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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-04-11 · Heft 15 (11.4.1889) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 15 (11.4.1889)
Date
1889-04-11
Page
Seite 231 (sequence 11)
Language
German
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231 Oesterreich-Ungarn. Wien, 27. März. (Privatmitth.) Das Resultat der Gemeinderathswahlen hat geradezu in jüdischen Kreisen, wie in allen, in welchen man Sinn für Recht und Freiheit hat, große Bestürzung hervorgerufen. Ich sage nicht -ck' b'j 'rrDtpri ’Djrro, denn mich hält die Ueberzeugung aufrecht, daß der ganze Antisemitismus nur eine Episode ist. Wir Juden haben schon härtere und schwerere Zeiten überlebt. Aber was ist aus Wien, aus dem gemüthlichen Wien geworden? Und darum nvn' D^nn •ai’; ich schäme mich für Wien. Will man ehrlich sein, so muß man sagen, daß wir alle gefehlt und geirrt haben, da Niemand es für möglich gehalten hat, daß derartige Zustände Platz greifen können. Diese Entschuldigung gilt jedoch bloß für die frühere Zeit. Bon dem Momente an aber, als die Hochfluth des Antisemitismus von Tag zu Tag stieg, da trifft alle besseren Elemente in gleicher Weise die Schuld. Die Regierung ließ gewissermaßen den Antisemiten und all' den verkommenen Leuten, man darf sagen, der Hefe des Volkes, freien Lauf. Es wurden fast täglich, bald da, bald dort und öfters an mehreren Orten zugleich, Versammlungen gehalten, in welchen Brandreden an der Tagesordnung waren, und der anwesende Polizeicommissär hörte die Dinge ruhig an. In gleicher Weise übte die Staatsanwaltschaft gegen antisemitische Zeitungen und Schriften eine Nachsicht, wie sie auf anderen Gebieten nicht vorkommt. Erst als die Antisemiten daran gingen, jede andere Versammlung durch Schreien, Poltern, ja durch Gewaltthaten unmöglich zu machen, fing die Polizei an, sich in die Sache zu mischen. Der bessere Theil der Bürgerschaft sah dem Treiben ruhig zu, da er dachte, der Scandal werde in sich selbst zusammenbrechen, und erst als das Feuer lichterloh brannte, begann er sich zu ermannen, aber da war es schon zu spät. Auch die liberale Presse versäumte ihre Pflicht. Aus Furcht vor dem Spitznamen „Die Judenpresse" reagirte sie nicht oder nur höchst selten gegen die Hetzpresse. In gleicher Weise benahm sich die Linke des Abgeordnetenhauses. Man ließ bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Herrn Türk gegen die Juden sprechen, ohne ihm zu erwidern. Erst in letzter Zeit fing man an, gegen diesen Gesellen Stellung zu nehmen und am 15. Jan. rief der Präsident des Abgeordnetenhauses den Abgeordneten Türk zur Ordnung, weil er eine anerkannte Religionsgesellschaft geschmäht hatte. Ich komme schließlich zu uns Juden. In früherer Zeit gab es a'D’pn. An diesen fehlt es uns auch heute nicht. Es giebt Männer, die mit den höchsten Kreisen im intimen gesellschaftlichen Verkehr stehen; aber so viel bekannt, wollen sie in ihrer Stellung nicht den Juden hervorkehren. Manche unter ihnen mochten sich auch denken, daß sie in ihrer Stellung vor Unbill gefeit und gesichert seien und der Vorstand der Gemeinde beräth und beräth, aber „was er webt, weiß kein Weber." Schließlich verläßt man sich auf den lieben Gott, der helfen wird. Dies mit wenigen Strichen das Bild der Lage. Was uns betrifft, so hoffen wir ebenfalls auf Gott. Uns beseelt aber noch eine andere Hoffnung. Die Bestrebungen der Antisemiten steuern geradezu auf Anarchie und auf die Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung zu und über kurz oder lang wird die Regierung Stellung nehmen müssen. Wien, 27. März. Die beiden Feiertage brachten einige bemerkenswerthe Kundgebungen gegen die Bestrebungen der antisemitischen Partei. Vor Allem ist eine Versammlung der altkatholischen Gemeinde zu erwähnen, bei welcher der Viceprases der Synode, der ehemalige Gemeinderath Sinnek, Kirchenrath Schuster und Andere in scharfen Worten den Antisemitismus, welcher Wien moralisch und materiell schädige, verurtheilten. Ein Redner sagte: „Wenn der unnatürlichen Coalition zwischen Czechen und Klerikalen nicht bald entgegengetreten wird, so ist zu befürchten, daß die Vindobona mit Hilfe ihrer eigenen Kinder, der deutsch-nationalen Antisemiten, aus ihrem Heim verdrängt werden wird." Alle Redner forderten die Mitglieder der Gemeinde auf, energisch gegen die antisemitischen Bestrebungen Stellung zu nehmen. — In einer von dem politischen Vereine „Wahrheit" einberufenen, von etwa! 500 Arbeitern besuchten Versammlung wurde gleichfalls in energischer Weise gegen den Antisemitismus Front gemacht und der Liechtenstein'sche Schulantrag mit allen möglichen Argumenten bekämpft. Erwähnt muß insbesondere werden, daß ein großer Theil der Theilnehmer Czechen waren und auch mehrere czechische Redner sich in derselben Weise aussprachen. — Auch unter der Studentenschaft machen sich Gegenbestrebungen bemerkbar. So hat sich gestern hier ein Verein unter dem Titel: „Oesterreichischer Studentenverein" gebildet, in dessen Statuten es heißt: „Der Verein mißbilligt entschieden jeden nationalen und confessionellen Zwist, als mit dem wahren Freisinn unvereinbar." Wien, 1. April. Bei der Gemeinderathswahl auf Wieden wurde der liberale Candidat Baron Max Kübeck mit großer Majorität gegen den Antisemiten gewählt. (Die Dinge sind also nicht so schlimm, wie man sie in der ersten Zeit nach jener Niederlage ansah.) Pest, 31. März. (Privatmitth.) Der hiesige israel. Handwerks- und Ackerbau-Verein veröffentlichte vor einigen Tagen seinen Jahresbericht pro 1888. Dieser Verein, der seit seinem Bestände die Existenz von mehr als tausend selbstständigen Industriellen begründet, war im abgelaufenen Jahre in der Lage, nach verschiedenen Richtungen eine erhöhte Thätigkeit zu entfalten; insbesondere ist eine wesentlich größere 15*

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