Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1889)
- Date
- 1889-04-11
- Page
- Seite 224 (sequence 4)
- Language
- German
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224 wir das religiöse Gesetz in jedem Augenblicke mit dem warmen Herzblut des sittlichen Lebens getränkt finden und überall den lebenskräftigen Pulsschlag vernehmen, der die innige Durchdringung der sittlichen und religiösen Wahrheiten verkündet. Wer erkennt nicht die Weisheit der Lehre, welche den bürgerlichen Tugenden den Stempel des göttlichen Rechtes aufdrückt, den Pflichten gegen die Gesellschaft einen religiösen Hintergrund giebt, die Interessen des Staates mit dem Gedanken an Gott beleuchtet und, was Unrecht ist in sittlicher Beziehung, auch als Sünde auf dem Gebiete der Religion bezeichnet. Allein diese Erwägung stellt uns unmittelbar vor die volle, rüstige Arbeit der jüdischen Lehre, ohne daß wir der wirkenden Macht uns bewußt werden, mit welcher dieselbe gleichsam erst die Anfänge des Culturlebens geschaffen und die Menschheit zu einer höheren Auffassung des Daseins fähig gemacht hat. Ich meine, wir dürfen das Gebot der Ruhe^) am Sabbath nicht übersehen, das sich wie beseligender Zauber auf das unberührte Menschengemüth legte und es zu höherem Gefühl, zu reiner Empfindung erweckte. Denn erst in dem Augenblicke, wo die Seele mit freiem Flügelschlage der engen Alltäglichkeit zu entsteigen und die Feier ihres eigenen Daseins zu begehen im Stande ist, hat sie ein Bewußtsein ihrer selbst erlangt und sich den Einflüssen der Cultur geöffnet. Bei allen Völkern des Alterthums waltet die Idee der Ruhe von der Arbeit und das Moment der Freude und Cultur in den Festen vor, welche den „mühebeladenen" Menschen von den „mitleidsvollen" Göttern zu ihrer Erholung und zur aufrichtenden Feier überwiesen wurden, an welchen diese selbst Antheil nehmen^). Allein jene Ruhe entbehrt des ethischen Gehalts, insofern sie keinerlei Erhebung und Läuterung bewirkt. Weit davon entfernt, durch das Mittel der Freude und der Heiterkeit, sowie durch den zeitweiligen^) innigeren Umgang und Verkehr mit den Göttern dem Leben einen reinen Abglanz des Ewigen, ein Gefühl beglückender Seligkeit und befreiender Ahnung von den Hochzwecken des 1) Genes. 2, l; Exodus 20, 8—11; 31, 13—18 u. sonst. 2) Plato legg., II. p. 653 D: O-eol olzzeiQavzeg zd zzbv dv(&Qüj7to)v eninoror necpvzdg yevog, dvanavlag zs avzotg zwv tiovojv ezdgavzo zag zojv boQzwv ä/xoißäg zolg ttsoig zal Movaag lAnö'j./.ovä re fxovo?jyl-z?jv zal /lidvvoov ovveoQzaozdg eöooav.— Sbrabo X, p. 716: zoivov di] zovzo zal zojv "E/J.ip'ojv zal zojv ßa^ßdocov iozl zd zag isyonouag ycez dvkoecog eOQzaöziz7]g TioieiO&cu, zag ubv ovv ivttovGiaa/xoj, zag dh yajQtg, zal zag fxhv (xezd /uovoizijg, zag de fxij zal zag /ubv fxvozizöjg, zag db ev (f areycö, zal rovlß?/ tpvoig ovzojq vnayoQevsi. — Theophr. cbar. 30 und corp. Inscr. II, p. 1131: zal ä(peZvai zovg ßbv naidaq ez rwv fxattrjßdzwv zovg de oizezaq and zojv i-fjyoiv z. t. I; vgl. Lobeck Agl. p. 684. 