Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1889)
- Date
- 1889-04-04
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Auctionscataloge, Zeitungsannoncen rc. und das Resultat war gar oft ein klägliches :ry-i toyc. Zu Zeiten bin sch auch, wie man sagt: „reingefallen". Ich fand nämlich da oder dort ein Buch angezeigt, welches dem Titel nach auf jüdischem Gebiete sich bewegte und der Name des Autors klang jüdisch. Ich schaffte es an und es stellte sich heraus, daß es eine Missionsschrift war. Diese Erscheinung, daß es mir an geeigneten Büchern fehlte, ist leicht erklärlich. Ein tüchtiger jüdischer Schriftsteller oder ein wirklicher Dichter strebt danach, auf den offenen Markt des Lebens zu kommen, und jene, die sich zu diesem Gebiete hingezogen fühlen und aus innerem Antriebe auf demselben thätig sind, haben zu kämpfen und zu kämpfen , bevor sie einen Verleger finden, und selten oder nie tritt der Fall ein, daß die Autoren Honorare erhalten. Man kann dies den Verlegern nicht übelnehmen, da jüdische Bücher überhaupt und jüdische Jugendschriften insbesondere nur wenig gekauft werden. Diese Angelegenheit ist, wie man zugeben wird, von großer Wichtigkeit. Es handelt sich hier nicht um das Interesse der betreffenden Schriftsteller und Dichter und noch weniger um jenes der Verleger, sondern um ein wichtiges Interesse der Juden und des Judenthums. Zu allen Zeiten hat sich an uns das Wort des Propheten bewährt ’7N:n fps; Nicht die reichen Leute haben die Erlösung des israelitischen Volkes in unserer Zeit herbeigeführt und die reichen Leute werden uns auch nicht von der Pest des Antisemitismus befreien. Die reichen Juden waren im Gegcntheil zu allen Zeiten beneidet und gehaßt und der Haß wurde dann auch auf die andern Juden übertragen. Uns haben und uns werden die Männer des Geistes erlösen; man muß ihnen daher die Möglichkeit verschaffen nsin TTiryD isss\ Uin dieses Ziel herbeizuführen, habe ich vor einigen Jahren in mehreren Journalen folgenden Vorschlag gemacht: Es möge jede Gemeinde Ein Procent der jährlichen Einnahmen für die jüdische Literatur widmen. Zu schweigen von großen Gemeinden, so wird doch auch jede kleine Gemeinde, die jährlich ein Einkommen von 100 Gulden oder 100 Mark hat, einen Gulden oder eine Mark diesem Zweck widmen können. Wir halten diese Aufgabe, die jüdische Literatur zu fördern, für ebenso wichtig, wie die andern, die eine jüdische Gemeinde zu erfüllen hat; doch rojn |>ip -pN. Gewiß werden, wenn auch die Mittel vorhanden sind, doch nicht die Schriftsteller und Dichter hervorgezaubcrt werden können, und es ist ein großer Jrrthum zu glauben, daß jeder Lehrer auch Schriftsteller sei; und selbst, wenn dies der Fall wäre, so ist nicht jeder Schriftsteller ein guter Jugendschriftsteller. Für die Jugend ist das Beste gut genug, und nicht Jeder kann das Beste leisten. Es ist auch viel leichter für Erwachsene, als für die Jugend zu schreiben. Für Erwachsene schreibt man eben, wie man zu sagen pflegt, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Schreibt man aber für die Jugend, so muß man sich bei jedem Satze fragen: Wird ihn die Jugend verstehen und wie wird sie ihn verstehen. Wird man jedoch die Mittel haben, so daß man auf Absatz wird rechnen können, dann wird der Verleger nicht sofort jedes derartige Manuscript abweisen, und begabte Männer werden diesen Boden bebauen. In Betreff der Anschaffung von Lehrtexten möchte ich mir erlauben vorzuschlagen, etwas behutsam zu sein. Wie mich nämlich die Erfahrung lehrte, werden derartige Bücher von der Jugend nicht gelesen. Schließlich will ich noch Folgendes bemerken: Die von mir begründete Jugendbibliothek in der Religionsschule der israelitischen Cultusgemeinde wurde zu Anfang der achtziger Jahre, als der Religionsunterricht deccntralisirt und die Centralreligionsschule aufgehoben war, aufgelöst. Sie umfaßte über 1200 Bände und wurde an verschiedene israelitische Schulen und Anstalten: Taubstummeninstitut, Königsberg'sche Stiftung rc. verschenkt. Nachschrift der Redaction. Die Angelegenheit der Schul- oder Jugendbibliotheken erweckt diesmal vielseitiges Interesse, und so glauben wir diesem Gegenstände in unsrem Blatte Aufmerksamkeit schenken zu müssen. Der obige Artikel, aus langjähriger! Erfahrung und bestem Verständniß geflossen, enthält viele I richtige Bemerkungen, die wir der Beachtung empfehlen, j Wir fügen nur hinzu, daß nach unserer Erfahrung die Zahi lung von Honorar nicht genügt, um Autoren zu beschaffen, welche populäre und Jugendschriften zu verfassen geeignet; sind. Das „Institut zur Förderung der Israelitischen Literatur" hat während der 18 Jahre seines Bestandes allen! den Autoren, deren Schriften es veröffentlichte, gute Honorare ausgezahlt und noch dazu das freie Recht, ihre Erzeugj nisse auch anderweitig zu veröffentlichen, zugestanden. Denj noch ist es geschloffen tvorden, nicht sowohl wegen Mangels! an Abonnenten, deren es noch über 1500 hatte, sondern j vielmehr wegen des Mangels an anziehenden und fesselnden! populären und Jugendschriften. Wußten wir doch, daß in! diesem Theile unsrer Leistungen das Band lag, welches die | Abonnenten dem Institute treu erhielt. Gelehrte Abhandlungen und Werke lagen in Masse vor, doch hätten diese in ifcett Händen des großen Publikums zumeist nur als Makulatur gegolten. Zur Abfassung einer das größere Publikum ergreifenden oder die Jugend fesselnden Schrift gehört eben eine Vereinigung von Geistesgaben, die sich selten zusammenfindet. Eine lebhafte, bilder- und farbenreiche Phantasie und eine tiefe und zarte Empfindsamkeit muß sich mit schöpferischer Kraft und mit der Befähigung vereinigen, für Ge-