Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1889)
- Date
- 1889-04-18
- Page
- Seite 240 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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240 forderungen konnte weder die Armenpflege als Institut, noch die Privatwohlthätigkeit genügen, und es bildeten sich deshalb für jeden einzelnen Zweig Vereine (Chebroth), welche durch den freiwilligen Eintritt und Beitrag mit Person und Geldmitteln für ihre Zwecke eintraten. Dies hat sich bis in unsere Tage fortgesetzt, ja das Vereinswesen zu wohlthätigen und gemeinnützigen Zwecken ist zu einer schönen Blüthe gediehen, wächst noch immer von Tag zu Tag und hat seine Thätigkeit noch auf früher nicht gefühlte Zweige ausgedehnt. Wir können dreist sagen, daß in keiner jüdischen Gemeinde irgend ein Individuum zu hungern und zu verkümmern braucht, wenn auch noch immer der Noth und Sorgen genug übrig bleibt, die eben auf unserer Erde nie fehlen werden. Von diesem Standpunkte aus können wir dem Streben, den invaliden oder alt gewordenen Arbeitern einen Rechtsanspruch auf eine gewisse Rente zu sichern, nur freudig zustimmen. Aber keinenfalls kann diese Rente eine Höhe erreichen, auf welcher sie den Bedürfnissen des Arbeiters, noch dazu als Familienvater, entspräche. Es werden deshalb die Armenpflege und die Privatwohlthätigkeit niemals entbehrlich werden, abgesehen von den unzähligen Nothfällen, auf die sich das Gesetz nicht erstrecken kann. Spricht man von dem beschämenden Gefühle, welches mit der Benutzung der Armenpflege für den Bedürftigen verbunden ist, so kann dem nur entgegengearbeitet werden, indem die Anschauung immer mehr verbreitet wird, daß der unglückliche Menschenbruder ein Anrecht auf diese Unterstützung hat und, ist er ohne Verschulden in sein Mißgeschick gerathen und hat er ihm tapfer entgegengearbeitet, sich nicht zu scheuen habe, die Hilfe glücklicherer Brüder in Anspruch zu nehmen. Ist es dem Menschen nicht gegeben, aller Noth und Bedrängniß unter der Sonne abzuhelfen, so möge nur Mitgefühl und thatkräftige Hilfeleistung immer mehr aufblühen, wachsend in den Herzen vorherrschen, und es wird viel geholfen und dem Willen unseres himmlischen Vaters entsprochen werden! Literarischer Wochenbericht. Bonn, 10. April. Firdusi, der persische Meister der Dichtkunst (940—1020) hat, wie bekannt, ein großes Epos (00,000 Doppelverse fassend) über die persischen Helden- und Königssagen verfaßt. Dieses Werk ist im Orient und Occident als hochpoetisches Kunstwerk anerkannt und gerühmt und hat durch den Grafen v. Schack in seinen Hauptstücken eine vollendete Uebertragung ins Deutsche erhalten. Als aber der Meister alt, über 70 Jahre geworden, reuete es ihn, sich nur mit götzendienerischen Helden und Gegenständen beschäftigt zu haben. Man kann voraussetzen, daß diese Reue keine ganz spontane gewesen, sondern daß die muhammedanische Geistlichkeit dem Dichter deshalb zugesetzt und Borwürfe gemacht hatte. Er widerrief gewissermaßen sein unsterbliches Epos und machte sich an einen andern Gegenstand, der bei den muhammedanischen Fanatikern keinen Anstoß finden konnte. Im Koran nämlich widmete Mohammed eine ganze Sure der Geschichte Josephs, in welcher er die biblische Erzählung, mit allerhand Legenden nach seinem Geschmack versetzt, erzählt und den Gläubigen anpries. Dadurch wurden muhammedanische Dichter aus diesen biblischen Stoff aufmerksam und es sind ihrer 17 aus diesem Kreise bekannt, welche die Schicksale Josephs metrisch und prosaisch behandelten. Dies that nun auch Firdusi, der sein zweites Epos, allerdings viel weniger umfangreich, unterem Joseph widmete. Das war bis vor einiger Zeit im Morgenwie im Abendlande unbekannt, bis nunmehr einige Handschriften aufgefunden wurden. Soeben ist eine deutsche metrische Uebersetzung erschienen: „Jussuf und Suleicha, romantisches Heldengedicht von Firdusi. Aus dem Persischen zum ersten Male übertragen von Ottokar Schlechta-Wssehrd. (Wien, Gerold 1889.)" Den persischen Dichter hat bei uns in Deutschland ein glückliches Loos getroffen. Denn auch dieses Epos ist in die Hände eines ausgezeichneten Uebersetzers gefallen. Ohne sich auf eine Ueberarbeitung einzulassen, sich vielmehr treu an das Original haltend, hat er eine Uebertragung zu liefern verstanden, welche sich wie ein Original liest, und nur selten begegnen wir kleinen Härten. Der Dichter hält sich im Ganzen an die biblische Erzählung, giebt viele Scenen aus derselben getreu wieder, überall jedoch hochpoetischen Glanz mit großem Bilderreichthum darüber verbreitend. Ueberläßt er sich doch gern Schilderungen aus der Natur und von königlichem Pompe. Dann aber giebt er sich auch dem freien Fluge seiner Phantasie hin und dichtet mit poetischer Licenz den Gang der Ereignisse um, so sich weit von der unübertrefflichen Naivetät und Einfachheit der Bibel entfernend, doch ein reiches dichterisches Gemälde, man kann sagen, Kunstwerk, gestaltend. Wird doch Joseph von ihm nach einigen Jahren des Vezirsamtes zum ruhmreichen Könige von Egypten gemacht und die verschmähte Frau des Potiphar — hier Suleicha genannt — wird durch Reue geläutert und von Joseph geheirathet, natürlich nach dem Tode Potiphars. Seinen muhammedanischen Gönnern that er dadurch Genüge, daß er durch Joseph den Pharao und den größten Theil des egyptischen Volkes zur Religion Abrahams, Isaaks und Jakobs, d. h. zum Monotheismus bekehren läßt, so daß sie zur Freude des muhammedanischen Herzens „Allah" anrufen und anbeten. Jedenfalls ist das Gedicht von wahrem Werthe und wird Jedem eine ergötzliche Lectüre gewähren. Es gehört zu den besten Dichtungen über biblische Stoffe. Dabei ist die typographische Ausstattung eine vortreffliche. —