Behauptung zu protestiren, daß er wegen der antisemitischen Studenten sein Rektorsamt niedergelegt habe und läßt dafür in indirektem Lichtdrucke den Minister v. Gautsch als den „Zwitter mit dem Januskopfe" erscheinen, der ihn zur Demission veranlaßt habe. Profeffor Sueß hat in den letzten Tagen das Seinige gethan, um die Oeffentlichkeit zu beschäftigen. Erst kam der Rücktritt vom Rektorat, dann die Rede im Abgeordnetenhause, sohin die durch die Mittheilungen der „Presse" aus Universitätskreisen angeregte Diskussion über die Motive der Rektors - Demission und schließlich die Erklärung gegen die „Presse". Diese letztere ist besonders interessant. Man sieht mit Vergnügen, daß Profeffor Sueß in der edelsten Weise, ganz nach evangelischer Vorschrift sich an seinen Feinden, den Antisemiten, rächt. Er wäscht die antisemitischen Universitätshörer und Universitätsverbindungen, dieselben, welche in ihrem Leiborgane mit deutscher Offenheit die Versicherung abgaben, daß sie dem gewesenen Rektor ihre gründliche Abneigung nicht verbargen, chemisch rein von der Beschuldigung, daß sie ihn zum Rücktritt vom Rektorate gezwungen hätten. Diese Antisemiten scheinen außerordentlich harmlos und tolerant zu sein. Den Gegensatz zu den guten Antisemiten bildet der böse Gautsch. Diese Exzellenz scheint eine höchst offensive und kriegerische Natur zu sein. Professor Sueß mußte sein Rektorat niederlegen, um seine Rede im Abgeordnetenhause halten zu können! In der Rede des Professors ist allerdings nichts zu finden, was den Unterrichtsminister allzu tief verletzen könnte; die Rede des Professors war von einem biblischen Bilderreichthum und glich einem Blumenteppich im Thale Saron; sie begann mit dem Dorfkaplan Ui*

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