Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1889)
- Date
- 1889-04-18
- Page
- Seite 246 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227788--46136-3265682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
246 Vermeidung jeder konfessionellen Färbung wohl im Stande sind, unter Befriedigung der kindlichen Leselust alle edlen Regungen, Handlungen und Tugenden im Licht des Rein- Menschlichen, als Ausfluß echt-menschlicher Gesinnung erscheinen zu lassen. Oesterreich-Ungarn. Wien, 2. April. Was man im Gemeinderathe zu erwarten hat, davon gab heute ein Scharmützel schon Kunde. Anlaß hiezu bot ein Antrag, den Kursalon im Stadtpark dem Deutschen Schulverein zu einem Maifeste zu überlassen. Die Autisemiten sprachen sich in vehementer Weise gegen diesen Antrag aus. Gymnasiallehrer Schnarf verwies auf den Ausfall der jüngsten Wahlen und sagte, die Antisemiten werden sich künftig nicht mehr einschüchtern lassen. Vetter sagte: die meisten Mitglieder des Deutschen Schulvereines seien Juden. Da es heiße, wo Nomaden hintreten, wachse kein Gras, so würde auch im Stadtpark kein Gras mehr wachsen. Aehnlich äußern sich Lueger und Hamburger. Seitens der Liberalen erklärte Matzenauer, Diejenigen, die den Deutschen Schulverein bekämpfen, seien nichts als die Vorposten der Czechen. Schuldirektor Bobies bezeichnet das Auftreten Schnarsts als eine Schmach für einen Lehrer. Bei der namentlichen Abstimmung wurde der Antrag auf Ueberlassung des Kursalons mit 59 gegen 16 Stimmen angenommen. Es ist zu bemerken, daß die neugewählten Antisemiten ihre Sitze im Gemeinderath noch nicht eingenommen haben. Wien, 2. April. (P. Ll.) Die ursprüngliche Meldung, wonach die Widerlegung des Rektorats der Wiener Universität seitens des Abgeordneten Ed. Sueß auf tiefgehende Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Unterrichts- Minister zurückgeführt wurde, Meinungsverschiedenheiten, von denen man versicherte, daß sie in der diesjährigen Rede des genannten Abgeordneten beim Unterrichtsetat zum scharfen Ausdrucke kommen würden, begegnete von vornherein in ernsten politischen Kreisen begründeten Zweifeln. Von mehreren Seiten wurde hervorgehoben, daß sich die Jnkompatibilität der höchsten Universitätswürde mit der Stellung eines in entschiedener Opposition zur Unterrichtsverwaltung stehenden Abgeordneten sachlich nicht begründen lasse und es wurde mit vollem Rechte darauf hingewiejen, daß wenn man diesem Grundsätze beipflichten wollte, er ja gleichmäßig auch auf alle dem Lehrfache angehörigen, also der Unterrichtsverwaltung unterstehenden Abgeordneten der Opposition Anwendung finden müßte. Der angebliche ursächliche Zusammenhang zwischen der angekündigten Rede des Abgeordneten Sueß und der Rektorats - Niederlegung wurde daher trotz der Versicherungen mehrere Journale nur wenig geglaubt. Dessenungeachtet erhöhten die diesbezüglichen Gerüchte das Interesse, mit welchem der Budgetrede des genannten Abgeordneten entgegengesehen wurde. Professor Sueß hat seine Rede am letzten Samstag gehalten; sie brachte wohl einen sehr scharfen Frontangriff gegen den Schulantrag des Prinzen Liechtenstein, d. h. scharf in der Sache, aber nicht in der Form; dem Unterrichts-Minister gegenüber beschränkte sich aber Abgeordneter Sueß, wie dies von einem Redner seines Ranges nicht anders zu erwarten war, auf einen in der Sache, wie in der Form gleich maßvollen Angriff, der überdies noch durch einige warm anerkennende Worte für die bisherige Thätigkeit des Herrn v. Gautsch in den verschiedenenen Zweigen der Unterrichtsverwaltung erheblich abgeschwächt wurde. Freund wie Gegner waren sich darüber vollkommen klar, daß nach dieser Rede ein weiterer auf die Rektoratsgeschäfte bezüglicher Verkehr zwischen dem Abgeordneten Sueß und dem Unterrichtsminister ebenso anstandslos möglich gewesen wäre, wie vor derselben, und die Zweifel an der Richtigkeit der anfänglich behaupteten, für die Demission vom Rektorate maßgebend gewesenen Motive wurden nunmehr auch von der Mehrzahl Derjenigen getheilt, welche an der ursprünglichen Version trotz ihrer inneren Unwahrscheinlichkeit mit großer Zähigkeit festgehalten hatten. Das Dunkel, das einige Tage hindurch über der Angelegenheit schwebte, beginnt sich auch bereits zu lichten. Ein hiesiges, in Universitäts-Angelegenheiten in der Regel sehr gut informirtes Blatt erfährt nämlich, es herrsche an der Universität nicht der geringste Zweifel darüber, daß die Ursachen der Niederlegung der Rektoratswürde seitens des Professors Sueß in dem Verhalten der deutschnational-antisemitischen Studenten gegen den Rektor liegen, daß diese von dem ersten Tage an, da Professor Sueß als Rektor fungirte, ihm, bem liberalen Führer, durch ostentatives Nichtgrüßen und ähnliche Freundlichkeiten ihre Abneigung demonstrirten; daß alle Versuche des Rektors, mit diesem Theile der Studentenschaft durch weitgehendes Entgegenkommen einen nwäus vivendi herzustellen, fehlgeschlagen hätten und daß Professor Sueß endlich die Sache satt bekommen und auf die Weiterführung des Rektorats verzichtet habe. Die im Vorstehenden skizzirte Jourualmeldung wird auch von anderen Seiten bestätigt, und so scheint es denn wirklich, daß Professor Sueß keineswegs wegen eines Antagonismus mit der Unterrichts- Verwaltung, sondern wegen eines Antagonismus mit einem Theile der Hörerschaft auf das Rektorat resignirt hat. Der Unmuth, den Professor Sueß darüber empfunden, daß ein um die Wissenschaft wie um die Jugend so hochverdienter Gelehrter, wie er bei einem Theile der akademischen Hörerschaft einer so verletzenden, ja geringschätzigen Behandlung begegnete, ist gewiß vollauf begreiflich; erklärlich ist es auch, daß ihn, der Zeit seines Lebens ein warmer Freund der Jugend gewesen, ein derartiges Betragen tief schmerzte; dessenungeachtet wird man, bei aller Rücksichtnahme auf solche