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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-04-04 · Heft 14 (4.4.1889) · p. Seite 214

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 14 (4.4.1889)
Date
1889-04-04
Page
Seite 214 (sequence 10)
Language
German
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214 auf's Beste unterstützt. In zwei Wahlbezirken, in der Inneren Stadt und Mariahilf, gingen nur 50, bez. 54 PCL. der Wähler zur Urne, was im zweiten Wahlkörper für eine sehr geringe Betheiligung gilt, und die Antisemiten siegten, wenn auch mit uicht bedeutenden Mehrheiten. In Margarethen betheiligten sich 87 Procent, und die Liberalen verfügten fast über zwei Drittel der Stimmen. Der „Pest. Lloyd" macht das Ministerium Taaffe und besonders Herrn v. Gautsch für die Triumphe der Antisemiten verantwortlich. Gautsch hat so lange mit den Klerikalen geliebäugelt, daß deren Muth gewachsen ist, sie sich aufs Lebhafteste an der Wahlagitation betheiligten und alle ihre Stimmen zu Gunsten der Antisemiten in's Feld führten. Ohne zu merken, daß sie nur die Geschäfte der Klerikalen besorgen, nahmen diese die Unterstützung gern an und brachten dankbar auch zwei Kirchenbeamte in den Wiener Gemeinderath, dort eine seltene Erscheinung. Der „Lloyd" ruft Taaffe warnend zu: Oesterreich verträgt keine abermalige Reaction! Bezeichnend für die Lage ist es, daß das ungarische, wie die deutsch-liberalen Blätter die Hoffnung auf die Jungczechen setzen und deren Wahlsieg in Böhmen wünschen, damit der liberalen Partei werthvolle Bundesgenossen zugeführt werden. Für Deutschland ist es wenig erfreulich, daß die „Vereinigten Christen", wie sich nun die klerikal-antisemitische Partei mit Recht nennt, sich als die besten Freunde und Gesinnungsgenossen der Deutschen aufspielen und ihren Triumph damit feierten, daß sie gestern eine Erinnerungsfeier für den ersten deutschen Kaiser veranstalteten." In der „Fr. Ztg." lesen wir: Mehr noch als die Schuldebatte interessirt gegenwärtig die weitesten Kreise der Ausfall der Wiener Gemeinderathswahlen. Die „Vereinigten Christen", nämlich die bunte Gesellschaft von Klerikalen, Czechen, Deutschnationalen und schwarzgelben Antisemiten, erringen Sieg über Sieg. Sogar in der inneren Stadt Wien, in der City, haben sie mit einer respectablen Majorität einen der ihrigen durchgebracht. Die großen Erfolge der vereinigten Christen in der inneren Stadt sind nicht auf Rechnung der Antisemiten, sondern der Klerikalen zu setzen. Man erzählt sich, daß den klerikalen Agitationen der hiesige Päpstliche Nuntius Galimberti sehr uahestehen soll und daß sehr vieles außerösterreichisches „katholisches" Geld für die Wiener Gemeinderathswahlen zur Verfügung gestellt wurde. Bisher gehören 27 Gemeinderäthe der Partei der „Vereinigten Christen" an. Höchst bemerkenswerth ist noch folgende Correspondenz der „Voss. Ztg.": Das Bündniß zwischen den Antisemiten und Klerikalen und die Unterstützung, welche die Regierung den „Vereinigten Christen" angedeihen ließ, zeigte sich bei der Wahl zum Gemeinderath in der Innern Stadt besonders wirksam. Der zweite Wahlkörper, wo Professoren, Beamte, reichere Bürger, Advokaten u.s. w. wählen, wurde als so sicher betrachtet, daß die Liberalen in ihren Wahlvorbereitungen sehr lässig waren und es kaum für nothwendig ansahen, bei der Wahlurne zu erscheinen; von 2720 Wählern übten nur 1392 (also 52 Procent) ihr Wahlrecht aus. Das rächte sich furchtbar. Während die Liberalen nur 646 Stimmen zusammenbrachten, erschienen die Antisemiten 730 Mann stark auf dem Kampfplatze und errangen den Sieg. Es ist kaum glaublich und doch wahr, daß ein Mann, welcher nicht, viel mehr ist als ein Meßner, ein ganz untergeordneter Beamter des Domkapitels von St. Stephan, ein Herr Hosting, durchdringen konnte. Dies konnte nur so zu Stande kommen, daß sich den Antisemiten die vielen katholischen Geistlichen der zahlreichen Pfarrkirchen und die k. k. Beamten hinzugesellten. Es ist erwiesen, daß dieser Bundesgenossenschaft auch die Antisemiten im dritten Bezirke ihre Wahl verdanken. Die Klerikalen, welche noch vor wenigen Jahren gegen die Nationalen extremer Richtung waren, gehen jetzt mit den Schönerianern Hand in Hand — aus blindem Haß gegen die Liberalen. Daß nur dieser Haß und die Aussicht, mit Hilfe der Antisemiten den liberalen Gemeinderath und den Landtag zu erobern und von hier aus weiter zu operiren, die sämmtlichen antiliberalen Elemente zusammenführt, zeigte die „Rede", welche der slovenische Kampfhahn Pater Gregorec heute anläßlich der Schuldebatte im Abgeordnetenhause hielt. Der hochwürdige Mann freute sich schon, daß der deutsche Schulverein zu Grunde gehen und das Protectorat der Stadt Wien einbüßen werde, wenn einmal die „Vereinigten Christen" im neuen Rathhause der Hauptstadt einziehen sollten. Gregorec schwatzte da aus, was er von den Führern der Reaction erlauschte. Wien, 26. März. Auch im ersten Wahlkörper für die Gemeinderathswahlen haben die Antiliberalen, das sind die vereinigten Clericalen und Antisemiten, eigene Candidaten aufgestellt, und es wird deshalb auch hier einen Kampf kosten. Interessant ist eine Auseinandersetzung, welche die Arbeiter dieser Tage mit den Antisemiten gehabt haben. In einer Versammlung des Arbeitervereins „Wahrheit" besprach ein Redner die Forderung des allgemeinen Wahlrechts auch für die Gemeinderathswahlen und kam dann auf den Antisemitismus zu sprechen. Ein einseitiger Standpunkt sei es, welchen diese Partei vertrete, deren zahlreichste Anhänger die neuen Fünfguldenmänner sind. Dienstmänner und Greißler wählen Antisemiten, weil sie glauben, daß die Juden an den gegenwärtigen Zuständen schuld seien. Der Redner meinte, diese Leute würden später richtige Socialdemokraten werden; vorläufig seien sie noch in der „Taferlclasse" des Socialismus. Was dazu wohl das „Vaterland" sagt? Sehr scharf wurden auch die reactionären Gelüste der Antisemiten auf

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