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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-04-11 · Heft 15 (11.4.1889) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 15 (11.4.1889)
Date
1889-04-11
Page
Seite 223 (sequence 3)
Language
German
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223 Kern der Sache darin, daß die bis jetzt kleine Fraction zu einer Partei geworden. Unter der Maske des Antisemitismus haben sich die Klerikalen, die Feudalen, die Zünftler und Kleingewerbler zu der Partei der „Bereinigten Christen" mit den Antisemiten verbunden, und bei der Rührigkeit dieser Elemente läßt sich ein weiteres Wachsthum voraussehen. Auch die Czechen haben ihr Contingent dazu gestellt, weil der Gemeinderath die czechische Schule zu Wien zu dotiren verweigert hatte. Es ist möglich, daß diese bunte Zusammensetzung den Bestand des Bundes nicht lange aufrecht erhalten werde, aber sicher ist dies nicht. Auch kann es sein, daß die Liberalen, aufgeschreckt durch diesen Mißerfolg, sich zu größerer Thätigkeit aufraffen und ihre specielleren Differenzen vergessend, sich fester zusammenschließen. Hat man doch bemerkt, daß diesmal die höchst gestellten Männer, wie z. B. der greise Schmerling, an der Urne erschienen und ihre Stimme für die liberalen Candidaten abgaben. Sicher ist es, daß die Verbündeten Antiliberalen die Gleichberechtigung der Confessionen aufs Eifrigste bekämpfen werden. Ist sie doch in Oesterreich noch nicht 22 Jahre alt, und eine so junge Pflanze glauben die Gegner aus dem Boden des Staates wieder herausreißen zu können. Die Protestanten sind in Oesterreich zu geringzählig, um eine bedrohliche Opposition bilden zu können, mit welcher man rechnen müßte. Der Kaiser Franz Joseph hat wiederholt sich für die Gleichberechtigung ausgesprochen und seinen Unterthanen, welcher Religion sie auch seien, gleiches Recht und gleichen Schutz zugesagt. Wie weit er aber einem gewaltigen Anstürme widerstehen würde, kann man nicht vorauswissen. Jndeß so weit sind wir noch lange nicht. Betrachtet man die Geschichte des Liberalismus in Oesterreich, so zeigt sich uns, daß derselbe immer nur stoßweise zu Tage trat und sich dann wiederholt sehr ungeschickt zu benehmen wußte. Der Ursprung desselben ist auf Joseph II. zurückzuführen, welcher der Aufklärung und Humanität mit ganzer Seele ergeben war. Man weiß jedoch, wie dieser Monarch gewissermaßen nach seinen Einfällen verfuhr und zum Theil zu übertriebenen und gar nicht ausführbaren Maßnahmen schritt. Mit seinem Tode fiel das ganze leicht gezimmerte Bauwerk zusammen, und wenn auch von seinem Geiste etwas übrig blieb, so doch bald von seinen Veranstaltungen nichts. War so der kaiserliche Liberalismus in dieBrüche gegangen, so geschah dies nicht minder mit dem Volksliberalismus, als er nach langer Pause 1848 sich hervordrängte. Er entartete schnell zur Verwirrung und Pöbelherrschaft nnd machte es der wieder zur Macht gelangten Reaction leicht, seine Erzeugnisse, u. A. auch die octroyirte' Verfassung, wieder zu beseitigen. Es bedurfte der großen Mißgeschicke des Staates 1859 und 1866, um die Nothwendigkeit einer liberalen Regierung ans Licht zu stellen. Das verfassungsmäßige Leben wurde wieder hergestellt und das sog. Bürgermiuisterium eingesetzt. Daß dasselbe mehrfach gute und zweckmäßige Institutionen herstellte, darf nicht verkannt werden, aber im Ganzen macht man ihm den Vorwurf der Lässigkeit und des Mangels an jeder Genialität. Nun traten aber erschütternde Krisen ein, welchen die liberale Regierung nicht gewachsen war, und noch mehr, die Leidenschaft der Nationalitäten erwachte und verdrängte in ihrem Egoismus den Liberalismus. Polen, Czechen, Tyroler und Slovenen kennen nur den Vortheil, den sie aus der verworrenen und stürmischen Lage für ihre Nationalitäten zu ziehen vermögen; ob ihr Gewinn liberal oder antiliberal sei, kümmert sie wenig. Was ihnen später unbequem sein würde, hoffen sie nach ihrem Siege wieder abschütteln zu können. So hat in Oesterreich der Liberalismus nur noch bei den Deutschen einen Boden. Diesen aber, so bedroht sie auch sind, fehlt die Einheit. Klerikalismus und Feudalismus, engherziges Philisterthum und Antisemitismus finden bei ihnen Anhalt und Nahrung. Ob sie nicht hierdurch gegen ihre eigene Existenz wüthen, kommt den Anhängern dieser Parteien nicht zum Bewußtsein. Der Geist der Nationalität ist trotz aller Prunkredcn bei ihnen lange nicht so stark und gediegen, wie bei Polen und Czechen. Dies ist die gegenwärtige Lage und man muß die weitere Entwickelung abwarten. Oft wird durch erlittene Nachtheile die Kraft eines Volkes, die schlummerte, geweckt und tritt mit unerwarteter Stärke auf dem Kampfplatze auf. Studien über den Sabbath. Bon Rabbiner Di. Tobias Cohn in Potsdam. Von jeher war der sittliche Charakter in den Religionen der alten Völker das erziehende Moment im Leben derselben. Was die bürgerliche Gemeinschaft als ihr oberstes Gesetz ansah und der Staat als sein höchstes Streben anerkannte, das vertiefte sich in die religiöse Sphäre und erfüllte sich dort mit idealer Macht; was anfänglich nur den practischcn und nützlichen Zwecken zu dienen bestimmt war, wurde mit dem höchsten Maßstabe des Religiösen und Heiligen gemessen. In solcher Weise gewannen die Anordnungen des Staates eine unantastbare Gewalt, ihr Ansehen war über jeden Zweifel und Angriff erhaben, und der kindliche Sinn der ältesten Menschheit wurde im Gehorsam gegen den Staat erzogen, indem er das Gesetz desselben aus dem Gedanken der Ewigkeit herleitete und dem Willen der Gottheit gleichbedeutend erachtete. Wir treten der unvergleichlichen Größe der mosaischen Religion nicht zu nahe, wenn wir eine Berührung dieser Gedanken auch mit ihren erhabenen Lehren ahnen; vielmehr rücken wir den Standort unserer Beurtheilung höher und gestalten ihn freier und überzeugender, wenn 1b*

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