Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1889)
- Date
- 1889-04-04
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
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213 mächtniß des zu Wiesbaden verstorbenen Herrn Adolf Schwerin im Betrage von 1000 Mk. zugeflossen ist, und den Jahresbeiträgen allen Ansprüchen an die Stiftung Zu genügen. Nachdem noch für das erwähnte Bermächtniß der Dank der Versammlung zum Ausdruck gekommen, erstattete der Schatzmeister, Herr Bernh. Bodek, den Bericht über den Caffenabschluß für 1888. Darnach beläuft sich die Mitgliederzahl der Leipziger Mendelssohn-Stiftung auf 144 mit einem Jahresbeitrag von 4730 Mk., während die Zinsen des „festen Fonds", dem in Freud und Leid zahlreiche Schenkungen zufließen, 1247,50 Mk. betrugen. Vertheilt wurden 1670,50 Mk. für 37 Semester-Stipendien, (aus Section 1) und zwar 11 an Mediciner, 3 an Philosophen, 2 an Juristen, 2 an Gymnasiasten der oberen Classen, 18 an Conservatoristen, 1 an eine Kindergärtnerin. Hierbei sind die Petenten nach strengster Prüfung der Zeugnisse, Begabung und Bedürftigkeit berücksichtigt worden. Außerdem sind 772,80 Mk. für 143 Unterstützungen (aus Section II) gewährt worden, und vertheilen sich diese an weitere Kreise je nach momentaner Nothlage: 32 an Gelehrte, Schriftsteller und Lehrer, 5 an Schüler und Studirende, 19 an Künstler und Kunstgewerbtreibende, 9 an Schauspieler und Recitatoren, 36 an Angehörige des Kaufmannsstandes und 52 des Gewerbeslandes. Als Schenkung für den festen Fonds sind außer dem bereits erwähnten Vermächtnisse von 1000 Mk. noch 10 Mk. anzuführen. Der Bestand des festen Fonds belief sich bei Abschluß des Jahres 1888 auf 37 705,26 Mk. Bisher hat die Mendelssohn-Stiftung in ihrer 28jährigen Thätigkeit 1861—1889 in Section I. 827 Semester- Stipendien mit 49 424 Mk., in Section II. 1395 Unterstützungen mit 14 319 Mk. zur Vertheitung gebracht und dadurch manchem Talent emporgeholfen, manche Sorgen ehrlich und redlich vorwärts Strebender gelindert. Ein solches erfreuliches Resultat verdient gewiß die Beachtung und Theilnahme aller Menschenfreunde. Ratibor, 22. März. (Privatmitth.) Hier besteht noch eine der wenigen Simultanschulen Preußeus, und es ist nicht zu verwundern, daß ein gewisser Theil der Bevölkerung gegen dieselbe agitirt. Ein Antrag, von neun Stadtverordneten unterzeichnet, auf Aufhebung der Simultanschule wurde soeben an das Stadtverordneten-Collegium gerichtet, in welchem Anträge ein Passus enthalten ist, der zu characteristisch ist, um unsrer Aufmerksamkeit zu entgehen. „In Anbetracht dessen, daß eine gediegene Erziehung der Jugend nur auf religiöser Grundlage geschehen kann und die ganze geistige Atmosphäre der Schule eine einheitliche, confessionelle sein muß, so daß ein gläubiger Katholik nur aus einer katholischen, ein gläubiger Protestant nur aus einer evangelischen, ein gläubiger Israelit nur aus einer israelitischen Schule hervorgehen kann; in Anbetracht dessen, daß auf die sittliche Führung des Bürgers nichts so nachtheilig wirkt, als Glaubensgleichgültigkeit und Charactere sich nur auf positiv gläubiger Unterlage bilden — die hier bestehende Snnultanschule aufzuheben und in confessionelle, d. i. eine katholische und eine evangelische Elementarschule zu verwandeln, zugleich den wohl. Magistrat zu ersuchen, dem Anträge beizutreten und die Aussührung zu übernehmen." In der Begründung ihres Antrages nahmen die Herren ihre Zuflucht auch zu den Juden, wo es aber nun gilt, die Consequenz zu ziehen, und auch für die Juden zu sorgen, da ignorirt man sie. Die Juden, meinen jene Leute, können die Stadt- und Schullasten vollständig mit tragen, für ihre Bedürfnisse aber mögen sie außerdem die Mittel bei sich selbst suchen. Dies ist ja die Art und Weise, wie in Deutschland überall bezüglich der Juden verfahren wird. Nun, erklärlich ist es, daß sich die Antragsteller diese Jnconsequenz in einem und demselben Athem gestatten. Die städtischen Behörden haben gegen die confessionellen Schulen insbesondere den viel größeren Kostenaufwand zu berücksichtigen. Jene fordern eine katholische und eine evangelische Schule. Oesterreich-Ungarn. Wien, 25. März. Im Vordergründe des Interesses stehen noch immer die Gemeinderathswahlen und die Siege, welche die Antisemiten anbei errungen haben. Bei der Stichwahl im zweiten Wahlkörper siegten die Liberalen, jedoch mit einer geringen Majorität. Der Wiener Gemeinderath wird also unter seinen 120 Mitgliedern 27 Antisemiten zählen, was wohl sonst nirgends in der civitisirten Welt stattfindet und ein sehr lautes Zeugniß von der geistigen Beschaffenheit der Wiener Bevölkerung giebt. Es muß uns natürlich sehr interessiren, zu erfahren, wie dies gekommen, und hierzu wollen wir einige Stimmen von außerhalb unsres eigenen Kreises vernehmen. Der sehr gut unterrichtete Corresp. der Boss. Ztg. schreibt: „Als am Montag in der dritten Classe der Gemeindewähler in Wien die Antisemiten unerwartete Erfolge bei den Wahlen zum Gemeinderath davontrugen, wies man zur Beruhigung auf die Nothlage der kleinen Gewerbetreibenden hin, welche die Verirrung der Leute erkläre und entschuldige. Am Donnerstag war nun die zweite Classe zur Wahl berufen, der wohlhabende Mittelstand also war es, der 12 Gemeinderäthe zu wählen hatte, und aus der Urne gingen 7 Liberale und 4 Antisemiten hervor, während in einem Falle sich keine Mehrheit ergab und eine engere Wahl, die heute stattfindet, nöthig wurde. Nach diesem Ergebniß ist die frühere Erklärung hinfällig, und es läßt sich nicht leugnen, daß die reactionäre Strömung in Wien an Stärke gewonnen hat und die gedankenlose Gleichgiltigkeit sie