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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-04-11 · Heft 15 (11.4.1889) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 15 (11.4.1889)
Date
1889-04-11
Page
Seite 234 (sequence 14)
Language
German
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234 Vorgängen Alles auf die Aufmerksamkeit ankommt, die man einem Gegenstände oder einem Momente zuwendet. Wir können hören und sehen, ohne zu hören und zu sehen, wenn der Geist abwesend ist und die sinnlichen Bilder auf die seelische Tafel nicht reflectiren können. Wohnen wir einem Vortrage bei, so kann er an Inhalt und Form vollendet sein, ist unser Geist abgezogen, so wird er ohne Eindruck bleiben — während ein aufmerksamer Zuhörer vielleicht nach vielen Jahren sich desselben noch genau bewußt ist. Gute Prediger erfahren hiervon merkwürdige Beispiele. Wer etwas lernt und ist mit seinem ganzen Sinne dabei, der nimmt das Gelernte fast für immer in sich auf; wer beim Lernen zerstreut ist, dem ist die Schrift am anderen Morgen von der Tafel seines Gedächtnisses wie weggewischt. Deshalb ist es nicht zu verwundern, wenn ein Moment, das einen besonderen j Gedanken oder ein lebhaftes Gefühl in uns geweckt hat, uns tief eingewurzelt bleibt und gewissermaßen zu dem wird, was wir als unser untrennbares Eigenthum zu betrachten haben, ohne daß es auf den höheren oder geringeren Werth desselben ankommt. — Gewissermaßen zu Ihrer eigenen Beruhigung — denn es scheint Ihnen fast mißachtlich, Lappalien mit sich herum zu tragen — bitten Sie mich, Ihnen doch aus meinem Leben etwas Aehnliches mitzutheilen. In meiner langen amtlichen Wirksamkeit sind mir sehr zahlreiche Momente vorgekommen, die ein gewisses Interesse einschlossen. Aber die meisten sind längst aus dem Gedächtniß entschwunden und vieler v«i ihnen würde ich mich niemals wieder entsinnen. Dagegen ist mir eines so recht im Vordergründe geblieben. Ich war nach einer benachbarten, ziemlich volkreichen Stadt zu einer Trauung berufen. In der Nacht vorher starb ebendaselbst eine junge Frau, und so mußte ich den einen Tag eine Trau-, den folgenden eine Leichenrede halten. Der Friedhof der kleinen jüdischen Gemeinde war etwas abgelegen, auf dem Gipfel eines ziemlich steilen Hügels. Da stand ich nun an dem offenen Grabe, der ganze Hügel bis in die Flur hinein — eine Mauer hatte der Friedhof nicht, er war durch jene Einsamkeit geschützt — war von Tausenden von Menschen besetzt. Die Sonne sank im Westen und vergoldete den Hügel mit ihren Strahlen. In der Ferne leuchteten die Wellen der Elbe, die hier und da mit einem Segelschiff beladen waren. Da hob sich der Geist, ich überließ mich dem Strome der Empfindungen, dem Gange der Gedanken, ich sprach über Leben und Tod, über die göttlichen Schöpfungen für den Wandel und über die göttlichen Schöpfungen für die Ewigkeit. Der Abendwind flüsterte über Berg und Flur und gab meinen Worten einen leise hallenden Nachklang. Das tiefste Stillschweigen herrschte, und man konnte das letzte Wort jedes Satzes deutlich wie das erste hören. Bei meinem Amen sank der Sonnenball hinter Purpurwolken. Die Gruft ward gefüllt, die letzten Gebete gesprochen und die Menge trennte sich und zog nach der Stadt. — Ja, diesen Moment habe ich nie wieder vergessen und steht er nach so vielen Jahren noch oft vor meiner Seele — obschon er doch kein ungewöhnlicher Act meines Amtes war und mit der Sonne des Tages das ganze Ereigniß in die Schatten der Vergessenheit sank. Pest, im März. Die sephardisch (türkisch) -israelitische Gemeinde in Wien. Im September 1887 beging die sephardisch (türkische)- israelitische Gemeinde in Wien die Einweihung ihres neuerbauten Gotteshauses. Nach Motiven der Alhambra in Spanien im reinen maurischen Style erbaut, ist es ein Meisterwerk architectonischer Schönheit. Zur Erinnerung an die Einweihungsfeier hat wohl vor einigen Monaten der Secretär der genannten Gemeinde, Herr Adolf Zembinszky, die „Geschichte der türkisch-israelitischen Gemeinde von ihrer Gründung bis heute nach historischen Daten" dargestellt; dieselbe wurde von Herrn Michael Papo iti’S Jüdisch-Spanische übersetzt und in prachtvoller Ausstattung, geschmückt mit der Abbildung des neuen Tempels, jedem Mitgliede der Gemeinde als ein liebes Angedenken übergeben. Die Geschichte der sephardischen Gemeinde in Wien ist von hohem Interesse. Unter den spanischen Flüchtlingen, welche sich in Wien ansässig machten, befand sich eine Familie, deren Geschick mit dem der dortigen sephardisch-israelitischen Gemeinde innig verbunden ist. Es war dies Moses Lopez Pereyra Diego d'Aguilar und seine Gattin, welche zu Beginn des Jahres 1730 Wien zu ihrem bleibenden Wohnsitz wählten. Schon wenige Jahre später, und zwar im Jahre 1736, hatten sich um ihn einige Anhänger versammelt, welche eine kleine Gemeinde nach sephardischen: Ritus bildeten. Zu diesen Anhängern gehörten namentlich die Familien Abraham Kamondo, Aron Nissan und NaphtaliEskenasi aus Constantinopel, welche alltäglich ihren Gottesdienst im Hanse Nr. 307 innerhalb der Ringmauern abhielten. So ist Moses Lopez Pereyre der Gründer dieser Gemeinde und noch alljährlich am Jom Kipur wird für ihn ein Todtengebet verrichtet. Durch Vermittlung Pereyres, der sich bald zu einer sehr geachteten Stellung emporschwang und sich die Sympathien vieler hohen Würdenträger, besonders auch des Staatskanzlers gewann, wurden auch in Temesvar im Jahre 1736 fünf

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