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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-04-11 · Heft 15 (11.4.1889) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 15 (11.4.1889)
Date
1889-04-11
Page
Seite 222 (sequence 2)
Language
German
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222 länger, bis auch die Verfassung des deutschen Reiches dieses Princip anerkannte; je weiter in Italien die Einigung des zerrissenen Vaterlandes vorschritt, ging die Anerkennung der Gleichheit voran, bis sie mit dem italienischen Heere in Rom einzog. Doch nur von den westeuropäischen Staaten und von Italien kann man sagen, daß die Gleichstellung der Juden unbedingt, ohne alle Einschränkung, ausgeführt wird. Es kamen Zeiten, wo z. B. in Preußen jener Verfassungsparagraph von Neuem in Frage gestellt wurde und wo die Regierung selbst sich noch auf die Beschränkungen berief, die im Judengesetz von 1847 ausgesprochen waren. Wie nun seit 1879 der Kampf sich erneuerte und durch eine leidenschaftliche Hetze in gefahrdrohender Weise entbrannte, brauchen wir nur anzudeuten. Aus alledem geht wohl zur Genüge hervor, wie das, was man Politik nennt, aus den Spalten unserer Zeitung nicht weichen konnte, noch dazu, wenn man die Lage unserer Glaubensgenossen in den osteuropäischen Staaten und im Oriente bedenkt. Es gab stets zu berichten, zu bekämpfen, abzuwehren. Kamen ruhigere Zeiten, so konnten wir das politische Element mehr bei Seite lassen und unseren Fleiß um so mehr den inneren Angelegenheiten, dem Ausbau unserer Institute, der Bearbeitung unserer Wissenschaft, der Kritik unserer Literatur zuwenden. Doch leider waren dies nur Zwischeuperioden von nicht allzugroßer Dauer, und die Gegenwart bietet uns erst recht diese Ruhepausen nicht. — Aber noch nach einer zweiten Richtung durften wir die politischen und socialen Fragen nicht außer Acht lassen. Es lag dies mehr in einer inneren Nothwendigkeit. Unsere Zeit ist auf dem ganzen Gebiete des gesellschaftlichen Lebens eine Epoche der Reform, der Um- und Neugestaltung. Als diese Zeitung ihre Laufbahn begann, war es der einfache Liberalismus, um den gerungen ward, der Constitutionalismus und die sog. Volksrechte gaben den Inhalt aller Kämpfe ab. Als dieser aber den Sieg errungen, entwickelte sich alsbald ein ganz anderes Streben. Es kamen Fragen auf, von welchen man vor einem halben Jahrhundert noch keine Ahnung hatte; es gährte auf allen Gebieten des politischen und socialen Daseins; man begann zu formen und zu reformiren, und sobald Etwas fertig gestellt war, wurde es von Neuem discutirt und wieder revidirt. Hieran nehmen gegenwärtig alle Parteien Theil, auch die reactionären arbeiten mit, wenn auch der Geist und das Ziel bei jeder Partei andere, und die reactionären auf die Macht bedacht sind, die sie bei der oder durch die Neubildung erlangen oder wiedererlangen könnten. Wie dem auch sei, bei diesem großen Principienstreite, bei dieser mächtigen Entwickelung des schöpferischen Menschengeistes trat es als eine Nothwendigkeit an uns heran, alle diese wichtigen Fragen im Völker- und Staatsrecht, in der Justiz und in den socialen Verhältnissen vom Standpunkte des Judenthums aus zu prüfen und zu erörtern und die Anschauungen des Judenthums vom Mosaismus an klar zu legen. Es mußte dies geschehen, sowohl um dem Judenthume selbst seine Stellung in der weltgeschichtlichen Entwickelung zu sichern, als auch die Bekenner desselben hierüber zu unterrichten und so weit wie möglich auch nach Außen hin diese Auffassungen zur Kenntniß zu bringen. Einige Jahre vor dem Beginn unserer Zeitung hatte Salvador zum ersten Male die politischen und socialen Principien des Mosaismus ans Licht zu stellen versucht. Wir hatten dies eifrig aufgefaßt und machten es uns zur Aufgabe, diese Untersuchungen weiter zu führen, sie mit den neu erstandenen Zeitfragen in Verbindung zu bringen und zu vergleichen und sie immer mehr im Bereiche des Judenthums zur Anerkennung zu bringen. Zahlreiche Leitartikel, unsere „Vorlesungen" und „Weltbewegenden Fragen" waren diesem wichtigen Gegenstände gewidmet. Es lag hier ja auch nicht die geringste Spur einer Bestrebung vor, irgend wie auf die Wirklichkeit zu influiren, sich nach außen hin geltend zu machen, einen practischen Einfluß zu erlangen, wohl aber der ideelle Zweck, auch vom jüdischen Standpunkte aus der Wahrheit und dem Recht zu dienen, der Aufklärung und Humanität, so weit es uns gegeben war, Boden zu gewinnen. War ein solches Streben begonnen, so mußte cs auch immer weiter geführt und von den gewonnenen Resultaten aus die großen allgemeinen Fragen und Erscheinungen, wie sie sich der Zeit nach ergaben, so zu besprechen. — Wir glauben, daß nach beiden Richtungen hin die A. Z. d. Jud. ihre Aufgabe richtig verstanden und nach Kräften gelöst hat. Daher kam und kommt es, daß die Politik in unseren Spalten ein häufiger Gast ist. Der Liberalismus in Oesterreich. In der Stadt Wie», die bis jetzt als der Hort des Liberalismus in Oesterreich angesehen ward, hat dieser einen schweren Schlag erhalten. Bei den Ersatzwahlen zum Gemeinderathe erhielten die Antiliberalen im 3. Wahlkörper und zum Theil auch im zweiten bedeutende Majoritäten. Von 42 Sitzen erhielten die Liberalen 27 (22 wiedergewählt und 5 neue), die Antiliberalen 15 (2 wiedergewählt und 13 neue). Von den 120 Mitgliedern des Gemeinderathes gehören der liberalen Partei 90, der antiliberalen etwa 30 an. Man sieht, daß dieses Verhältniß noch keine Gefahr bringt. Dennoch ist der Vorgang von großer Bedeutung und hat allgemein einen tiefen Eindruck gemacht. Zunächst ersah man daraus, daß der Widerspruch gegen den Liberalismus in den unteren Volksschichten einen breiten Boden gewonnen. Hieraus erwächst dann die Gefahr, daß bei den nächsten Wahlen, wie zum Landtage, die liberale Partei vielfach unterliegen werde. Aber abgesehen hiervon, liegt der

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