Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1889)
- Date
- 1889-04-04
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
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m in sich ein abgeschlossenes Ganze bildend behandelt. Es widerspricht dies dem Judenthume in seinen wesentlichsten Begriffen und in seiner ganzen bisherigen Entwickelung. In ihm ist die SitLenlehre ein Ausfluß der Gotteslehre, nichts als eine Consequenz der letzteren, mit welcher sie daher im engsten Zusammenhänge und in logischer Darstellung gehalten werden muß. Eine jüdische Sittenlehre ohne unmittelbare und beständige Beziehung auf Gott ist ein willkürliches Machwerk, ohne eigentliche Fundamentirung. Schon die abrahamitische Sittenlehre, die aus einer Reihe einzelner Züge sich ergiebt, spricht als Grundsatz aus (1. Mos. 17, 1): „Wandle vor mir (Gott) und vervollkommne dich" (cron nvr.) und noch concinner wird dies wiederholt (5. Mos. 18, 13): „Vollkommen sollst du sein mit dem Ewigen, deinem Gotte." Gott ist die Einheit aller Vollkommenheiten, das Gute an sich, darum die alleinige Quelle alles Guten, aller Vollkommenheiten und für den Menschen, der in seinem Ebenbilde geschaffen,dasVorbild allerTugenden,so daß er zurNacheiferung Gottes bestimmt und berufen. Die Fähigkeit der Menschenseele für Tugend, Liebe, Recht und Selbstaufopferung ist das Göttliche in ihr, das von Gott in seine Seele Gepflanzte. Deshalb soll nach obigen Grundsätzen der Geist des Menschen in steter Beziehung zu Gott leben, in seinen Gedanken und Entschlüssen sich auf Gott richten und ihm nachstreben wollen. Dies heißt „mit oder vor Gott wandeln" oder „auf den Wegen Gottes wandeln." Darum wird 5. Mos. 10, 12 das Verhältniß zu Gott in dem Ausspruche bestimmt: „Und nun, Israel, was fordert der Ewige von dir, als daß du Ehrfurcht habest vor dem Ewigen deinem Gotte, in seinen Wegen wandelst, ihn liebest und ihm dienest, von deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele." Das ganze sittliche Verhalten des Menschen wird hier also abermals „in Gottes Wegen wandeln" bezeichnet, also als niemals von dem Gottesgedanken getrennt. Wir wollen hierbei darauf aufmerksam machen, daß schon in diesem Satze die Dreitheiligkeit der gesammten Religionslehre aufgestellt wird, nämlich die Erkenntniß Gottes, sich ausprägend in der Gottesfurcht und Gottesliebe, die Verehrung Gottes, („ihm dienen") und der sittliche Lebenswandel (in seinen Wegen wandeln) und zwar von der ganzen Fülle des Menschenwesens getragen („von ganzem Herzen und von ganzer Seele"). Diese Eintheilung ist denn auch auf den Talmudismus übergegangen, und schon im Beginne der traditionellen Aera sprach dies Simeon der Gerechte aus: „Auf drei Dingen besteht die Welt, auf der Gotteserkenntniß (min“), auf der Gottesverehrung (rmzyr.) und auf dem sittlichen Lebenswandel (tj'ion Hi^d;). — Noch mehr. Da, wo die mosaische Schrift die Sittenlehre beinah systematisch behandelt, stellt sie an die Spitze ihrer Darlegung und wiederholt in der Mitte und am Schluffe derselben (3. Mos. 19, 2. 20, 7. 26): „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott" und ferner: „Ihr sollt euch heiligen, daß ihr heilig seied, denn ich bin der Ewige, euer Gott" und: „Seied mir heilig, denn heilig bin ich der Ewige." (Vgl. auch 3. Mos. 11, 44. 45. 4. Mos. 15, 40.) Endlich da, wo dem Volke Israel die höchsten Gebote der Sittenlehre in practischer Weise übergeben werden sollten, in den Zehn Worten, wird derselbe Gang verfolgt. Voran die Gotteserkenntniß (erstes Gebot), dann die Einzigkeit Gottes in dieser Erkenntniß mit dem Verbote des Götzendienstes; hierauf die Heiligung des göttlichen Namens und die Heiligung des Menschen im Sabbath, und nun die sittlichen Forderungen an den Menschen bis zur Läuterung der Seele in der Unterdrückung jeder bösen Begierde. — Wir begnügen uns heute mit diesen Nachweisungen, und glauben nicht, daß ein Zweifel übrig bleibt, wie auf dem Grunde der ganzen Entwickelung des Judenthums dieser innerste Zusammenhang, diese Untrennbarkeit der Sittenlehre von der Gotteserkenntniß besteht, daß sie völlig von einander abhängig sind und daß deshalb jede Bearbeitung der jüdischen Sittenlehre ohne die Begründung derselben auf der Gotteslehre unjüdisch, verfehlt ist. Fürwahr, alle Theile der Sittenlehre erhalten auch erst Wärme und Schwung und vermögen die Seele zu begeistern, wenn sie zu Gott zurückgeführt und von der Gottesfurcht und Gottesliebe durchdrungen werden. Im anderen Falle wird sie zu nichts als einer nüchternen, höchstens rationalistischen Zusammenstellung. — Wir kommen zum zweiten Moment. Selbstverständlich ist von der Sittenlehre Alles zu trennen, was den Ritus und das Ceremoniale betrifft. Dieses hat allerdings einen religiösen und sittlichenden Zweck und ist zur Erhaltung des religiösen Geistes für die Mehrheit der Menschen unentbehrlich, aber an und für sich hat es keinen sittlichen Inhalt. Beweis dafür ist, daß es Biele giebt, welche bei strenger Beobachtung des Ritualen und Ceremonialen unsittlich handeln. Dies spricht auch die h. Schrift an nicht wenigen Orten aus, und man braucht nur das erste Capitel des Buches Jesaias zu lesen, um die Uebung der cerenroniellen Vorschriften und Gebräuche in Verbindung mit unsittlichem Handeln aufs Schärfste verurtheilt zu sehen. Dahingegen müssen wir, und wir haben dies schon wiederholt getban, dagegen protestiren, daß man von der Sittenlehre des Judenthums die großen socialen Principien fern hält, welche der Mosaismus sowohl in Form von Grundsätzen, als auch in Specialgesetzen proclamirt hat und welche das Judenthum theoretisch und practisch, soweit es die gegebenen Verhältnisse gestatteten, stets festhielt. Unsere Lehre macht keinen Unter-