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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-04-04 · Heft 14 (4.4.1889) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 14 (4.4.1889)
Date
1889-04-04
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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209 Wahlen für den Gemeinderath nicht leicht zu überschätzen. Ohnehin ist diese Stadt von ihrer früheren Weltstellung beträchtlich herabgesunken. Der riesige Aufschwung Berlins, die Expansion dieser Metropole in wirthschaftlicher und cultureller Beziehung hat der Kaiserstadt an der Donau einen großen Theil ihrer früheren Bedeutung geraubt. Die föderalisirende Tendenz des gegenwärtigen österreichischen Regimes hat bewirkt, daß Wien einen wesentlichen Theil seines großstädtischen Gehaltes an die verschiedenen Länder-Centren abgeben mußte. Nun fehlte zu dem vollständigen Niedergang der österreichischen Hauptstadt gerade noch, daß sie den Unholden des Classen- und Racen-Fanatismus, den Handlangern des gesellschaftlichen Zerstörungswerkes ansgeliefert werde. Ihr Schicksal ist nun besiegelt. Wollten wir uns auf Prophezeiungen verlegen, wir würden auf Wien das Wort Heine's anwenden: „In deinen Palästen werden sich Bettler l.en" — und wir fürchten, es wäre keine falsche Prophezeiung. Der öde Haß und die brutale Dummheit machen Wüsteneien aus blühenden Gefilden. Doch, das hat die Wiener Bürgerschaft mit sich selber auszumachen. Aber ob eine österreichische Regierung die Berantmortung dafür übernehmen kann, wenn den ohnehin verbitterten Deutschen einer der wichtigsten Anziehungspunkte, der gegen die Gravitation nach außen schützt, verloren geht, der Stolz einer weithin leuchtenden und beherrschenden Metropole niedergebrochen wird, das ist eine wichtigere Frage und wir sind recht begierig, zu erfahren, wie das Ministerium Taaffe sich mit diesem Demolirungswerke abzufinden vermag. Wien, Mitte März. Jugend Kibliotheken. Von G. Wolf. Da ich einige Erfahrungen auf dem Gebiete einer Jugendbibliothek habe, so sei es mir gestattet, zu dieser Frage das Wort zu nehmen. Ich habe nämlich hier in der Religionsschule der israelitischen Cultusgemeinde im Jahre 1859, zu einer Zeit, als es bei uns in Oesterreich in den Schulen überhaupt nur höchst selten Bibliotheken für die Jugend gab, eine Jugendbibliothek begründet. Ich wendete mich mittelst eines gedruckten Aufrufes, in welchem ich den Nutzen einer derartigen Bibliothek auseinandersetzte, an die Mitglieder der Gemeinde mit der Bitte, mir Bücher, die für die Jugend geeignet sind, und welche im Hause nicht mehr benutzt wer den, weil aus den Kindern bereits Männer oder Frauen wurden, oder baares Geld behufs Ankaufs von Büchern zu schenken. Nach beiden Richtungen hin wurden meine Wünsche erfüllt. Ich erhielt Geldspenden, und im Laufe der Zeit, als sich die Nützlichkeit dieser Bibliothek erwies, erhielt ich auch vom Vorstande der Gemeinde einen Jahresbeitrag von fl. 20, der dann auf fl. 40 erhöht wurde. Ich erhielt aber auch zahlreiche Bücher. In gebildeten Familien, welche die Mittel dazu besitzen, werden nämlich für die Kinder Bücher unterhaltenden oder belehrenden Inhaltes angeschafft. Wenn dann die Kinder herangewachsen sind, weiß man gar oft nicht, was mit denselben anzufangen. Man war daher froh, mir sie zu einem guten Zwecke zu geben. Selbstverständlich mußten diese Bücher gesichtet werden, und ich kam da manchmal auf ganz wunderliche Dinge, daß der Jugend Bücher in die Hand gegeben wurden, die am allerwenigsten für sie geeignet waren. Wie natürlich, wurden derartige Bücher ausgeschieden. Obschon dies eine Jugendbibliothek der israelitischen Cultusgemeinde sein sollte, so faßte ich doch im vornhinein den Plan, daß in derselben nicht ausschließlich die jüdische Literatur vertreten fein sollte, da, wie bereits bemerkt, zu jener Zeit nur selten in den Schulen Jugendbibliotheken waren, und da, wo solche bestanden, waren sie sehr armselig eingerichtet. Selbstverständlich jedoch sollten jüdische Literaturerzeugnisse, insoweit sie in den Bereich der Jugend fallen (für Erwachsene besteht hier eine reich ausgestattete Gemeindebibliothek) im weitesten Umfange berücksichtigt werden. Diese Bibliothek war bestimmt für die oberen Klassen der Volksschule (im Jahre 1867 kamen dann die Bürgerschulen hinzu), und für die Schüler der Mittelschulen (Gymnasien und Realschulen). Die Jugendbibliothek hatte großen Zulauf, und kostete mir öfters viel Zeit und Mühe. Ich hatte durchschnittlich wöchentlich 100 Bücher, manchmal stieg die Zahl bis auf 200, auszuheben und einzuordnen re. Ich unterzog mich jedoch gerne dieser Mühe, da ich mich überzeugte, daß sie nicht nutzlos angewendet war. Ich benutzte diese Bibliothek überdies als pädagogisches Mittel; ich gab nämlich nur jenen Schülern oder Schülerinnen Bücher, deren Sitten tadellos waren und die ihren Pflichten beim Unterrichte nachkamen. In der ersten Zeit ging es mit der Anschaffung von Büchern auf dem Gebiete der Juden und des Judenthums, — und selbstverständlich konnte es sich nur um jene handeln, die in deutscher Sprache abgefaßt waren, Seetüre in hebräischer Sprache konnte nicht berücksichtigt werden, da sie von diesem Lesepublikum nicht verstanden wurde, —ganz gut. Nach' dem ich jedoch alles Brauchbare angeschafft hatte, befand ich mich so ziemlich auf dem Trockenen. Ich drückte öfters ein Auge, und ich will offen bekennen, manchmal auch beide Augen zu, um für diese Bibliothek Bücher im jüdischen Geiste und Sinne anzuschaffen; ich lugte nach allen Seiten hin aus; ich studirte die Hinrichs'sche Allg. Bibliographie f. Deutschland,

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