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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-04-04 · Heft 14 (4.4.1889) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 14 (4.4.1889)
Date
1889-04-04
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
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208 begangen wurden und die eben deshalb um so sorgfältiger hätten vermieden werden sollen, als man an nuferen Erfahrungen zu lernen reichlich Gelegenheit gehabt hätte. Die liberale Presse zunächst trägt einen großen Theil der Schuld an der Ausbreitung des häßlichen Uebels. Anstatt die böse Aussaat schon in ihrem ersten Keime zu erdrücken, was sehr leicht gewesen wäre, heuchelte man vornehme Gleichgiltigkeit gegen sie, denn man wollte „sich nicht zu erkennen geben". Jetzt allerdings wird mit allen Glocken Sturm geläutet und aus allen Registern gejammert, aber dieser Alarm und dieses Wehklagen jetzt kommt nur den Antisemiten zugute, die aus den Kundgebungen der Hilflosigkeit und Ohnmacht ihrer Gegner nur neue Zuversicht und erhöhten Schwung schöpfen. Nicht geringere Verantwortung lastet auf der deutsch-liberalen Partei. In ihrem Kampfe gegen das Ministerium Taaffe war ihr jede Bundesgenossenschaft willkommen, Alles, was sich „national" und „ultranational" aufspielte, wurde von ihr liebevoll gehätschelt, sie hatte nicht die Herzhaftigkeit, die verkappten Antisemiten ihrer Gefolgschaft offen von sich abzustoßen, ja es hat geraumer Zeit und ganz außerordentlicher Leistungen bedurft, bis sie auch nur Herrn Schönerer den Laufpaß gab, und so konnte die schmähliche Tendenz lange genug unter der Flagge des liberalen Deutschthums steuern. Dazu gesellte sich endlich auch noch der politische und gesellschaftliche Jndifferentismus der Wiener Bürgerschaft, welcher das alte Phäakenthum noch in allen Gliedern steckt, dazu! die wirthschaftliche Nnbeholfenheil, welche die Nährmutter des Neides und der Scheelsucht ist, und diese Summe negativer Elemente für sich allein, diese Unterlassungen und Versäumnisse waren gerade hinreichend, dem Antisemitismus die Arbeit zu erleichtern. Trotzdem wäre Wien niemals die Beute jener Epidemie geworden, hätte das gegenwärtige Regime nicht aus ganz Oesterreich einen einzigen Herd für alle reactionären Seuchen gemacht. Vielleicht unwillkürlich, vielleicht unbewußt, aber ganz unzweifelhaft begünstigt es alle rückschrittlichen Velleitäten. Wir schweigen davon, daß diese Regierung sich niemals zum Einschreiten gegen die schamlose Hetze aufgerafft hat, obgleich das österreichische Strafgesetzbuch ihr direkte Handhaben zum Schutz des Classen- und Religionsfriedens geboten hätte; wir schweigen davon, daß sie mit sichtlichem Behagen Alles geduldet, wenn nicht gar patronisirt hat, was auf die liberale Partei und ihren Anhang zersetzend wirken konnte, gleichviel, ob es auch zugleich die staatserhaltenden Elemente zersetzt hat. Allein wie dem auch sei, wichtiger und verderblicher ist die Thatsache, daß diese Regierung über den Parteien nur das Instrument einer Partei geworden, welche ohne Hilfe der ultramontanen und feudalen Reaction nicht bestehen kann. Der österreichische Antisemitismus ist nur ein „volksthümliches" Aushängeschild, hinter ihm lauert | die Tendenz Liechtenstein. Nicht gegen die Juden oder wenig- | stens nicht gegen sie allein wird der Kampf geführt, sondern j eben so sehr, ja man darf Wohl sagen in erster Linie gegen die Freiheit und die Culturerrungenschaften der Christen. Die „vereinigten Christen" sind nur die Avantgarde des Kreuzzuges gegen jene Gesellschaft, welche sich auf den Grundlagen der Duldsamkeit, der Nächstenliebe, der individuellen Gleichheit, das ist auf echt christlichen Principien, aufgebaut hat, und gegen jenen Staat, der mit seinen freien Institutionen die Quelle des Lichtes für die im Dunkel Wandelnden, der sittlichen Erhebung für die Zurückgebliebenen, der starke Hort der Rechtsgleichheit und der Schutz der Schwachen und Belasteten ist und also abermals auf den lautersten christlichen Grundsätzen ruht. Und hinter jener Avantgarde marschiren die Ritter vom Kreuz und vom Schwert, die Ultramontanen, welche den Staat und die Gesellschaft unter den Kirchenbann niederbeugen, die Streiter des "Hochadels, die den Staat und die Gesellschaft in die alte feudale Knechtschaft zurückzwingen wollen — marschirt jenes Heer, welches Oesterreich von Schmach zu Schmach, von Niederlage zu Niederlage bis an den äußersten Rand des Verderbens geführt hat, worin diese alte Monarchie auch untergegangen wäre, hätte nicht der Liberalismus das Rettungswerk vollbracht. Und daß unter dem gegenwärtigen Regime diese schmäh-! liche Reaction sich nicht nur hervorwagt, daß sie sogar, wie die Rede des Herrn v. Gautsch mit Sicherheit schließen läßt, in einer ihrer wesentlichsten Bestrebungen, in ihrem Vordringen gegen die freie Schule, auf die Unterstützung dieses Regimes rechnen kann, das ist der Makel, der ihm anhaftet und das wird auch sein Verderben sein. Oesterreich verträgt keine abermalige Reaction, denn auch dazu ist ein robuster, widerstandsfähiger Organismus nöthig, Oesterreich aber ist krank in seinem innersten Wesen und cs könnte das Experiment der Vivisection nicht überleben. Das lebendige Leben wird aber doch gegen die tödtliche Zumuthilng reagiren — und so braucht Einem um den endlichen Ausgang des Kampfes nicht bange zu sein! Wie es um die Chancen des Antisemitismus für sich allein beschaffen ist, das kommt nicht in Betracht, vielleicht wird dieses Schlinggewächs verdorren, sobald seine Stütze hinfällig geworden; aber in der Abwehr des reactionären Attentates auf die Volksbildung wird die deutsch-liberale Partei nicht vereinzelt stehen; die prächtige Rede Gregr's hat gezeigt, welche flammende Begeisterung auch bei einem sehr ansehnlichen Theile der Czechen für diese freie Schule herrscht und der verwegene Angriff wird sicherlich siegreich zurückgeschlagen werden. Aber Wien, das arme, bethörte und betrogene Wien, es wird seine Verirrung empfindlich büßen. Als locales Ereigniß ist die Tragweite des antisemitischen Erfolges in den

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