Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1889)
- Date
- 1889-04-11
- Page
- Seite 230 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227787--46119-3265664- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
230 Durch die oben bezeichnete Einrichtung wird diesen Uebelständen aufs Angemessenste abgeholfen und ist sie deshalb sehr zu empfehlen. Entspringt doch aus solcher Vereinigung auch viele Anregung und Nacheiferung. Die genannte wohlthätige Gesellschaft hat den seltenen Vorzug, ein Vermögen von 124,827 M. zu besitzen, welches sich durch Legale und Spenden immerfort vermehrt und nächstens ein Legat von 30,000 Mark von Geheimrath Simon erhalten wird, zu dessen Annahme die landesherrliche Genehmigung erwartet wird. Die Gesellschaft gab im verflossenen Jahre an.monatlichen Unterstützungen 3056 M., an Stipendien für Studirende 1590 M., für Schüler und Schülerinnen deren Schulgeld und Schulbedürfnisse 2166 M. und für Handwerkerlehrlinge 1027 M., sowie an extraordinären Unterstützungen 1564 M. aus und man ersieht daraus, nach wie vielen Richtungen sie segensreich wirkt. Hannover, 2. April. (Privatmitth. Verspätet.) Was der hiesigen Gemeinde zum Lobe gereicht, ist, daß hier die frühere Sitte, den Bachurim, jetzt Seminaristen und Präpaj randen, ihren Lebensunterhalt zu gewähren — was allerdings nicht sehr genügend geschah — jetzt auf sehr angemessene Weise ersetzt ist. Wir haben bereits wiederholt über den „Verein zur Unterstützung der Schüler der Bildungs- Anstalt für jüdische Lehrer zu Hannover" berichtet und geben deshalb aus dem 9. Jahresbericht für die Zeit vom 1. Oct. 1887 bis zum 30. Sept. 1888 einige Notizen. Der Verein zählt gegenwärtig 274 Mitglieder in der Stadt Hannover und 395 auswärtige, und ihre Beiträge betrugen 5961 M. Auch Geschenke und Spenden fehlten nicht, so daß diese mit den regelmäßigen Beiträgen zusammen 7811 M. betrugen; eine Einnahmequelle besteht auch in den Beiträgen für Kaddisch-Sagen, aus dem verflossenen Jahre 1700 M. Der Verein unterhält ein Internat, ohne jedoch bis jetzt ein eigenes Haus hierzu erwerben zu können. In diesem Internat genossen 32 Schüler des Seminars ihre Verpflegung. Sechs Schüler des Seminars, welche die Lehrerprüfung bestanden, wurden von Gemeinden angestellt. Dafür wurden 5 Schüler in die Präparande und 1 in das Seminar ausgenommen. Der Verein besitzt nicht die Mittel, die Verpflegungskosten für alle diese Schüler zu tragen, und Eltern, die es vermögen, müssen deshalb sich verpflichten, zu den Verpflegungskosten ihrer Söhne Beiträge zu zahlen. Solcher Beiträge, zum Theil auch aus Stipendien, wurden im verflossenen Jahre 6029 M. gezahlt. Jndeß kommt es allzu häufig vor, daß die Eltern auch beim besten Willen den eingegangenen Verpflichtungen nicht entsprechen können. Deshalb sah sich auch im letzten Jahre zu seinem großen Bedauern der Verein genöthigt, eine nicht geringe Zahl von Anmeldungen abzuweisen. So erfreulich es ist, zu sehen, daß die Lust zum Lehramte in der jüdischen Masse wieder erwacht ist — auch ein Beweis, daß die Achtung vor dem Lehrerstande wieder gestiegen ist — so bedauerlich ist es, aus Mangel an Mitteln befähigte Knaben von diesem ehrenvollen Berufe ausgeschlossen zu sehen. Wir wünschen daher lebhaft mit dem Vorstande des Vereins, daß sich die Wohlthätigkeit unserer Glaubensgenossen diesem Zwecke noch viel mehr znwende. Wohl in keinem Zweige der Barmherzigkeit vereinigen sich so viele Motive wie hier, wo nicht bloß den betr. Individuen eine Wohlthat erwiesen, sondern durch die Heranbildung tüchtiger Lehrer ein weithin reichender Segen geschaffen wird. Dies ist nicht bloß für die Provinz Hannover der Fall, denn wir ersehen aus dem Berichte, daß von den 6 entlassenen Seminaristen 1 nach Königsberg i. Pr., 1 nach Erwitte und 1 nach Rathenow berufen worden — was auch auswärtige Menschenfreunde dazu veranlassen kann, dieses Vereines werkthätig zu gedenken. Die Einnahmen beliefen sich auf 17,269 M., worunter 603 M. zurückbezahltes Capital. Dagegen wurden von diesen Einnahmen 4626 M. als Capital belegt. Die Kosten für die Schüler betrugen 11,430 Mark. Der finanzielle Stand des Vereins bei einem jetzt 19,671 M. betragenden Vermögen — was für 9 Jahre ganz ansehnlich ist — ist also ein befriedigender und wünschen wir, daß derselbe wachse und seine gedeihliche Wirksamkeit in immer weiterem Maße fortzusetzen vermöge. Aus Westfalen, im März. In einer Gemeinde in der Nähe von Lüdenscheid war in Folge lang andauernder Streitigkeiten, die sich an den projectirten Bau einer neuen Kirche geknüpft, eine große Zahl von Einwohnern aus der Landeskirche ausgetreten. Die Dissidenten wandten sich, wie die Lüdenscheider Reform berichtet, an sämmtliche Pfarrer der Umgegend mit der Bitte, die Leichen ihrer Angehörigen auf den Friedhöfen der Nachbargemeinden beisetzen zu dürfen, und wurden überall abgewiesen. Die Ausgetretenen wandten sich nun an die israelitische Gemeinde zu Lüdenscheid und diese hat in ihrer letzten Versammlung einstimmig beschlossen, diesen Vervehmten bei Todesfällen ihren Friedhof zur unentgeltlichen Benutzung zur Verfügung zu stellen. Luxemburg. Luxemburg, 2. April. (Privatmitth.) Soeben wurde das Urtheil in Sachen contra „Luxemburger Wort" wegen Beleidigung der jüdischen Religion gesprochen und zwar wurde die Redaction zu 400 Mark und in die nicht unbedeutenden Kosten verurtheilt. (Dies ist die höchste Geldstrafe für Beleidigung nach dem Luxemburger Gesetze. Der ultramontane Herr wird sich wohl in Zukunft hüten, die Wege Rohlings zu gehen, der in diesem gerichtlichen Erkenntniß abermals verurtheilt worden.)