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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-04-18 · Heft 16 (18.4.1889) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 16 (18.4.1889)
Date
1889-04-18
Page
Seite 238 (sequence 2)
Language
German
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238 brüderlichen Abstammung durch alle Zeit. Welches Gewicht in Israel auf die Geschlechter und Stämme gelegt ward, ersieht man noch aus den spätesten biblischen Büchern, aus dem Buche Esra und der Chronik. In keiner anderen historischen Literatur, und dies ist charakteristisch, werden so viele Familienscenen geschildert, die auf das Geschick des Volkes Einfluß übten, wie in der israelitischen. Noch unter den Apokryphen findet sich ein schönes Familienbuch, das Buch Tobia. Als nun aber erst das Volk Israel seinen Bestand verloren, und der jüdische Stamm über alle Welt zerstreut, bald auch verfolgt und in seiner bürgerlichen Existenz beschränkt ward, da kam erst recht das ihm eingewurzelte Element des Familienlebens zur Geltung. In all' den vielen traurigen Jahrhunderten waren es allein die Familie und die Gemeinde, welche dem Juden einen Daseinsboden und eine Entschädigung für alles zu erduldende Leid darboten. Nach Außen hin ohne allen Spielraunr der Thätigkeit, für sein gewerbliches Arbeiten auf wenige, obschon dem Gemeinwesen unentbehrliche, doch verachtete Berufe beschränkt, bei jedem Schritt dem Hohne und der Mißhandlung ausgesetzt, fand der Jude eine reichliche Entschädigung im Schoße seiner Familie, wo ihm Liebe und Achtung entgegenkamen, und in der Gemeinde eine gewisse Sicherheit. In beiden konnte er seinem, durch die äußere Lage um so mehr geweckten religiösen Bedürfnisse um so mehr genügen. So kam es auch, daß der größte Theil seiner religiösen Uebungen innerhalb der Familie sich vollzog, und auf diesem Wege stärkten, ja identificirten sich Religion und Familie. Ties ist nicht hoch genug anzuschlagen, um den Fortbestand des jüdischen Stammes zu erklären. Denn wenn wir auch die damalige Lage der Juden, sobald wir die Zustände in jenen barbarischen Zeiten überhaupt betrachten, jene Zustände des Faustrechts, der Räuberei, der Leibeigenschaft, des Zunftzwanges, nicht für so erdrückend erachten, wie sie uns jetzt vom Standpunkt der Gleichberechtigung und der nach dem Maße dieser sich ergebenden Freiheit für unerträglich halten: so waren die Verhältnisse unserer Vorfahren doch schlimm genug und so exeeptionell, daß sie ohne einen so unerschöpflichen Ersatz, wie die Familie und die Gemeinde boten, nicht hätten bestehen können. Und so hat sich dieses innige Familienleben noch bis zu dem heutigen Tage fortgepflanzt und wehrt sich in der Masse noch tapfer gegen die zersetzenden Einflüsse der Außenwelt, so daß selbst unsre heftigsten Gegner die Moralität unsres Familienlebens anerkennen müssen. So sprechen also Dogma und Geschichte unzweifelhaft aus, daß die Familie den innersten Kern und die wahre Lebenskraft des sittlichen Lebens im Judenthume und die wesentlichste Stütze für dessen Bestand bildet. Hieraus folgt aber Zweifaches. Einerseits, daß in der Darstellung der jüdischen Ethik der ausgiebigen Erörterung der Familie Raum gegeben werden muß. Gründet sich doch im biblischen Sinne auf die Familienliebe auch die allgemeine Nächstenliebe. Alle Menschen entstammen einer Wurzel, sind deshalb Brüder und schulden sich brüderliche Liebe. Dies spricht noch der letzte der Propheten in einem Kernspruche aus: „Haben wir nicht Alle Einen Vater, hat uns nicht Alle Ein Gott geschaffen?!" Die jüdische Ethik hat also aus der Familie den Bestand der ganzen menschlicheu Gesellschaft, aus der Familienliebe die allgemeine Menschenliebe zu erklären, und bedarf auf diesem Wege keiner physiologischen und ethnographischen Beweise. Andrerseits müssen wir erkennen, daß für den Bej stand des Judenthums die Festigung und Reinhaltung unsres ' Familienlebens das wichtigste Erforderniß ist. Wir halten j es für die erste Pflicht aller Religionslehrer, derer, welche! die Jugend zu erziehen und zu bilden, und derer, welche auf die Erwachsenen belehrend zu wirken haben, mit unermüdlichem Eifer auf die Bedeutung und den unermeßlichen Werth der Liebe, Treue und Keuschheit in der Familie, Jugend und Alter hinzuweisen und diese herrlichen Kleinode in ihrem vollen Glanze zu zeigen und zu erhalten. Man gestatte uns die Bemerkung, als wir dem Jugendunterricht noch oblagen, schärften wir unsren Zöglingen eifrig die Ueberzeugung ein: so lange der junge Mensch noch seiner Eltern, mögen sie noch auf Erden wandeln oder unter dem Rasen schlummern, eifrigst eingedenk ist und bei jedem Vorhaben oder Ereigniß lebhaft erwägt, was wohl Vater und Mutter hierüber urtheilen — so lange x\t er nimmer verloren und wird sich, wenn er einen Fehltritt begangen, schnell wieder von seiner Verirrung zum rechten Wege zurückfinden. Erst wenn er nächst seinem Gotte auch seine Eltern aus seiner Seele verloren, eilt er dem Untergange zu. Ist es doch auch dem Lehrenden gegeben, gerade in diesem Gegenstände die zartesten Saiten der Seele anzuschlagen, seine Hörer aufs Tiefste zu ergreifen und zu erschüttern, und bieten sich ihm aus Bibel, Talmud und Geschichte die mannigfaltigsten Anknüpfungspunkte und Beispiele dar. Charakterzüge vom Tage. Die Aufmerksamkeit aller derer, welchen eine ruhige, aber fortschreitende Entwicklung auf dem Gebiete der sozialen Frage am Herzen liegt, verdienen wohl gegenwärtig am meisten die Verhandlungen des Deutschen Reichstages über die Jnvaliden- und Altersversicherung der Arbeiter. Ist der Gedanke an eine solche Veranstaltung durchaus folgerichtig aus den schon gegründeten Zwangskrankenkassen und Unfallversicherungen hervorgegangen, so ist er doch zugleich kühn und verlangt großen Muth wegendes fast unübersehbaren Umfanges, den diese dritte sozialpolitische Maßnahme befaßt, nämlich über 11 Millionen

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