Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1889)
- Date
- 1889-04-18
- Page
- Seite 241 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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241 Wir erhielten soeben den 13. Band der 5.Aufl. von Meyer's Conversations-Lexicon. Wir haben uns bereits über die Reichhaltigkeit des Stoffes, die Fülle belehrender Artikel, die klare Abfassung derselben und die Trefflichkeit der zahlreichen Illustrationen, Vorzüge, welche dies Werk ehrenvoll für die deutsche Nation machen, ausgesprochen. Der vorliegende Band reicht von Phlegon bis Rubinstein. Uns speciell interessiren zunächst die beiden Artikel „Priester" und „Propheten". Auch in diesen Artikeln ist die im Werke beobachtete Regel angewendet, nur die factischen Verhältnisse in geschichtlicher Treue und in Umrissen zu geben, das Eingehen auf Geist und Charakter oder gar auf Deutung Vorkommen» der Symbole zu vermeiden. Dies finden wir denn auch bei dem Artikel Priester, der sich nach sehr kurzem Blick auf andere Nationen nur mit den Priestern der Israeliten beschäftigt. Wir freuten uns, daß hier das gewöhnliche Geschwätz von der theokratischen Priesterschaft, das nach dem Gesetze wie nach der Geschichte dieses Standes so gut wie unbegründet ist, weggeblieben. Es wunderte uns nur, daß der Vers, zwar bemerkt, daß das Ansehen und der Einfluß der Priester durch die Propheten sehr geschmälert worden, nicht aber auch, daß in dieser Richtung während des zweiten Tempels und gerade als Priester- und Fürstenwürde mit der hasmonäischen Familie vereinigt war, durch den aufstrebenden demokratischen Stand der Gelehrten noch viel mehr gewirkt wurde, so daß das Ansehen der Priester vor dem der Gelehrten völlig schwand und nach dem Falle des Tempels verblichen und vergessen war. Waren es doch auch diese Gelehrten, welchen die Sadduzäer weichen mußten, so daß sie nach der Zerstörung Jerusalems zu existiren aufhörten und erst nach Jahrhunderten in den Karäern theilweise wiedererstanden. Der Artikel Propheten ist nach Maßgabe der Methode dieses Werkes ganz vortrefflich. Biographische Artikel von Juden finden sich in diesem Bande — nach dem Alphabete — nur wenige: Rappaport, Riesser, Raschi. Die Lebensumrisse werden gezeichnet, die Schriften angegeben. — Mit Befriedigung erwähnen wir an dieser Stelle der eifrigen und erfolgreichen Thätigkeit unseres Glaubensgenossen, vr. Moritz Brasch in Leipzig, aus dem Gebiete der Philosophie, besonders der Geschichte dieser Wissenschaft. Er behandelte nach einander in Schriften, die von unparteiischer Kritik rühmlich anerkannt worden, Spinoza's System der Philosophie, stellte die Weltanschauung der Classiker der Philosophie (3 Bände) ausführlich dar, besprach für die Gebildeten die Philosophie der Gegenwart, ihre Richtungen und Hauptvertreter, gab die philosophischen, ästhetischen und apologetischen Schriften Mendelssohn's mit Einleitung und Anmerkungen heraus, nebst einigen kleineren Schriften. Jetzt liegt uns in einem starken Bande „die Welt- und Lebensanschauung Friedrich Ueberweg's in seinen gesammelten philosophischkritischen Abhandlungen (Leipzig, Gustav Engel 1889)" vor. Abgesehen von den Fachmännern wohlbekannten kleineren Schriften des 1871 verstorbenen Prof. Ueberweg fesselt in der vorliegenden Schrift besonders die „biographisch-historische Einleitung" des vr.Brasch. Der Berf. besitzt eine außergewöhnliche Gabe, philosophische Gedanken und Systeme dem Leser faßlich, anschaulich und doch charakteristisch vorzuführen, und dieses Talent bewährt sich auch in dieser Einleitung. Ueberweg war kein schöpferischer Genius, aber mit einer ausgezeichneten scharfen Logik versehen, war er ein eminenter Kritiker früherer und gegenwärtiger Philosopheme. Der Kern seines Strebens ging darauf hinaus, den Idealismus und den Realismus zu vereinigen, den Subjektivismus zu objectiviren, ohne sie zu indentifiziren, und so auch zwischen Kant und Hegel zu vermitteln. Mit diesem Geiste wirkte er erfolgreich in allen Zweigen der Philosophie, wobei er aber auch die Befähigung besaß, jedem Gegenstände eine eigene, oft neue Seite abzugewinnen, vr. Brasch hat sich deshalb ein neues Verdienst dadurch erworben, daß er Ueberweg und seine Ansichten und Resultate in dem Gedächtniß der Gegenwart auffrischte und zu erneuetem Studium der Schriften desselben anregte. Das Bureau des deutsch Israelitischen Gemeindebundes hat zum vierten Male das „Statistische Jahrbuch" herausgegeben. Es enthält nach Staaten und Provinzen die Namen der Gemeinden und ihrer sämmtlichen Beamten, die Angabe der Seelenzahl und der Vereine und Anstalten. Ein Ortschafts- und ein Namens-Register erhöhen die Brauchbarkeit des Jahrbuchs, das mit rühmlichem Eifer nach möglichster Vollständigkeit und Korrektheit strebt. — Die Berlagshandlung von Jakob B. Brandeis in Prag ist allen jüdischen Kalendern für das Jahr 5650 vorangekommen. Außer sehr reichhaltigen Kalenderbeilagen bringt es wie gewöhnlich einen „Salon für Unterhaltendes und Belehrendes", mit den Bildnissen des Kronprinzen Rudolf, des badischen Finanzministers Moritz Ellstädter und des Pariser Großrabbinen Zadoc Kahn. — Pest, 5. Apnl. Von Herrn Dr. M. Grünwald, Rabbiner zu Jungbunzlau, der schon mehrere Beiträge zur Geschichte der Juden in Böhmen geliefert hat, erschien „Jungbunzlauer Rabbiner" als Separat-Abdruck aus dem „Indischen Centralblatt". Zu den Rabbiner» der genannten über vierhundert Jahre alten Gemeinde gehören u. A.: R. Abraham Samuel Bacharach, der Großvater des berühmten Wormser Rabbiners Jair Chaim Bacharach, R. Moses Jsak Spiro, der Schwiegervater des R. Jonathan Eibenschütz, R. Jsak Spitz, der Großvater des Dichters Moritz Hartmann. Der Verfasser, der das Material zu dieser Arbeit mit großem Fleiße gesammelt hat, bietet'uns einen schätzbaren Beitrag zur jüdischen Literaturgeschichte.