3) Athen. VIII, 65: yjjovov ä(pOQiGarzeg zal zoZg EeoZg noottvoaireq ovzcu fie&i/zav avzoiq eig aveoiv, °iv ezaczoq yyov- /<£]•/>£ dyzHv zovg fteorq enl zag dna^yag zal zag onovdaq fxez alöovg zi/v ovvovolav noLijzcu; vgl. Theopomp bei Porphyr, de abstin. II, 16. menschlichen Daseins zu gewähren: bringt sie vielmehr den gewaltigen Abstand zur klaren Aussprache, der zwischen dem Leben der Götter und der Menschen herrscht. Während jene in ewiger Heiterkeit ein müheloses Dasein genießen, ist diesen eine getrübte Existenz und dauernde Arbeit zugewiesen, welche die Götter nur aus „Mitleid" zu unterbrechen gestatten, indem sie Feste einsetzten, an welchen die Ruhe geboten wurde. Diese war Selbstzweck und beleuchtete mehr als irgend etwas Anderes das ganze Elend des Erdenlebens, dem nur vorübergehende Erholung gegönnt war. Völlig verschieden davon ist die Ruhe der jüdischen Festgebote und besonders des Sabbaths, in welchem der Typus für alle religiöse Feier und Erhebung zur vollen Ausprägung gelangt ist. Mit einem wahrhaft eigenartigen^) Zuge, der das ursprünglich Göttliche in der Situation und in dem Sabbathgesetze bekundet, stellt die mosaische Lehre die Ruhe als eine göttliche Aeußerung hin, in welcher die That der Schöpfung ihre höchste Vollendung feiert. In dem Genuß der Ruhe, welche sich Gott bei seiner unerschöpflichen Leistungskrast freiwillig auferlegt, offenbart sich die ganze Majestät seines Wesens, die volle Herrlichkeit und Freiheit seines Waltens. Diese Ruhe jedoch, weil sie den Stillstand in der Arbeit, die Freude und das Wohlgefallen an dem Geschaffenen bekundet, vermag ihr eigenstes Wesen nicht zu erschöpfen, wenn sie nicht in Demjenigen einen reinen Nachklang weckt, das der Gegenstand ihres Seins und der Inhalt ihrer Existenz ist, — wenn sie nicht das Geschaffene zur Theilnahme an ihrer Hoheit und Beglückung, zu einem Verständniß seiner eigenen Bedeutung und Größe befähigt und erhebt. Deshalb liegt in den wenigen Zeilen der Gotteslehre, welche das Ruhegebot aussprechen, etwas unvergleichlich Feierliches und Erhabenes, das wie mildes Gotteswehen durch den Hynmus der Schöpfung zieht! denn es verkündet die Berufung des Menschen zum höchsten Genuß, zur Theilnahme4 5) an der Feier seines Gottes und schlägt zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf die Brücke 4) Eigenartig ist schon die äußerliche Organisation des Sabbaths am Schluß der Woche. Denn wiewohl der Orient seit ältester Zeit (Herodot II, 82; Dio Cassius XXXVII, 18) die siebentägige Woche kennt — erst die lateinische Woche ist achttägig (Mommsen, Chronologie S. 228) — so bezeichnet doch der Saturnstag (Sonnabend) immer den Anfang der Woche sowohl bei den Egyptern, wie bei den Chaldäern (Wiuer, Bibl. Real-Wörterbuch: „Woche"; Duncker, Gesch. d. Alterth. I, S. 118 u. 213, Not. 2). Das Christenthum folgt dem Judenthum, indem es den Sonnabend als Schluß der Woche beibehält, während es jedoch die religiöse Feier desselben aus den Anfang der Woche verlegte. 5) Pr. Philippson, Bibelwerk zu Genesis II, 3: Da am 7. Tage das Wirken der bewußtlosen Natur nicht feiert, so muß sich die Heiligung des siebeilten Tages nur auf die mit Bewußtsein begabten Geschöpfe beziehen, und erst dann konnte sie in die Wirklichkeit treten, wenn auch jene zu diesem Bewußtsein gekommen wären. — Derselbe zu Exodus XX, 8—11: Die Bedeutung des Sabbaths ist das Wiederhinaufziehen der Menschenwelt zu Gott. . . Der Sabbath sollte das Instrument der Offenbarung zur Emancipation des menschlichen Geistes von der materiellen Lebenssphäre sein.